FC-Bayern-Legende Pfaff in der AZ über Neuers Zukunft: "Manuel spürt, wann die Zeit kommt, um Platz zu machen"
AZ: Herr Pfaff, wenn Sie am Mittwoch beim Champions-League-Spiel des FC Bayern gegen Union Saint-Gilloise in der Allianz Arena auf der Tribüne sitzen, werden Sie als ehemaliger Weltklasse-Torhüter natürlich besonders auf Manual Neuer achten. Der Kapitän wird im März 40 Jahre alt. Wie sehen Sie seine Leistungen aktuell?
JEAN-MARIE PFAFF: Manuel Neuer ist nach wie vor ein außergewöhnlicher Torwart. Auch mit fast 40 Jahren zeigt er, dass er Spiele lenken kann, von hinten dirigiert und die Mannschaft organisiert. Er ist immer noch einer der besten, aber natürlich hängt vieles von der Mannschaft ab. Ein Torwart möchte nicht abhängig sein, sondern selbst das Spiel bestimmen – und das kann Neuer weiterhin.
Das große Thema an der Säbener Straße ist gerade: Sollen Bayern und Neuer noch einmal verlängern, oder nicht? Was ist Ihre Meinung?
Das kommt darauf an, was er selbst möchte. Wenn er sich fit fühlt und der Verein bereit ist, weiter dieses Gehalt zu zahlen, dann spricht nichts dagegen. Aber irgendwann muss man auch Abschied nehmen. Und wenn du einen guten jungen Torwart hast, der muss auch seine Erfahrungen sammeln.
Pfaff findet Neuers hohes Gehalt gerechtfertigt
Viele Experten, wie zum Beispiel Matthias Sammer, können sich sogar vorstellen, dass Neuer noch eine WM spielt. Sollte Bundestrainer Julian Nagelsmann sich um ein Neuer-Comeback beim DFB bemühen? Und ist er für Sie immer noch der beste deutsche Torwart?
Ja, freilich. Aber das zeigt auch, dass in Deutschland nicht mehr viel nachkommt. Früher hattest du Sepp Maier, Toni Schumacher und viele andere Namen. Heute gibt es Manuel - und sonst? Die anderen deutschen Torhüter sind gut, wenn die Mannschaft gut ist. Aber ein Torwart darf– wie gesagt – nicht abhängig sein von der Mannschaft.
Neuer gehört nach wie vor zu den absoluten Topverdienern beim Rekordmeister. Gleichzeitig hat die Chefetage um Uli Hoeneß einen Sparkurs ausgerufen. Ist so ein hohes Gehalt angesichts des Alters noch gerechtfertigt?
Wenn der Verein das zahlen kann, warum nicht? Dino Zoff wurde übrigens mit 40 noch Weltmeister. Klar, das ist eine Ausnahme. Ich würde Manu raten: Bleib so lange wie möglich in deinem Beruf. Wenn du fit bist und die Nummer eins bleibst, dann mach weiter. Vielleicht noch ein oder zwei Jahre, vielleicht sogar drei. Aber dann muss der Junge ran.

Pfaff: Noch ein Jahr für Urbig auf der Bank könnte seine Entwicklung bremsen
Der "Junge" heißt beim FC Bayern aktuell Jonas Urbig. Ist es aus Vereinssicht sinnvoll, wenn Neuers Kronprinz noch ein weiteres Jahr auf der Bank sitzt?
Das ist schwierig. Urbig ist ein großes Talent, hat eine tolle Ausstrahlung und ist erst 22 Jahre alt. Aber er braucht Spielpraxis, um sich weiterzuentwickeln. Wenn er noch ein Jahr auf der Bank sitzt, könnte das seine Entwicklung bremsen. Training ist nicht dasselbe wie ein echtes Spiel. Bayern muss abwägen: Verlängert man mit Neuer und riskiert, dass Urbig stagniert, oder gibt man dem jungen Torwart die Chance, sich zu beweisen? Aber ich denke, wenn Manuel noch ein Jahr macht, ist das Risiko für alle Seiten überschaubar.
Wie wichtig ist das Verhältnis zwischen Neuer und Urbig? Mit Alexander Nübel hat es ja offensichtlich nicht wirklich funktioniert.
Sehr wichtig. Du musst zusammenarbeiten können. Wenn die Nummer zwei fair behandelt wird, bringt das dem Verein mehr als Streit. Ich glaube, Manuel spürt, wann die Zeit kommt, um Platz zu machen. Vielleicht geht er dann nach Saudi Arabien oder bleibt als Botschafter bei Bayern. Er ist ja bekannt auf der ganzen Welt.
Pfaff über Kompany: "Jung, ehrgeizig und bringt die richtige Mentalität mit"
Bei Raimond Aumann und Ihnen war das Verhältnis damals nicht ganz so gut.
Ja, das stimmt. Damals war das schwierig, wir haben uns nicht richtig verstanden. Aber das ist Vergangenheit, ich rede da nicht mehr drüber. Ich habe meine Erfahrungen gemacht und gelernt, dass man im Leben weitermachen muss. Familie und das eigene Leben sind wichtiger als alte Konflikte.
Trainer Vincent Kompany hat gerade mit seiner Mannschaft die beste Hinrunde der Bundesliga-Geschichte hingelegt. Wie wird ihr Landsmann in Belgien aktuell wahrgenommen?
Mit sehr viel Respekt. Er ist ein intelligenter, bodenständiger Mensch, der weiß, wo er herkommt. Er motiviert seine Spieler und hat eine klare Vorstellung vom Spiel. Während seiner Zeit bei RSC Anderlecht gab es zwar Diskussionen, aber insgesamt wird er als großer Trainer und Persönlichkeit geschätzt. Er ist jung, ehrgeizig und bringt die richtige Mentalität mit.
Könnte Kompany eines Tages sogar belgischer Nationaltrainer werden?
Das wäre schön, aber ich glaube nicht, dass er das in naher Zukunft macht. Er ist noch jung und liebt die tägliche Arbeit als Vereinstrainer. Vielleicht später, aber im Moment hoffe ich, dass er noch lange Trainer des FC Bayern bleibt.
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