FC Bayern: Karriereende von Philipp Lahm - Jupp Heynckes im Interview

In der AZ spricht Bayerns Triple-Trainer Jupp Heynckes über den Gewinn der Champions League und Philipp Lahm: "Ein Kopfmensch, der Dinge rational steuert."
| Maximilian Koch
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Jupp Heynckes spricht im AZ-Interview über die Karriere von Philipp Lahm.
imago/Eibner Jupp Heynckes spricht im AZ-Interview über die Karriere von Philipp Lahm.

In der AZ spricht Bayerns Triple-Trainer Jupp Heynckes über den Gewinn der Champions League und Philipp Lahm: "Ein Kopfmensch, der Dinge rational steuert."

München - Jupp Heynckes führte den FC Bayern mit Kapitän Philipp Lahm in der Saison 2012/13 zum Triple – dem Gewinn der Champions League, der Meisterschaft und des DFB-Pokals.

AZ: Herr Heynckes, heute bestreitet Philipp Lahm sein letztes Spiel als Fußballprofi. Das größte Spiel im Bayern-Trikot fand 2013 in Wembley statt. Sie waren Lahms Trainer im Champions-League-Finale gegen Borussia Dortmund beim 2:1-Sieg. War er in diesen großen Spielen eigentlich immer so cool, wie er wirkte?
JUPP HEYNCKES: Ich erinnere mich, dass Philipp nach dem Spiel zu mir kam, wir lagen uns vor Freude in den Armen, und er sagte: Trainer, in den ersten 20 Minuten war ich so nervös, die ganze Mannschaft, weil der Druck so immens war. Ich konnte das verstehen: Jeder in der Mannschaft hatte den große Wunsch, den Pott endlich zu gewinnen.

Ein Jahr zuvor gab es das dramatische Finale dahoam, auch damals saßen Sie auf der Trainerbank.
Das hat den Druck nicht unbedingt verringert. Man muss sehen, dass die Generation Lahm, Schweinsteiger, Ribéry, Robben – ich nenne mal die, die jetzt älter sind als Neuer, Müller, Boateng – dass die unbedingt Champions-League-Sieger werden wollten. Deshalb war natürlich mit dem Sieg in London gegen Borussia Dortmund eine große Freude, eine große Erleichterung zu spüren. Da schwamm hinterher alles weg.

Auch bei Lahm?
Ja. Als es geschafft war, als wir Borussia Dortmund besiegt hatten, war Philipp frei von allem. Er hat seiner Freude freien Lauf gelassen. Nach dem Champions-League-Sieg und wenige Tage später nach dem Triple-Sieg war er richtig losgelöst. Da merkt man, dass Spieler, die es gewohnt sind, immer unter riesigem Druck zu spielen, nochmal angespannter sind, wenn es wirklich ums Ganze geht, um den ganz großen Erfolg.

Ein Jahr später hat sich die Generation Lahm/Schweinsteiger noch dem WM-Titel geschnappt.
Mit dem Triple-Sieg sind die deutschen Nationalspieler insgesamt mit mehr Selbstsicherheit, mit einem ganz anderen Selbstverständnis zur WM gefahren. Es hieß ja immer, dass diese Generation den großen Triumph in der Champions League nicht schafft. Ich habe das gefühlt bei Robben, Ribéry, Schweinsteiger, vor allem bei Lahm, dass sie unbedingt den Pokal holen wollten.

"Über viele Jahre der beste Rechtsverteidiger der Welt"

Sie haben in Ihrer Karriere ja einige Rechtsverteidiger erlebt – als Spieler und später auch als Trainer. War Lahm der beste?
Ich habe natürlich auch mit einem Weltklasse-Rechtsverteidiger zusammengespielt: Berti Vogts. Philipp zählt sicher neben Berti und Manni Kaltz zu den herausragenden Rechtsverteidigern, die Deutschland hatte. Er war ein Dauerbrenner, er hat immer seine Ziele realisieren können: die Champions League, das Triple und natürlich auch die Weltmeisterschaft.

Was hat Lahm so einzigartig gemacht?
Philipp verkörpert beides, Defensive wie Offensive. Er ist kein Athlet gewesen, aber er war zäh, laufstark und unheimlich geschickt im Zweikampf. Er war defensiv sehr gut und offensiv hat er immer mit Präzision agiert. Er hat ein Spiel lesen können, wusste genau, wann er sich einschalten konnte und musste. Und seine Flanken: Von zehn kamen wenigstens neun immer an. Fußballspezifisch war er superklasse. Es ist keine Übertreibung, wenn ich sage, dass er über viele, viele Jahre, der beste Rechtsverteidiger der Welt war.

Lahm wird immer wieder für seine vorbildliche Einstellung gelobt. Wie haben Sie ihn erlebt?
Philipp war ein außergewöhnlicher Spieler für mich. Immer leistungsorientiert, immer verantwortungsbewusst für sich und die Mannschaft. Der FC Bayern ist mit ihm als Kapitän sehr gut gefahren. Es war imponierend, dass Philipp es immer verstanden hat, professionell zu arbeiten, täglich im Training eine adäquate Leistung abzurufen. Er hat immer genau gewusst, dass er seine Fitness bewahren muss, dass er jeden Tag das Entsprechende tun muss. Deshalb hat er so viele Jahre auf solch hohem Niveau spielen können ohne große Verletzungen. Er konnte übrigens auch nicht verlieren.

Im Training?
Ja (lacht). Wenn wir Trainingsspiele gemacht haben und ich Schiedsrichter war und mal eine zweifelhafte Entscheidung getroffen habe, hat er mich schon mal böse angeguckt und manchmal auch gemault und hinterher war wieder alles gut. Aber in der Situation war er giftig. So musst du sein als Spieler, du darfst auch im Training nicht die Spiele verlieren wollen.

2014 nach dem WM-Sieg hörte man oft den Satz: Lahm hätte doch noch weiterspielen können in der Nationalelf. Und auch jetzt bei den Bayern wirkte er nicht so, als sei er reif für die Fußballrente.
Philipp hat in seiner gesamten Profilaufbahn immer genau gewusst, was er wollte. Seine Reaktion nach der WM: Jetzt mach ich Schluss, es geht nicht höher, das ist typisch Philipp Lahm. Das ist unverrückbar, da hätte man mit ihm auch nicht reden können. So war seine Lebensplanung, nach dem Titel war es gut für ihn. Mehr geht nicht. Philipp ist ein Kopfmensch, der Dinge oft ganz rational steuert. Das hat mir gut gefallen.

Hätten Sie ihm denn noch ein, zwei Jahre auf Topniveau zugetraut?
Ich hätte ihm gesagt, Junge, spiel’ noch ein paar Jahre weiter. Fußballspieler zu sein ist das Schönste, was man sich nur denken kann! Von der Leistung her hätte er zweifelsohne noch ein, zwei Jahre spielen können. Nur wenn man so lange bei Bayern spielt, oder Real Madrid oder Barcelona, das wiegt schon schwer. Bei diesen Klubs ist das Gewinnen und Titel holen ein Muss, deswegen ist die physische und psychische Belastung ganz enorm.

Werden wir Philipp Lahm bei den Bayern wiedersehen in anderer Position?
Ich kann mir gut vorstellen, dass Philipp zu den Bayern zurückkehrt. Ich kenne seine Lebensplanung nicht genau, habe länger nicht mit ihm gesprochen. Aber es würde mich nicht überraschen, wenn es irgendwann einen Philipp Lahm im Organigramm des FC Bayern gibt. Er ist sicher dafür prädestiniert. Nur wie in allen Berufen muss man dafür erst mal Erfahrung sammeln.

Gibt es einen Abschiedsgruß von Jupp Heynckes an Philipp Lahm?
Ich wünsche Philipp, dass er mit seiner Familie ein zufriedenes Leben führt, dass er mehr Zeit hat für das eine oder andere Hobby. Vor allem wünsche ich ihm, dass er gesund bleibt. Das ist ganz wesentlich, damit er sein Leben genießen kann.

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