"Spielen normalerweise stärker": Ex-FC-Bayern-Stürmer überrascht mit Aussage zu DFB-Gegner

AZ: Herr Santa Cruz, Sie sind bei der WM als Experte für den spanischsprachigen Fernsehsender "Telemundo" unterwegs – ob in den Stadien oder im TV-Studio in Florida. Als Paraguayer verfolgen Sie die südamerikanischen Mannschaften besonders intensiv. Am Donnerstag trifft das DFB-Team in New Jersey auf Ecuador.
ROQUE SANTA CRUZ: Die Ecuadorianer spielen normalerweise stärker als sie sich bisher bei dieser WM präsentiert haben. Sie haben vor allem im zweiten Spiel nicht funktioniert – eigentlich unglaublich, dass sie nicht gewinnen konnten gegen Curacao. Das 0:0 war aus deren Sicht wie ein Unfall, aber solche Sachen passieren im Fußball. Zu Hause in Ecuador spricht man gerade darüber, was für eine große Enttäuschung diese WM bisher für das ganze Land ist und ob der Trainer Sebastián Beccacece entlassen werden müsste. Gegen Deutschland haben sie ihre letzte Chance, sich für die K.o.-Runde zu qualifizieren.
Hat Deutschland also leichtes Spiel mit der angeschlagenen "La Tri" wie die Nationalmannschaft Ecuadors genannt wird?
In Ecuador sagt man, dass Deutschland sehr stark ist, viel stärker als jede andere Mannschaft der Gruppe. Ich sehe nicht, dass Ecuador gewinnen kann, weil die Spieler in ihren Köpfen viel zu viele Sorgen und Probleme haben und die Atmosphäre in ihrem Camp nicht locker ist.
WM-Experte Santa Cruz über Ecuador: "Mit dem Ball können sie nicht so gut agieren wie Deutschland"
Ecuador hat in den ersten beiden Spielen kein Tor erzielt. Meist ist die Ausrichtung von "La Tri" sehr defensiv, gegen das DFB-Team müssten sie etwas mehr riskieren
Ja, aber ich glaube, dass sie nicht anders spielen können als hauptsächlich defensiv. Mit dem Ball können sie nicht so gut agieren wie Deutschland. Ecuador wird zunächst einmal versuchen, kein frühes Gegentor zu kassieren und im Laufe der Partie durch schnelles Umschalten nach vorne etwas auszurichten – vielleicht gelingt ihnen ein Tor durch einen Standard. Wichtig wäre es, nicht mit 0:3 oder 0:4 zu verlieren. Deutschland sollte einfach so weitermachen und auf Sieg spielen – auch wenn man schon Gruppenerster ist. Für die Psyche gibt es nichts Besseres als Siege.

Was denken Sie, wie weit kann die Mannschaft von Bundestrainer Julian Nagelsmann im Turnier kommen?
Keiner spricht es aus, dass Deutschland Weltmeister werden kann. Für mich ist es eine starke Mannschaft mit sehr guten Spielern. Sie funktionieren bisher sehr gut und spielen eine super WM. Ich würde sagen, dass das Halbfinale machbar ist für Deutschland.
Santa Cruz: "Wenn er reingekommen ist, war er sofort gefährlich und hat getroffen"
Und wenn das DFB-Team im Achtelfinale auf Topfavorit Frankreich trifft?
Das könnte natürlich auch das Finale sein. Aber wie sagt man so schön: In einem Spiel kann alles passieren und dann ist auch Frankreich bezwingbar. Die Favoriten auf den WM-Titel lauten für mich Frankreich, Spanien, Argentinien und England.

Sie sind Mittelstürmer. Was halten Sie von Deniz Undav, der als Joker bereits drei WM-Tore erzielt hat?
Wenn er reingekommen ist, war er sofort gefährlich und hat getroffen. Ich denke, dass es für ihn und die deutsche Mannschaft besser ist, wenn er diese Joker-Rolle behält. Das ist nicht einfach für ihn – aber Undav kann das, kann Spiele so entscheiden. Er akzeptiert und versteht seine Rolle, in der er so wichtig für die Mannschaft ist. Er bleibt ruhig, auch wenn er nicht anfangen darf.

Sie haben von 1999 bis 2016 in 112 Länderspielen für Ihr Land 32 Tore gemacht, sind damit Rekordtorschütze. Wie beurteilen Sie die Leistung von Paraguay bei der WM?
Wir spielen jetzt gegen Australien. Auf dem Papier war das die Mannschaft, gegen die jeder aus der Gruppe drei Punkte holen wollte. Dann haben die Australier überraschend die Türkei mit 2:0 bezwungen, wir dann mit 1:0. Die USA hat schon sechs Punkte, ist Erster. Für Paraguay wäre es sehr wichtig, das letzte Spiel zu gewinnen. Dann würden wir Zweiter werden. Bei einem Unentschieden auf jeden Fall Dritter. Als einer der besten Gruppendritten könnten wir dann im Sechzehntelfinale auf Deutschland treffen. Und das wollen wir unbedingt vermeiden (lacht).
Sie haben hier vor Ort Ihren ehemaligen Mitspieler und ARD-Experten Bastian Schweinsteiger getroffen.
Ja, das war sehr schön mit Schweini – mit ihm habe ich viele Jahre gemeinsam bei Bayern gespielt (von 2002 als Schweinsteiger Profi wurde bis 2007 als Santa Cruz die Münchner verließ, d.Red.). Zuletzt hatten wir uns lange nicht mehr gesehen. Wir waren sehr eng miteinander in der Zeit bei Bayern, sind Freunde geblieben. Jürgen Klopp und Thomas Müller habe ich ebenfalls hier getroffen, das war sehr lustig. Mit Müller ist es so: Obwohl wir nicht zusammengespielt haben, spüren wir – egal wo wir uns treffen – diesen gemeinsamen Bayern-Hintergrund und haben deshalb eine besondere Beziehung.

Ein weiterer, früherer Mitspieler von Ihnen bei Bayern, Ihr enger Kumpel Martín Demichelis, wird zur neuen Saison Cheftrainer bei RB Leipzig.
Mit Martin bin ich ein bisschen mehr in Kontakt, habe ihn in Argentinien getroffen als er Trainer von River Plate (November 2002 bis Juli 2024, d.Red.) war. Wir telefonieren ab und zu. Martín hatte eine erfolgreiche Zeit bei River in Buenos Aires. Es ist toll, dass er nun diese Chance in Leipzig erhält und in die Bundesliga zurückkehrt. Ich erwarte allerdings von ihm, dass er nun seine guten Deutschkenntnisse noch um einiges verbessert (lacht).
Herr Santa Cruz, wann machen Sie Schluss?
Er könnte sich ein Vorbild an Ihnen nehmen. Wir führen das gesamte Gespräch komplett auf Deutsch.
Danke. Aber ich merke: Es ist nicht einfach, wenn man nicht so oft Deutsch spricht und keine regelmäßige Übung hat.
Sie kamen im Sommer 1999 mit knapp 18 Jahren nach München, blieben acht Jahre. Über Stationen in der Premier League bei den Blackburn Rovers und Manchester City, Spaniens La Liga mit Betis Sevilla und dem FC Málaga ging es über CD Cruz Azul in Mexiko 2016 in die Heimat zu Club Olimpia zurück. Im Januar 2026 wechselten Sie zum Stadtrivalen Club Nacional, wo sie einen Vertrag bis 31. Dezember unterschrieben. Sie sind 44 Jahre alt. Wann machen Sie Schluss?
In den letzten Jahren habe ich meinen Vertrag immer Mitte des Jahres verlängert – diesmal noch nicht. Ich weiß es nicht. Der Job als TV-Experte macht mir großen Spaß, aber ich liebe es immer noch, selbst auf dem Rasen zu stehen. Körperlich fühle ich mich im Training und in den Spielen gut, kann mit den Jungen noch mithalten. Es geht eher darum: Wie schnell kann ich mich nach den Spielen regenerieren? Es wird nicht einfacher. Mein ältester Sohn Tobias ist jetzt 22 Jahre alt, als Opa will ich nicht mehr spielen. Aber da habe ich hoffentlich noch ein bisschen Zeit (lacht).