Das Jahrhundert-Spiel der Bayern: Sepp Maier erinnert sich

AZ: Herr Maier, im September 1976, also im Herbst vor 50 Jahren, gewannen Sie mit 9:0 mit den Bayern gegen Tennis Borussia Berlin, wenige Tage später im Europapokal bei Köge BK aus Dänemark mit 5:0. Zuvor hatte es aber auch schon herbe Klatschen gegeben. 2:5 beim MSV Duisburg, 1:4 beim RSC Anderlecht. Was war denn damals los bei den Bayern?
SEPP MAIER: Mit den Resultaten haben wir es nicht so genau genommen, das war nichts Neues in dieser Zeit (lacht). Nur ich hatte nichts zu lachen in dieser Phase. Irgendwann in der Zeit haben wir auch 0:7 in unserem Olympiastadion gegen Schalke verloren – der Horror für mich.
Maier konnte sich bei mehr als zwei Gegentoren nicht über den Sieg freuen
Richtig, am 9. Oktober 1976, die höchste Bundesliga-Niederlage der Münchner überhaupt. Am 18. September wurden Sie zu einem der – zugegeben – unfreiwilligen Hauptdarsteller des 6:5 beim VfL Bochum. Mit 0:3 lagen Sie und Ihre Bayern zur Pause im Rückstand, in der zweiten Halbzeit fiel das 0:4, insgesamt vier Gegentore – dennoch haben Sie am Ende noch 6:5 gewonnen. Die Erleichterung in der Kabine wird groß gewesen sein.
Ach wo! Wirklich nicht! Da war ich richtig bedient, sauer, enttäuscht. In meiner gesamten Karriere konnte ich mich nie über einen Sieg meiner Mannschaft freuen, wenn wir mehr als zwei Gegentore bekommen haben.

Cramer war ein sachlicher und analytischer Trainer
Dettmar Cramer nannte die Partie im Anschluss das "Spiel der offenen Tore". Wie hat der damalige Bayern-Trainer die Spieler zur Halbzeit in der Kabine empfangen? Jener Cramer, der ein Jahr zuvor mit Bezug auf seine Feldherrenart bei einem Fotoshooting im Olympiastadion als Napoleon posierte.
Der Deddy war keiner, der groß geschimpft hat oder rumgeschrien hat. Vom Typ her war er ein ganz ruhiger, sachlicher, analytischer Trainer. Ich erinnere mich noch ganz gut. In Bochum hat er damals in der Kabine nur einmal kurz mit seinen Augenbrauen gezuckt – ohne dass sich die Augen bewegt haben. Das konnte er wie kein Zweiter. Wenn er das gemacht hat, wussten wir aber ganz genau, was los ist. Da hat er gar nichts sagen brauchen. Zunächst aber waren wir alle niedergeschlagen, haben uns zunächst gesagt: Lasst uns aufpassen, dass es bloß nicht mehr Gegentore werden! Denn das Spiel noch zu gewinnen, war im Grunde utopisch bei diesem Rückstand. Natürlich war das nicht unser Anspruch, das ist schon klar.
Wir hatten ja mit Uli Hoeneß einen schnellen Außenstürmer, der immer für ein, zwei Tore gut war.
Aber Bochum war doch ein Abstiegskandidat und die Bayern kamen als dreimaliger Europacup-Sieger ins Stadion an der Castroper Straße? Mehr David gegen Goliath geht doch kaum.
Ja, schon. Gerade deshalb wollten die Bochumer uns Europacup-Siegern ein paar Dinger einschenken. Nach der Pause, nachdem es dann 4:0 stand, noch mehr. Aber da haben sie sich gewaltig getäuscht. Hermann Gerland hat das oft erzählt, dass sie dann ein bisschen überheblich wurden. Plötzlich haben sie hinten alles aufgemacht und wollten nur noch nach vorne spielen und weitere Tore schießen. Ein großer Fehler, sie sind dann gegen uns ins offene Messer gelaufen. Wir haben sie ausgekontert. Das war im Grunde recht einfach. Wir hatten ja mit Uli Hoeneß einen schnellen Außenstürmer, der immer für ein, zwei Tore gut war. Und der Gerd (Torjäger-Legende Müller, d. Red.) sowieso.

Maier nicht stolz auf Sieg gegen den VfL Bochum
Die Bochumer haben dieses Spiel zum Jahrhundertspiel des Vereins gewählt. Und das, obwohl sie am Ende verloren haben. Zugleich ist es bis heute das bislang einzige Spiel der Bundesliga, in dem eine Mannschaft einen 0:4-Rückstand noch in einen Sieg umwandeln konnte. Und Sie waren mittendrin. . .
Echt? Das zeugt von einem guten Humor, den die Bochumer haben. Und dass diese Aufholjagd so einzigartig ist in der Bundesliga-Historie, habe ich nicht gewusst. Unterm Strich eine nette Geschichte, aber stolz bin ich nicht drauf. Wir hatten es damals aber auch nicht anders verdient in dieser Phase und immer mal wieder Spiele hingelegt mit großer Torausbeute. Hüben wie drüben. Deshalb erinnern sich die Leute noch heute daran. Man könnte es mit dem 3:2-Erfolg der Österreicher gegen uns bei der WM 1978 in Argentinien vergleichen. Aus unserer Sicht bleibt es auf ewig die Schmach von Córdoba, auch die Österreicher freuen sich heute noch darüber – dabei sind sie damals mit uns in der WM-Zwischenrunde ausgeschieden! Ein paar Jahre später (am 29. Oktober 1986, d. Red.) haben die Österreicher die deutsche Nationalelf unter Teamchef Franz Beckenbauer in einem Freundschaftsspiel in Wien vorgeführt. 4:1 - daran erinnern sie sich nicht! Aber das 3:2 von Córdoba, das kennt jedes kleine Kind. Und so ist es auch mit unserem 6:5 in Bochum.