Benfica Lissabon: Die Verfluchten

Seit Trainer Béla Guttmann 1962 konnte Benfica keines seiner acht internationalen Finals gewinnen. Trotzdem sagt Ex-Torhüter Butt: "Unterm Strich wird Bayern in zwei Partien weiterkommen."
| P. Strasser
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K.o. im Elfmeterschießen: Die Benfica-Profis nach der Finalpleite 2014 gegen den FC Sevilla. Holte zweimal in Folge den Europapokal: Béla Guttmann.
dpa K.o. im Elfmeterschießen: Die Benfica-Profis nach der Finalpleite 2014 gegen den FC Sevilla. Holte zweimal in Folge den Europapokal: Béla Guttmann.

München - Vor etwas mehr als 20 Jahren, im Herbst 1995, spielten die Bayern zuletzt gegen Benfica Lissabon. Ein gewisser Jürgen Klinsmann erzielte beim 4:1 im Olympiastadion alle vier Treffer – bejubelt von einem gewissen Otto Rehhagel an der Seitenlinie. Am Ende der Saison gewannen die Münchner, mit Franz Beckenbauer als Coach, den Uefa-Cup. Ferne Welten.

Diesen Dienstag treffen die beiden mitgliederstärksten Vereine der Welt (Bayern mit über 270 000, Benfica hat knapp 250 000) im Viertelfinal-Hinspiel der Champions League aufeinander. Ein Freilos ins Halbfinale? „Das wird kein Spaziergang, man darf Benfica nicht unterschätzen“, sagt Jörg Butt, einst Torhüter bei beiden Klubs. „Der Verein ist stabiler geworden, sie machen eine gute Jugendarbeit, haben viele gute junge Spieler im Team.“ Und erreichen ziemlich oft ein Finale in den Europapokalwettbewerben – welches sie dann in mythischer Regelmäßigkeit verlieren.

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Das ist die Grundlage der Geschichte von „Sport Lisboa e Benfica“, wie der 1904 gegründete Verein heißt. In Portugal ist man die Nummer eins des Landes, wurde 34 Mal Meister, Erzrivale FC Porto 27 Mal. Laut einer Uefa-Studie sind 47 Prozent der Portugiesen Benfica-Anhänger.

 

Der„Guttmann-Fluch“

 

Ein Fan-Leben, auch geprägt von Trauer und Verzweiflung. Denn auf Benfica lastet der „Guttmann-Fluch“, „a Maldição de Guttmann“. Der ungarische Trainer Béla Guttmann führte Benfica 1961 und 1962 zum Triumph im Europapokal der Landesmeister, als man die Star-Ensembles des FC Barcelona (3:2) und von Real Madrid (5:3) bezwingen konnte. Nach dem zweiten Coup verwehrte ihm der Klub eine Gehaltserhöhung, der stolze Ungar ging im Streit und schimpfte: „In hundert Jahren wird Benfica keinen weiteren Europacup gewinnen!“

Fünfmal erreichte der Heimatklub des großen Eusébio fortan nach 1962 das Endspiel der Königsklasse – und gratulierte stets dem Sieger. Ebenso nach den Finals um den Uefa-Cup 1983 oder um die Europa League 2013 und 2014. „Es scheint mir noch heute unglaublich, dass wir verloren haben“, sagte der damalige Coach Jorge Jesus nach dem verlorenen Elfmeterschießen gegen den FC Sevilla. Nichts half. 1990 pilgerte Eusébio ans Grab von Guttmann in Wien, vor zwei Jahren errichtete man am „Estádio da Luz“ eine bronzene Statue. Vergebens. Guttmanns Fluch lebt.

 

"Unterm Strich wird Bayern in zwei Partien weiterkommen"

 

Die Parallele zum Begriff der „Saudade“ ist nahe. Unter dem nicht direkt zu übersetzenden Begriff wird der Weltschmerz zusammengefasst, er beinhaltet Traurigkeit, Wehmut, Sehnsucht, Fernweh. Ein Lebensgefühl, das Butt kennt, da er in der Saison 2007/08 bei Benfica unter Vertrag stand, aber nur ein Mal in der Liga, zwei Mal im Pokal und einige Male im Liga-Pokal zum Einsatz kam. „Wenn man in Lissabon am Atlantik steht und auf das weite Meer hinausschaut, kann man die ,Saudade’ nachvollziehen. Du blickst auf die Weite des Meeres – und da ist: nichts. Dann fragt man sich: Was kommt am Ende des Horizonts? Welche Welt ist dahinter?“

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Obwohl es sportlich nicht lief, lernte der frühere Torhüter des Hamburger SV und von Bayer Leverkusen die Hauptstadt Portugals schätzen. „Lissabon ist – auf den zweiten Blick – eine sehr schöne Stadt und die Portugiesen ein sehr freundliches Volk, ein Seefahrervolk.“ Der heute 41-Jährige spürte den Mythos Benfica: „Der Klub hat dem Land durch seine Erfolge in den 60er Jahren Selbstvertrauen gegeben, vor allem in Zeiten der damaligen Diktatur. Die Begeisterung für Benfica wird in den Familien vererbt“, erzählt Butt, „wenn wir auswärts gespielt haben, waren selbst die gegnerischen Fans auf unserer Seite – außer gegen Stadtrivale Sporting oder den FC Porto.“ Nach einem unglücklichen Jahr mit drei Trainern wechselte Butt 2008 zu Bayern und beendete 2012 seine Karriere. Er glaubt: „Unterm Strich wird Bayern in zwei Partien weiterkommen.“ Kein Finale, kein Fluch. Die Saudade setzt früher ein.

 

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