Interview

FC-Bayern-Legende Sepp Maier appelliert an Kompany: "Vincent, pass auf dich auf!"

FC-Bayern-Legende Sepp Maier spricht im AZ-Interview über den Zusammenbruch von Vincent Kompany, den Umgang von Trainern mit Druck im Profifußball und darüber, was für ihn im Leben wirklich wichtig ist.
von  Reinhard Franke
Ein Sympathieträger und eine absolute Vereinslegende des FC Bayern: Sepp Maier.
Ein Sympathieträger und eine absolute Vereinslegende des FC Bayern: Sepp Maier. © IMAGO/Michael Weber

Herr Maier, Vincent Kompany ist erst 40 Jahre alt, steht mitten im Leben und ist am Freitag plötzlich zusammengebrochen. Er musste ins Krankenhaus gebracht werden und es wird wohl einige Wochen dauern, bis er wieder auf der Trainerbank Platz nehmen wird. Was haben Sie empfunden, als Sie davon erfahren haben?
SEPP MAIER: Mei, da erschrickst du natürlich. Der Vincent ist ein junger Mann, voller Energie und Begeisterung. Wenn du ihn an der Seitenlinie siehst, kannst du dir kaum vorstellen, dass ihm plötzlich so etwas passiert. Ich hoffe sehr, dass es ihm bald wieder gut geht. In solchen Momenten wird einem bewusst, wie schnell sich alles ändern kann. Gestern redest du noch über Fußball, und heute machst du dir Sorgen um einen Menschen.

Kompany hatte zuletzt mit einer Virusinfektion zu kämpfen. Nach dem Champions-League-Spiel gegen Arsenal sagte er selbst, dass er nicht ausreichend auf seinen Körper gehört habe. Kennen Sie diesen Ehrgeiz, unbedingt weitermachen zu wollen, obwohl der Körper eigentlich eine Pause verlangt?
Wir Fußballer sind manchmal schon ein bisschen verrückt (lacht). Du willst unbedingt dabei sein, willst deine Mannschaft nicht im Stich lassen. Da redest du dir schnell ein, dass es schon irgendwie gehen wird. Ich kenne diesen Ehrgeiz natürlich. Aber mit den Jahren wirst du hoffentlich ein bisschen gescheiter. Man muss nicht immer den Helden spielen. Manchmal ist es vernünftiger, einfach einmal Nein zu sagen.

Maier: "Ich finde, ein Mann darf ruhig auch mal weinen"

Ihr früherer Trainer Udo Lattek musste 2013 nach einem Schwächeanfall ins Krankenhaus. Er war damals bereits 78 Jahre alt und längst nicht mehr als Trainer tätig. Wie haben Sie diese Nachricht aufgenommen?
Der Udo war für mich immer eine ganz besondere Persönlichkeit. Wenn der einen Raum betreten hat, hast du gleich gemerkt, wer der Chef ist. (lacht) Er konnte uns ordentlich antreiben, aber er hatte auch eine andere Seite. Wir haben zusammen große Erfolge gefeiert. Wenn du dann hörst, dass so ein Mensch gesundheitliche Probleme hat, kommen natürlich viele Erinnerungen zurück. Man denkt an die gemeinsamen Jahre und daran, wie schnell die Zeit vergangen ist.

Lattek war für viele der Inbegriff eines starken, beinahe unverwundbaren Trainers. Haben Sie ihn auch einmal ganz anders erlebt – verletzlich, erschöpft oder voller Selbstzweifel?
Der Udo hat für den Fußball gelebt. Wenn etwas nicht funktioniert hat, hat ihn das natürlich beschäftigt. Nach außen war er meistens der starke Mann. Aber ich glaube, jeder Mensch hat auch eine Seite, die nicht jeder zu sehen bekommt. Ob ich Udo einmal wirklich verletzlich erlebt habe, müsste ich Dir aus meiner Erinnerung erzählen. Ich möchte ihm da nichts unterstellen. Aber er war natürlich mehr als nur der Trainer, den die Leute aus dem Fernsehen kannten.

Sie haben Udo Lattek über viele Jahre erlebt, Herr Maier. Haben Sie diesen so emotionalen Menschen eigentlich auch einmal weinen sehen?
Ob ich den Udo tatsächlich einmal weinen gesehen habe, müsste ich Dir ehrlich aus meiner Erinnerung beantworten. Aber ich finde, ein Mann darf ruhig auch einmal weinen. Was soll denn daran schlimm sein? Du kannst ein harter Trainer sein und trotzdem Gefühle haben. Das eine schließt das andere doch nicht aus. Und manchmal sind gerade die Menschen besonders sensibel, von denen man es am wenigsten erwartet.

Früher durften Trainer keine Schwächen zeigen

Sie haben mit Udo Lattek, Dettmar Cramer und später als Torwarttrainer auch mit Ottmar Hitzfeld zusammengearbeitet. Wer von diesen großen Trainern konnte am schlechtesten abschalten, wenn es um den Fußball ging?
Das waren drei völlig unterschiedliche Typen. Der Udo war sehr emotional, der Dettmar hat sich über alles unglaublich viele Gedanken gemacht, und der Ottmar war ein Perfektionist. Aber alle drei waren mit Leib und Seele Trainer. Ich glaube, die haben sich auch abends noch mit Fußball beschäftigt, wenn andere längst vor dem Fernseher gesessen sind. (lacht) Wer am schlechtesten abschalten konnte, müsste ich Dir an einer konkreten Geschichte erklären.

Bayern-Trainer Vincent Kompany liegt nach seinem Zusammenbruch von vergangenem Freitag noch immer im Krankenhaus.
Bayern-Trainer Vincent Kompany liegt nach seinem Zusammenbruch von vergangenem Freitag noch immer im Krankenhaus. © IMAGO

Ein Spieler kann nach einer Niederlage mit seinen Mannschaftskameraden reden. Aber mit wem spricht eigentlich ein Trainer, wenn er nachts wach liegt und nicht mehr weiterweiß?
Das ist eine gute Frage. Als Spieler hast du deine Kameraden. Da setzt du dich zusammen, redest über das Spiel und kannst auch einmal schimpfen. Aber ein Trainer muss am nächsten Morgen schon wieder die Richtung vorgeben. Der kann ja schlecht vor seine Mannschaft treten und sagen: Burschen, ich weiß auch nicht mehr weiter. (lacht) Deshalb braucht er Menschen, denen er wirklich vertraut. Sonst kann das ein verdammt einsamer Beruf sein.

Früher durfte ein Trainer offenbar keine Schwäche zeigen.
Früher hieß es oft: Zähne zusammenbeißen und weitermachen. Das war im Fußball einfach so. Wenn einer gesagt hat, dass er eine Pause braucht, wurde das nicht immer verstanden. Heute sehe ich das anders. Es ist doch keine Schande, wenn jemand erschöpft ist oder Hilfe braucht. Ein Trainer muss Entscheidungen treffen können. Dazu gehört manchmal auch die Entscheidung, auf sich selbst aufzupassen.

Maiers schwerer Autounfall veränderte sein Leben

Sie haben in Ihrem Leben so viel gelacht und anderen Menschen Freude gemacht. Gab es eigentlich auch Momente, in denen Ihnen das Lachen vollständig vergangen ist?
Aber selbstverständlich. Ich bin ja nicht als Kasperl auf die Welt gekommen. (lacht) Die Leute kennen mich als fröhlichen Sepp. Aber natürlich habe ich auch schwere Zeiten erlebt. Es gibt Situationen, da hilft dir selbst der beste Witz nicht weiter. Ich glaube nur, dass man versuchen muss, sich die Lebensfreude zu bewahren. Nicht jeden Tag ist einem zum Lachen zumute. Aber umso schöner ist es, wenn man irgendwann wieder lachen kann.

Herr Maier, am 14. Juli 1979 hat ein schwerer Autounfall Ihr Leben von einer Sekunde auf die andere verändert. Sie waren damals gerade einmal 35 Jahre alt. Haben Sie in diesen Stunden eigentlich Angst gehabt, sterben zu müssen?
Das war eine ganz schlimme Geschichte. Ich war 35 Jahre alt, sportlich fit und hatte noch große Pläne. Ich wollte ja weiter Fußball spielen. Und plötzlich war alles anders. Was ich damals in den ersten Stunden tatsächlich empfunden habe, müsste ich Dir genau erzählen. Aber so ein Erlebnis verändert einen natürlich. Du merkst, dass du noch so viele Pläne machen kannst und das Leben trotzdem manchmal etwas ganz anderes mit dir vorhat.

Als wir vor zwei Jahren über Ihren schweren Autounfall gesprochen haben, nannten Sie Uli Hoeneß Ihren Schutzengel, weil er Ihnen damals das Leben gerettet hat. Wenn Sie heute auf diese Freundschaft zurückblicken: Hat dieses Erlebnis Sie beide auf eine Weise verbunden, die weit über den Fußball hinausgeht?
Dem Uli habe ich unglaublich viel zu verdanken. Wir kennen uns schon so lange, haben zusammen große Erfolge gefeiert und einiges miteinander erlebt. Aber das damals war natürlich etwas ganz Besonderes. Wenn ein Mensch in einer solchen Situation für dich da ist und dir möglicherweise das Leben rettet, dann vergisst du das nie. Da geht es nicht mehr um Fußball. Da geht es um Freundschaft und darum, dass du dich auf jemanden verlassen kannst, wenn es wirklich darauf ankommt.

"Ich finde es richtig, dass der Verein Vincent alle Zeit geben will"

Sie hatten damals im Fußball alles gewonnen. Und plötzlich ging es nicht mehr um Siege oder Niederlagen, sondern um Ihr eigenes Leben. Was geht einem Menschen in so einem Moment durch den Kopf?
Als junger Sportler denkst du immer an das nächste Spiel, an deine Ziele und daran, was du noch erreichen willst. Dass plötzlich alles vorbei sein könnte, kommt dir doch gar nicht in den Sinn. Ich musste nach meinem Unfall einen neuen Weg finden. Das war nicht immer einfach. Aber ich hatte auch das Glück, dass mein Leben weiterging und ich später wieder im Fußball arbeiten konnte. Manchmal endet ein Kapitel, obwohl du selbst noch gar nicht damit fertig bist.

Max Eberl hat betont, dass Kompanys Gesundheit absolute Priorität hat und er alle Zeit bekommen soll, die er braucht. Muss der FC Bayern gerade jetzt zeigen, dass es etwas Wichtigeres gibt als Meisterschaften und Siege?
Natürlich. Der FC Bayern ist ein Verein, bei dem immer viel erwartet wird. Aber in einer solchen Situation muss der Mensch im Mittelpunkt stehen. Ich finde es richtig, dass der Verein Vincent alle Zeit geben will, die er braucht. Die Mannschaft hat genügend gute Leute, die sich jetzt um den Fußball kümmern können. Und wenn Vincent wieder gesund ist, kann er sich immer noch über einen Fehlpass ärgern. (lacht)

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Kompany hat mit Aaron Danks einen engen Vertrauten und erfahrenen Co-Trainer an seiner Seite. Kann sich der FC Bayern in einer solchen Situation darauf verlassen, dass Danks und der gesamte Trainerstab die Mannschaft auch ohne Kompany erfolgreich führen?
Davon bin ich überzeugt. Der Vincent hat ja nicht irgendwelche Leute um sich herum, sondern einen Trainerstab, der genau weiß, wie er arbeiten will. Die sind jeden Tag bei der Mannschaft, kennen die Spieler und wissen, worauf es ankommt. Der Aaron Danks ist ein wichtiger Mann an seiner Seite. Da muss man sich beim FC Bayern keine Sorgen machen. Und vielleicht ist es für die Spieler auch einmal eine besondere Verantwortung, zu zeigen, dass sie ohne ihren Chef genauso konzentriert und erfolgreich arbeiten können.

Kompany ist nicht nur Trainer des FC Bayern, sondern auch Ehemann und Vater. Denken wir im Fußball manchmal zu wenig an die Familien, die hinter diesen Menschen stehen und sich in solchen Momenten große Sorgen machen?
Ja, das glaube ich schon. Wir reden immer über Trainer, Spieler, Verträge und Ergebnisse. Aber daheim sitzen Menschen, für die das alles überhaupt keine Rolle spielt, wenn jemand krank wird. Für die Familie ist Vincent nicht der Trainer des FC Bayern, sondern der Ehemann und Papa. Die wollen ihn einfach gesund wieder bei sich haben. Das sollte man bei aller Begeisterung für den Fußball nie vergessen.

Das rät Maier Kompany nach dessen Zusammenbruch

Wenn Sie Vincent Kompany jetzt persönlich etwas sagen könnten, von einer Bayern-Legende zur nächsten Trainergeneration: Was würden Sie ihm mit auf den Weg geben?
Vincent, schau auf dich! Du bist noch jung und hast hoffentlich noch viele schöne Jahre vor dir. Lass die anderen jetzt einmal machen. Die werden das schon hinkriegen. (lacht) Du musst niemandem etwas beweisen. Nimm dir die Zeit, die du brauchst. Und wenn du wieder richtig fit bist, kannst du dich immer noch um unsere Bayern kümmern.

Sie sind inzwischen 82 Jahre alt, haben im Fußball fast alles erlebt und mussten selbst erfahren, wie schnell das Leben eine andere Richtung nehmen kann. Was ist am Ende wirklich wichtig im Leben – und was haben Sie vielleicht erst spät verstanden?
Weißt du, ich habe in meinem Leben viele Titel gewonnen. Ich durfte Weltmeister werden, Europameister und dreimal den Europapokal gewinnen. Das waren wunderbare Erlebnisse. Aber wenn du älter wirst, merkst du, dass es noch ganz andere Dinge gibt. Dass du gesund bist, Menschen um dich hast, die dich lieben, und morgens aufstehen kannst und dich auf den Tag freust. Ich bin jetzt 82 Jahre alt und habe immer noch Freude am Leben. Ich glaube, das ist ein größeres Geschenk als jeder Pokal. Und solange ich noch lachen kann, ist sowieso nicht alles verloren. (lacht)

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