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Frieden im Sturm: Wie sich Gerd Müller und Uwe Seeler versöhnten

Dritter Teil der AZ-Serie: Am Anfang knirscht es in der Nationalmannschaft zwischen Müller und Platzhirsch Seeler gewaltig. Nach dem WM-Sieg 1974 tritt der Bomber der Nation für seine Familie beim DFB zurück.
| Patrick Strasser
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Ein Prosit auf die neue Harmonie im deutschen Sturm: Vor der WM in Mexiko 1970 waren Uwe Seeler (l.) und Gerd Müller noch erbitterte Rivalen.
Ein Prosit auf die neue Harmonie im deutschen Sturm: Vor der WM in Mexiko 1970 waren Uwe Seeler (l.) und Gerd Müller noch erbitterte Rivalen. © imago/WEREK

Nur etwas mehr als ein Jahr nach dem Bundesliga-Aufstieg mit dem FC Bayern 1965 wird Gerd Müller am 12. Oktober 1966 unter Bundestrainer Helmut Schön Nationalspieler. Im Alter von 20 Jahren, 11 Monaten, neun Tagen - und mit nicht mal 40 Bundesligaspielen.

Beim 2:0 in Ankara gegen die Türkei, Spiel eins des DFB nach dem unglücklich verlorenen WM-Finale von Wembley gegen England (2:4 nach Verlängerung), glückt ihm jedoch kein Tor. Die Deutsche Presse-Agentur schreibt von einer "ganz schwachen Leistung" in Abwesenheit von Nationalelf-Stürmer Nummer eins: Uwe Seeler. Für Müller dennoch eine besondere Reise, er schickt eine Postkarte an seine Freunde in der Heimat Nördlingen - mit allen Autogrammen der anwesenden Nationalspieler.

Selbst ein Gerd Müller hatte ein Leistungsloch

Ein halbes Jahr später beim 6:0 gegen Albanien macht er einen Viererpack. Aufgrund eines Leistungslochs mit Torblockade beim FC Bayern (ja, gab es tatsächlich) muss Müller von Oktober 1967 bis September 1968 auf sein sechstes Länderspiel warten. In dieser Phase verpasste die DFB-Auswahl ohne ihn durch ein blamables 0:0 in Albanien die Qualifikation für die EM 1968. "Es haben die gewonnen, die nicht dabei waren", sagte ein trauriger Müller, der das Spiel zu Hause am Radio verfolgt und dabei von einem TV-Team gefilmt wird. Schräge Zeiten!

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Ab Herbst 1968 bestreitet Müller 57 seiner insgesamt 62 Länderspiele - und verpasst dabei bis zum würdigen und zugleich unwürdigen Abschluss mit dem WM-Titel 1974 nur noch acht aus Gründen der Schonung. Ausgewechselt wird Müller in all seinen 62 DFB-Einsätzen nur einmal! Und auch nur einmal eingewechselt.

Als das Idol des Nordens "Uns Uwe" Seeler (32) nach seinem voreiligen Rücktritt aus der Nationalelf im Frühjahr 1968 von Bundestrainer Schön im Vorfeld der anstehenden WM 1970 in Mexiko zur Rückkehr überredet wird, ist Müller Deutschlands amtierender Fußballer des Jahres, Doublegewinner mit dem FC Bayern und hat eine Schallplatte ("Dann macht es bumm") aufgenommen.

Die Pop-Kultur hält auch im Fußball Einzug, Müller lässt sich einen Pilzkopf schneiden. Nebengeschäfte und persönliche Sponsoren werden immer wichtiger. Die Presselandschaft freut sich über das Duell der Mittelstürmer: Uwe gegen Gerd - zwei, die so gar keine Popstars sein wollen.

Aufhören, wenn's am schönsten ist: Gerd Müller beim WM-Triumph 1974.
Aufhören, wenn's am schönsten ist: Gerd Müller beim WM-Triumph 1974. © Karl Schnörrer / dpa

Die Rivalität wird offenkundig. Es knirscht, nicht nur weil Seeler nach seiner Rückkehr die Rückennummer "9", die zwischendrin Müller geerbt hatte, erhielt. Doppelpässe? Fehlanzeige? Der Nord-Süd-Sturm funktioniert nicht.

 "Uwe Seeler oder ich!" 

Müller poltert: "Herr Schön muss sich nun mal entscheiden - Uwe Seeler oder ich!" Der Hamburger nennt diese Aussagen "Kinderkram". Bei einem Treffen auf der ISPO im März 1970 in München sprechen sich beide aus - und erleben in Mexiko die "schönste WM der Karriere".

Schöns Assistent Jupp Derwall hat die geniale Idee, die Rivalen auf ein Zimmer zu legen, auf Zimmer 15 im als Urlaubsdomizil beliebten "Hotel Balneario Comanjilla" nahe León. Sie arrangieren sich, Kapitän Seeler akzeptiert die Rolle als hängende Spitze. So ballert das ungleiche Duo Deutschland unter sengender Hitze bis ins Halbfinale als man im Jahrhundertspiel in der Verlängerung mit 3:4 an Italien scheitert.

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Müller wird mit zehn Toren WM-Torschützenkönig und erhält eine goldene Uhr im Wert von 2.000 Mark. Seeler beendet im Herbst 1970 seine DFB-Karriere endgültig.

Müller macht mit 28 schon Schluss

1974 schießt Müller die Schön-Elf gegen die Niederlande mit seinem Tor zum 2:1 zum Weltmeister. Er ist am Ziel. Drei Tage vor dem Finale eröffnet er dem Bundestrainer, dass er danach aufhören wolle. Mit erst 28. Müller möchte er mehr Zeit mit Frau Uschi und Tochter Nicole verbringen, die "schon Onkel zu mir sagt".

Dass die Spielerfrauen auf dem Siegerbankett im Hilton Hotel am Tucherpark nicht erwünscht sind, bekräftigt Müllers Entschluss, dem DFB Servus zu sagen.


Morgen lesen Sie: Wie ihn seine Freunde vom Teufel Alkohol befreiten.

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