Klinsmann über Kanes Spielweise: "Matthäus hätte mich vom Platz gefegt"
Bei seinem ersten offiziellen Bayern-Auftritt seit der Entlassung als Trainer im Jahr 2009 kam Jürgen Klinsmann aus dem Grinsen gar nicht mehr heraus. Ein Hackentor hier, ein Plausch mit den Fans da – und immer die Ausstrahlung eines kalifornischen Surfers: Selbst Lothar Matthäus, der einst ziemlich beste Feind des 61-Jährigen in FC-Hollywood-Zeiten, wurde beim Legends Cup im SAP Garden von "Klinsi" geknuddelt. Wann hat man solche Bilder schon einmal gesehen?

Wie es denn sei, mal wieder mit Matthäus zusammenzuspielen, wurde Klinsmann gefragt. "Ja, super", antwortete der gebürtige Schwabe. "Wenn er mich sieht." Und es folgte Klinsmanns typisches Lachen, ziemlich hoch und ziemlich schrill.
Klinsmann trifft Matthäus
Nicht zum einzigen Mal übrigens an diesem Tag. Denn auch beim Thema Harry Kane war Klinsmann zu Scherzen aufgelegt. Als er darauf angesprochen wurde, dass Kane sich bisweilen tief in die eigene Hälfte fallen lässt, musste Klinsmann - erneut - an Matthäus denken. "Wenn ich das früher gemacht hätte, zurückzukommen und die Bälle zu verteilen", sagte Klinsmann, "hätte mich der Lothar Matthäus vom Platz gefegt." Oder Oliver Kahn.

Im Bayern-Team des Jahres 2026 gab es bislang keinen Spieler, der Kane aufgrund seines Einsatzes umgegrätscht oder überhaupt nur leise kritisiert hätte. Die Verantwortlichen und Teamkollegen loben den Engländer für seinen Tatendrang, Kane dient in jeder Hinsicht als Vorbild. Zumal seine Torquote stimmt und er regelmäßig im gegnerischen Strafraum auftaucht. Das ist laut Trainer Vincent Kompany entscheidend. Es sei "eine Mischung zwischen Freiheit und dann am Ende da zu sein, wo die Tore sind", erklärte der Coach. Und Kane spurt. Beim 5:1 in Leipzig erzielte er bereits sein 21. Tor in dieser Bundesliga-Saison, insgesamt sind es 32 Treffer in allen Wettbewerben. Weltklasse!
Hamann-Zweifel an Kanes Spielweise
Und doch kamen zuletzt Zweifel auf, ob Kane diese anstrengende Spielweise nicht doch schaden könne. Ob ihm in den K.o.-Runden der Champions League womöglich die Kraft fehlen werde. Die Kane-Frage. "Als Trainer und Bayern-Fan würde mir das ein bisschen Sorge bereiten, wie er spielt, weil das nicht seine Aufgabe ist", sagte Sky-Experte Didi Hamann im AZ-Interview: "Ich habe selbst mit Topstürmern zusammengespielt, die ihre eigene Hälfte ganz selten betreten haben." Wie zum Beispiel: Klinsmann.

Es sei "sehr laufintensiv, was Kane da macht", ergänzte Hamann: "Und diese Energie geht ihm dann vielleicht in den entscheidenden Spielen im Frühjahr verloren. Ich weiß nicht, ob es dem Trainer gefällt. Mir gefällt es nicht. Wenn du Arsenal, Paris, Liverpool oder Real schlagen willst, brauchst du Kane ganz vorne, um die Tore zu schießen."
Kane jagt Lewandowskis Rekord
In der vergangenen Saison war Kane zur Stelle, als er gebraucht wurde. Gegen Celtic Glasgow, Bayer Leverkusen und Inter Mailand traf er in sechs K.o.-Spielen der Königsklasse fünfmal, das Viertelfinal-Aus gegen Inter konnte er letztlich aber auch nicht verhindern. Und diesmal? Klinsmann glaubt, dass es Bayern ins Endspiel am 30. Mai in Budapest schaffen kann. "Die Hoffnung ist groß, dass es bis ins Champions-League-Finale geht, wo sie letztes Jahr leider nicht drin waren im eigenen Haus. Da muss es hingehen."
Nicht zuletzt dank der Offensive um Kane, die Bayerns Ligarekord von 101 Toren aus der Saison 1971/72 ins Visier nimmt. "Das ist machbar", sagte Klinsmann. Nach 18 Spieltagen stehen die Münchner bei 71 Treffern. Und möglicherweise fällt noch eine andere Bestmarke. Wenn einer den Bundesliga-Rekord von Robert Lewandowski von 41 Toren brechen könne, so Klinsmann, "dann Harry Kane". Dafür muss der 32-Jährige bis zum Saisonende topfit sein. Und locker wie Klinsi.

