Tor mit Beigeschmack beim FC Bayern: Warum Lennart Karls Madrid-Jubel für Diskussionen sorgt
Der Karl-Moment kam nun ganz in Weiß. Im unschuldigen Weiß, dem Auswärtstrikot, das die Bayern am Dienstagabend in der Champions League bei Atlético Madrid trugen. Letzten Samstag schepperte ein Lennart-Karl-Kracher in der fünften Minute der Nachspielzeit an die Latte, es wäre das 3:2 gegen den BVB gewesen. Das wäre ein Jubel gewesen – kaum auszumalen! Er durfte stattdessen in Madrid jubeln - nach einem Tor Marke ganz feines Füßchen. Der Brustlöser zum 1:0 bei Bayerns souveränem 2:0-Erfolg.
Ein Brustlöser als Debatten-Auslöser. Weil Karl ist, wie er ist. Wenn schon (Tor), denn schon (Jubel). Der war zweigeteilt im Atlético-Stadion. Erst verschränkte der 18-Jährige die Arme hinter dem Rücken und formte zwei imaginäre Pistolen, mit denen er in Richtung Heim-Fans schoss. Das gefiel Mats Hummels, als TV-Experte bei Prime Video im Einsatz, überhaupt nicht: "Diesen Jubel sehen wir viel zu oft mittlerweile. Kritik gehört mit zum Fußball. Deswegen verdienst du auch so viel Geld. Mein Sohn ist acht. In den Spielen seiner Mannschaft sehe ich schon Kinder, die diesen Jubel machen, weil der so oft vorkommt mittlerweile. Meinem Sohn verbiete ich den Jubel."
"Er ist noch lange kein Superstar, junge Spieler brauchen Demut"
In Teil zwei seines Jubels hielt sich Karl die Hände an die Ohren und machte mit seinen Fingern Sprechbewegungen. Als Ausdruck von: Redet ihr nur! Also: Ihr könnt reden, wie ihr wollt! Eine Anspielung auf all die Debatten um ihn wegen seiner extrovertierten öffentlichen Auftritte, ob als Stadionbesucher im pinken Komplett-Outfit von Adidas-Konkurrent "Nike" oder in den Social-Media-Kanälen? Macht sich der Teeniestar gar einen Spaß daraus, dass alle Welt rätselt und analysiert, was er wohl meint mit seinen Gesten, die er schon in seiner Debüt-Saison als Profi gemacht hat. Was erlaube Lennart? Kann denn Jubel Sünde sein?

Vereinspatron Uli Hoeneß, der auch die jungen Bastian Schweinsteiger oder Toni Kroos mit deutlichen Worten auf den Boden der Tatsachen holte, hatte in einem WamS-Interview über Karl gesagt: "Ich habe mir vorgenommen, ein ernstes Gespräch mit ihm zu führen. Er ist noch lange kein Superstar, junge Spieler brauchen Demut." Karl-Berater Michael Ballack, der frühere Bayern-Profi, verteidigte am Samstag seinen Schützling öffentlich (am Mikrofon als DAZN-Experte) und attackierte die Bayern-Bosse, bezeichnete den Zeitpunkt der Kritik von Sportvorstand Max Eberl als "unverständlich" und die Kritik an sich "inhaltlich zumindest mal zu hinterfragen". Ein Ping-Pong-Duell mit Karl als wehrlosem Spielball? Oder doch als schuldigem Auslöser der Kontroverse?
Eberl lobt Karl: "Lennart ist für uns ein wichtiger Spieler"
Tom Bischof (21), ein ganz enger Kumpel von Karl, konnte – oder wollte? – in Madrid nicht für Aufklärung sorgen. Er sagte: "Ich bin ihm sehr, sehr nah an Lenny. Aber ich habe keine Ahnung, was er da gemacht hat. Es war ein sehr wichtiges und gutes Tor, der Ball war nicht einfach." Kapitän Manuel Neuer meinte: "Lenny ist ein ganz wichtiger Teil unserer Mannschaft. Er muss ja auch frech sein vor dem Tor. Deshalb freuen wir uns mit ihm." Konkreter wurde Konrad Laimer bei Prime Video: "Er bleibt ruhig, er arbeitet hart, und heute hat er sich belohnt mit einem Arbeitertor", sagte der Österreicher, "er ist jung, er muss noch lernen, er muss noch einen Schritt machen. Aber er ist auf einem super Weg. Er wird noch eine große Karriere vor sich haben."
Es war auffällig, wie sehr sich die Mitspieler hinter den Shootingstar der letzten Saison stellten, dessen WM-Teilnahme nur eine schwere Muskelverletzung kurz vor der Endrunde in Nordamerika verhinderte. Weil sie intern wissen, was sie an ihm haben, was er draufhat. Soll er doch ein paar Macken haben – wer ist mit 18 schon ohne Flausen im Kopf?
Stefan Effenberg, ebenfalls Ex-Profi und einst das Enfant terrible des deutschen Fußballs, mahnte in "Sport1", dass sich "Lennart Karl auf keinen Fall verbiegen lassen soll". Den Torjubel habe er nicht gesehen, so Eberl, der betonte: "Lennart ist für uns ein wichtiger Spieler, das haben wir nie in Abrede gestellt, und er hat heute genauso mitgearbeitet, ist unfassbar fleißig gewesen, und dann belohnt er sich mit dem Tor."
