Interview

Ex-Nationalkeeperin Schult über Neuer-Debatte: "Da sollte man ihm auch den Respekt entgegenbringen"

Die ehemalige Nationaltorhüterin Almuth Schult spricht in der AZ über die anstehende Mega-WM, die DFB-Debatte um Manuel Neuer und Bundestrainer Julian Nagelsmann.
Krischan Kaufmann
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Musste zur Halbzeit verletzungsbedingt ausgewechselt werden: Manuel Neuer.
Musste zur Halbzeit verletzungsbedingt ausgewechselt werden: Manuel Neuer. © IMAGO

AZ: Frau Schult, Sie haben bei zwei Klubs in den USA gespielt, sich so einen Eindruck von der dortigen Fußballkultur verschaffen können. Auch wenn ihr letztes Engagement in Kansas City nun schon ein wenig her ist: Ist dieses Land bereit für so eine Mega-WM?
ALMUTH SCHULT: Dieses Wort "mega" passt schon ziemlich gut zu den USA. Die können keine kleinen Dinge – alles ist größer, oft sogar überdimensioniert. Das fängt beim Essen an und hört bei Sportveranstaltungen nicht auf. Wenn sie etwas organisieren, dann richtig groß. Ich bin vor allem gespannt auf die kulturellen Unterschiede, weil so ein Turnier in den USA einfach anders sein wird als in Europa oder Südamerika. Genau darauf freue ich mich auch.

Wie unterscheidet sich die Fußballkultur denn dort von der in Europa?
Ein wesentlicher Punkt ist, dass Fußball in den USA stärker als Frauensport verankert ist. Während sich der Frauenfußball in Europa erst in den letzten Jahren richtig entwickelt, ist er dort schon viel länger nahezu gleichberechtigt angesehen. Bei den Männern dominieren andere Sportarten wie American Football, Baseball oder Basketball. Fußball ist nicht automatisch die Nummer eins. Trotzdem sind die Stadien voll, weil die Menschen generell sportbegeistert sind. Diese Begeisterung beginnt schon im College-Sport, wo zu ganz unterschiedlichen Disziplinen viele Zuschauer kommen. Diese Offenheit und Begeisterung wird man auch bei der WM spüren.

Schult glaubt nicht an ein Neuer-Comeback im DFB-Team

In Deutschland blickt man naturgemäß auf bekannte Namen in der MLS. Kann jemand wie Thomas Müller als "Soccer-Botschafter" in Nordamerika wirklich etwas bewegen?
Solche Spieler haben definitiv Einfluss. Müller ist eine Identifikationsfigur, gerade wenn er in einer Stadt wie Vancouver spielt, die auch WM-Standort ist. Aber er ist nicht allein. Es gibt viele internationale Spieler in der MLS, auch deutsche. Und jemand wie Lionel Messi hat natürlich noch einmal eine ganz andere Strahlkraft. Solche Persönlichkeiten helfen dabei, Aufmerksamkeit für den Fußball zu schaffen.

Wechseln wir zum DFB – genauer gesagt zur Torwartfrage. Haben Sie Verständnis dafür, dass die Diskussion um ein mögliches Comeback von Manuel Neuer immer wieder hochkocht?
Ich muss darüber ehrlich gesagt schmunzeln. Es zeigt ja auch, wie sehr die Fans noch an ihm hängen. Mit seinem Namen verbindet man den WM-Titel 2014, und viele wünschen sich vielleicht, dass er so etwas noch einmal wiederholt. Aber sportlich braucht man diese Diskussion nicht. Er hat seine Karriere in der Nationalmannschaft beendet, das hat er mehrfach klar gesagt. Gleichzeitig haben wir mit Oliver Baumann jemanden, der solide Leistungen zeigt. Da sollte man ihm auch den Respekt entgegenbringen.

Almuth Schult ist TV-Expertin der ARD.
Almuth Schult ist TV-Expertin der ARD. © IMAGO/Eibner-Pressefoto/Jenni Maul

"Und es ist nicht wirklich fair gegenüber Baumann"

Ist das also eine typisch deutsche Diskussion?
Zum Teil schon. Wenn ein Bundestrainer etwas mehrfach klarstellt, dann sollte man es irgendwann auch akzeptieren. Ständige Nachfragen sind nachvollziehbar, aber irgendwann auch nervig. Und es ist nicht wirklich fair gegenüber Baumann, weil es unterschwellig suggeriert, dass man mit ihm unzufrieden ist – obwohl das gar nicht der Fall sein muss.

Vielleicht liegt es auch daran, dass man in Deutschland andere Maßstäbe gewohnt ist?
Genau. Wir hatten über Jahrzehnte hinweg Torhüter, die bei absoluten Topklubs und regelmäßig Champions League gespielt haben. Das ist jetzt anders. Baumann hat diese internationale Erfahrung nicht im selben Umfang, und das fühlt sich für viele ungewohnt an. Aber das heißt nicht automatisch, dass er schlechter ist.

Deutschland galt lange als Torhüter- und Stürmerland – beides scheint sich gerade zu verändern.
Ja, und genau mit solchen Veränderungen tun wir uns schwer. Wir hängen oft an alten Bildern und Erwartungen. Aber Fußball entwickelt sich weiter, und da muss man sich auch anpassen.

"Nagelsmann hat bei der EM gezeigt, dass er ein funktionierendes Team zusammenstellen kann"

Bundestrainer Julian Nagelsmann verfolgt einen Ansatz, bei dem nicht nur die Qualität, sondern auch das Funktionieren als Gruppe zählt. Gehen Sie da mit?
Absolut. Um jede Entscheidung im Detail zu verstehen, müsste man sehr nah an der Mannschaft dran sein. Aber grundsätzlich ist es logisch, dass nicht nur die individuelle Leistung zählt, sondern auch, wie jemand ins Team passt. Leistung hängt stark vom Umfeld ab. Wenn man sich wohlfühlt, bringt man bessere Leistungen. Gerade bei Turnieren, bei denen man mehrere Wochen zusammen ist, ist das entscheidend.

Stets unruhig: Bundestrainer Julian Nagelsmann.
Stets unruhig: Bundestrainer Julian Nagelsmann. © IMAGO

Trotzdem wirken manche Entscheidungen von außen widersprüchlich. Siehe Nick Woltemade, der zuletzt wieder seine Chance von Anfang an bekommen hat und Deniz Undav, der trotz Topform weiter nur Joker ist.
Das stimmt. Manchmal werden ähnliche Argumente unterschiedlich ausgelegt – bei dem einen Spieler so, beim anderen so. Das sorgt natürlich für Diskussionen, aber auch das gehört dazu. Wichtig ist, dass der Trainer gegenüber seinen Spielern authentisch bleibt. Und Nagelsmann hat bei der EM gezeigt, dass er ein funktionierendes Team zusammenstellen kann.

Wird Nagelsmann vielleicht zu kritisch bewertet?
Der Job des Bundestrainers wird in Deutschland immer extrem kritisch begleitet. Fußball nimmt einfach viel Raum ein, und jeder hat eine Meinung. Damit muss man umgehen können. Die Diskussionen werden nie aufhören.

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