FC Bayern schaltet in Freiburg auf Autopilot: "Wir ändern nichts"
Jubelschreie drangen aus der Gäste-Kabine im Europa-Park-Stadion von Freiburg, dazu vibrierte der Boden aufgrund der Party-Musik. Zwischen den Kabinen vom Gastgeber, dem Sport-Club, und den mit 3:1 siegreichen Bayern fand eine große Trikot-Tauschbörse in Adiletten statt. Freiburg-Verteidiger Matthias Ginter, nach einer blutenden Kopfverletzung mit blauem Stirnverband, trug eine Beule davon, aber dafür auch zwei FCB-Shirts. Bayerns Flügelstürmer Michael Olise kam oberkörperfrei aus der Kabine, die Hosen hingen auf Kniehöhe. Ein freundschaftliches Miteinander, gelöster Alltag nach einem intensiven Bundesligaspiel.
Auf den ersten Blick war an diesem Sonntag im Breisgau alles anders. Denn Vincent Kompany fehlte vor Ort. Zugleich war der Bayern-Chefcoach, der am Freitagnachmittag auf dem Trainingsgelände an der Säbener Straße zusammengebrochen war und per Notarzt ins Krankenhaus geliefert werden musste, in aller Munde – und in den Köpfen. Anstelle von Kompany trug Co-Trainer Aaron Danks (43), in der Hierarchie der Assistenten die Nummer eins, an der Seitenlinie die Verantwortung.
Kompany schreibt Nachricht aus dem Krankenbett
Nun muss der loyale Danks seinen Chef ersetzen, auf seine Art und in Kompanys Sinne. Nach dem 3:1 erhielt er eine Nachricht aus dem Krankenbett: "Gut gemacht, Jungs!" Danks bedankte sich, schrieb zurück: "Super, jetzt ruh' dich aus." Plus Kuss-Emoji. Dieser Sieg sei "die beste Medizin" für Kompany, sagte Max Eberl.
Bayerns Sportvorstand wirkte angefasst, erschöpft. Der Sieg in Freiburg sei "ein großer Sieg", sagte Eberl und zählte auf: "Der Sieg ist für Vinny. Der Sieg ist für Jo, für seine Familie. Der Sieg ist für Lucho Díaz. Der Sieg ist für den FC Bayern und für diese Zusammengehörigkeit, die wir einfach jetzt brauchen." Die Leistung aller Beteiligten sei "wirklich außergewöhnlich".
FC Bayern hat seine Automatismen abgerufen
Weil sie in einer Ausnahmesituation errungen wurde. Weil die Mannschaft ihre Automatismen abgerufen hatte – auch ohne "ihre Gallionsfigur" wie Eberl den Cheftrainer nannte. Eine bemerkenswerte Team-Leistung unter erschwerten Bedingungen. Nicht nur der Schock des Zusammenbruchs von Kompany war zu verarbeiten, es fehlten auch Kapitän Manuel Neuer, Luis Díaz, Jamal Musiala, Aleksandar Pavlovic, Min-jae Kim (alle verletzt) sowie Vize-Kapitän Joshua Kimmich, der nach dem Tod seines Vaters weiter bei seiner Familie weilt.
Wie konnte die dezimierte Mannschaft all das wegstecken und bis zum 1:2-Anschlusstreffer der Freiburger "ein nahezu perfektes Auswärtsspiel" (Eberl) abliefern? Weil man ganz bewusst auf Business as usual setzte. "Die Mannschaft weiß, was zu tun ist", berichtete Eberl, "der Trainerstab hat eins zu eins an unseren Abläufen, die bei uns manifestiert sind, festgehalten. Wir ändern nichts, sondern bleiben dem treu, was wir tun." Die Assistenten wüssten genau, "wie wir es haben wollen", so Eberl, "sie haben das herausragend gemacht in der Kürze der Zeit." Führungsspieler wie Harry Kane, diesmal Kapitän, ergriffen in der Kabine das Wort.
FC Bayern empfängt am Samstag Dortmund
Mit Vinnie im Hinterkopf schaltete die Mannschaft auf Autopilot. Auch ohne das wichtigste Puzzleteil können die Profis das große Bild zusammenfügen. Nach knapp 28 Monaten gemeinsamer Arbeit mit dem Trainerstab haben die Profis Kompanys Philosophie und sein Spielsystem (4-3-3) verinnerlicht. Nicht wer spielt, sondern wie ein Spieler seine Aufgabe auf dem Platz erfüllt, ist entscheidend. Nicht die Position ist maßgebend, sondern die tatsächliche Leistung. Das macht diese Bayern so stark. Die Aufgabe von Danks, bei den Spielern auch für seinen trockenen britischen Humor beliebt, wird nun sein, die Mannschaft so zu betreuen und die Partien so zu coachen, als wäre Kompany mal eben nicht da. Dabei weiß niemand, wann der 40-Jährige zurückkommt.
Am Samstag steigt das Spitzenspiel, der deutsche Klassiker zwischen dem Meister und Tabellenführer sowie dem Verfolger Borussia Dortmund. Konrad Laimer sprach die Lösung für die nächsten Wochen aus: "Wir stehen zusammen, bleiben zusammen und gehen unseren Weg einfach weiter." In der Ruhe liegt die Kraft.
