Frauen-Trainer Thomas Wörle hinterfragt Aus beim FC Bayern

Thomas Wörle hört als Trainer der Frauen des FC Bayern auf. Das Interview zum Abschied.
| Interview: Simon Stuhlfelner
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Trainierte die Frauen des FC Bayern seit 2010: Thomas Wörle.
Rauchensteiner/Augenklick Trainierte die Frauen des FC Bayern seit 2010: Thomas Wörle.

München - AZ-Interview mit Thomas Wörle. Der 37-Jährige trainiert die Frauen des FC Bayern seit 2010 und wurde mit dem Team zweimal Meister.

AZ: Herr Wörle, Sie werden am Sonntag beim letzten Heimspiel gegen Freiburg (14 Uhr, Campus) nach neun Jahren als Trainer des FC Bayern verabschiedet. Welche Gefühle kommen dabei in Ihnen hoch?
THOMAS WÖRLE: Ich habe viel erlebt hier beim FC Bayern, es war eine sehr erfolgreiche und lehrreiche Zeit. Wenn man neun Jahre lang alles für diesen Verein gegeben hat, wenn man Freude und Leid miteinander geteilt hat, dann fällt einem der Abschied nicht leicht. Aber das ist eben der Lauf der Zeit. Wenn ich es zusammenfassen müsste, würde ich sagen: Ich empfinde Dankbarkeit und Wehmut.

Können Sie es nachvollziehen, dass sich der FC Bayern auf der Trainerposition neu ausrichten wollte? Immerhin hatte der Klub unter Ihrer Führung die erfolgreichste Zeit seiner Geschichte.
Der Verein hat mir das bereits im Juli vergangenen Jahres mitgeteilt. Grundsätzlich muss man das akzeptieren, diese Entscheidung obliegt dem Verein. Wenn man die harten Fakten betrachtet, dann kam es aber für mich trotzdem sehr überraschend. Wir haben uns zuletzt fünfmal in Folge für die Champions League qualifiziert, wir waren zweimal deutscher Meister, dreimal Vizemeister und wir haben in diesem Jahr erstmals in der Vereinsgeschichte das Halbfinale der Champions League erreicht. Wenn man sieht, was wir also geleistet haben und nach wie vor leisten, dann ist es schwer nachvollziehbar.

Wörle: Die Stellung im Verein hat zugenommen

Wenn Sie zurückblicken auf Ihre neun Jahre beim FC Bayern: Was waren für Sie die Höhepunkte?
Zum einen der Pokalsieg von 2012, der ja wirklich aus dem Nichts kam. Uns hatte niemand auf dem Zettel, und dann haben wir im Finale in Köln den großen Favoriten 1. FFC Frankfurt mit 2:0 geschlagen. Und dann natürlich die beiden Meisterschaften. Bei der ersten, 2015, sind wir die ganze Saison ungeschlagen geblieben, aber erst am letzten Spieltag sind wir auf Platz eins gerutscht. Das war schon sehr emotional. Diese beiden Titel und unsere Serie von gar 40 Bundesligaspielen ohne Niederlage haben unser Denken verändert: Wir wussten, dass wir auf dem Papier qualitativ zwar nicht die beste Mannschaft hatten, aber dass wir mit harter Arbeit und außergewöhnlichem Teamspirit vieles schaffen können.

Wie hat sich in Ihren Jahren beim FC Bayern der Stellenwert des Frauenfußballs im Verein verändert?
Unsere Bedeutung ist definitiv gestiegen. Seit unseren Erfolgen werden wir im Verein deutlich mehr wahrgenommen und unterstützt. Der Klub hat gespürt, dass auch wir zum Renommee des FC Bayern beitragen, weil wir das weibliche Gesicht des FC Bayern sind. Unsere Stellung im Verein ist auch daran zu erkennen, dass wir hier am FC Bayern Campus unseren festen Platz haben. Das ist eine positive Entwicklung, aber vor allem Vereine im Ausland leben das mit noch mehr Selbstverständlichkeit.

Das unterscheidet Frauen- von Männerfußball

Wo sehen Sie denn die größten Unterschiede zwischen Männer- und Frauenfußball?
Mir hat immer imponiert, mit wie viel Fleiß und Eigenverantwortung unsere Spielerinnen an ihre Aufgaben herangegangen sind. Wenn wir auf Auswärtsreisen im Bus oder Flugzeug unterwegs sind, dann holen sie ihre Unterlagen heraus und lernen für die Schule oder fürs Studium. Die Spielerinnen sind sehr strukturiert – müssen sie auch sein, um Sport und Beruf oder Studium unter einen Hut zu bringen. Diese Hingabe findet man im Männerfußball selten.

Muss ein Trainer Frauen anders behandeln als Männer?
Man muss berücksichtigen, dass die Frauen sehr wissbegierig sind. Sie wollen Entscheidungen erklärt haben und Trainingsinhalte nachvollziehen. Man muss sie als Trainer mit einbeziehen. Hier und da muss man sicherlich etwas vorsichtiger zu Werke gehen, darf Kritik nicht zu hart formulieren, weil die Spielerinnen ohnehin sehr selbstkritisch sind. Deshalb nimmt man häufig auch die Rolle des Unterstützers ein.

Welche Vorurteile gegenüber dem Frauenfußball ärgern Sie am meisten?
Am meisten stört mich, wenn Frauen- und Männerfußball direkt miteinander verglichen werden und dann gesagt wird: Bei den Frauen ist ja kein Tempo, keine Athletik drin. Dieser Vergleich ist nicht zulässig, weil die körperlichen Voraussetzungen eben total unterschiedlich sind. Im Tennis wurde ja auch nicht das Spiel von Steffi Graf mit dem von Boris Becker verglichen. Wenn man sich aber mal auf den Frauenfußball einlässt, dann wird man feststellen, welch rasante Entwicklung die Sportart in den vergangenen fünf Jahren genommen hat.

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