FC Bayern: Das Fernduell

Die Bayern machen sich damit Mut, dass sie es im Kampf um Platz zwei mit Leverkusen zu tun haben – dort hat das Scheitern Tradition.
von  Patrick Strasser
Die Torjägerkrone hat Mario Gomez mit seinen 27 Treffern so gut wie sicher.
Die Torjägerkrone hat Mario Gomez mit seinen 27 Treffern so gut wie sicher. © dpa

M;ünchen - Der erste Ball ist gespielt im Fernduell zwischen Bayer und Bayern. Philipp Lahm hat den Anstoß ausgeführt. Ganz elegant, ohne großes Getöse. „Der Druck liegt nun bei Bayer”, sagte er nach dem 8:1 bei St. Pauli. Zeitgleich hatte Leverkusen nur 1:1 gegen den Hamburger SV gespielt, nun spüren sie am Rhein den Atem des Verfolgers im Kampf um Platz zwei.

Nur noch drei Punkte Abstand bei einem uneinholbar besseren Torverhältnis vor dem Saisonfinale – am 29. Spieltag lag Bayer noch neun Zähler vor Bayern. Wer wird denn da nervös werden? Nun reden sie an der Säbener Straße das Last-Minute-Überholmanöver geschickt herbei. „Vielleicht gibt es am Samstag noch eine Zugabe”, hofft Interimstrainer Andries Jonker. „Vielleicht geht noch was ganz Großes”, sagte Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge mit Blick auf das Heimspiel gegen die geretteten Stuttgarter (15.30 Uhr, Liveticker bei abendzeitung.de) und die Reise der Leverkusener nach Freiburg, schwere Beine und schwache Nerven inklusive.

Seit 15 Spieltagen steht Leverkusen auf Platz zwei der Tabelle steht, für ganz oben reichte es nie. Wie auch – als Vizekusen? Als Verein, bei dem das Scheitern in letzter Sekunde zur Tradition geworden ist? Den Begriff Vizekusen hat man sich einst rechtlich schützen lassen – immerhin den Titel Meister der Selbstironie haben sie. 1997, 1999, 2000 und 2002 war man Liga-Zweiter geworden, besser: erster Verlierer. Welcher Bayern-Fan erinnert sich nicht mit größtem Vergnügen an den 20. Mai 2000, als Michael Ballacks Eigentor das 0:2 in Unterhaching einleitete während Bayern souverän 3:1 gegen Bremen gewann?

Überholmanöver in letzter Sekunde, also am 34. Spieltag, gehören bei den Bayern zum guten Ton. Der Glaube daran implantiert sich bei Vertragsunterschrift wie von Geisterhand. Auch wenn es diesmal nur um Rang zwei – und damit die direkte Qualifikation zur Champions League ohne lästige Umwege wie Playoff-Spiele – geht, hier die berühmtesten Vorbeidrängel-Attacken der Bayern:

26. April 1986: Bremen braucht in Stuttgart nur einen Punkt. Während Bayern Gladbach mit 6:0 abfertigt, verspätzelte der VfB die Bremer 2:1. 33 Spieltage pendelte Bayern unter Udo Lattek zwischen Platz 14 und Rang zwei – geschnappt wurde Werder mit Coach Otto Rehhagel ganz zum Schluss.

20. Mai 2000: Die Mutter aller Leverkusener Pleiten. Christoph Daums Team reicht ein Remis in der Vorstadt, in Haching, am Ende heißt es 0:2, gefeiert wird in der Stadt – im Münchner Olympiastadion. Ottmar Hitzfelds unverhoffteste Meisterschale.

19. Mai 2001: Ein Jahr später ging Bayern mit drei Punkten Vorsprung ins Saisonfinale gegenüber Schalke. Im Parkstadion wurde Unterhaching mit 5:3 erledigt, während Bayern auf ein 0:0 in Hamburg zusteuerte. In der 90. Minute traf Barbarez, Schalke feierte schon. Bis in der Nachspielzeit Andersson jenen legendären Freistoß zum Titelgewinn versenkte.
Weiter, immer weiter – damals fügte Oliver Kahn neben Mia san mia noch ein zweites Vereinsmotto hinzu. Am Samstag könnte ein weiteres folgen: Mia san vor Leverkusen.

Ein Jahr ohne Titel, ohne Empfang auf dem Rathausbalkon, würde ein wenigstens etwas versöhnlicheres Ende finden, auch wenn Präsident Uli Hoeneß meinte: „Dass ein FC Bayern im Kampf um die Meisterschaft über die ganze Saison überhaupt keine Rolle gespielt hat, ist die größte Enttäuschung für mich.”