Bayerns emotionales Meisterstück gegen Gladbach

Der FC Bayern holt 1986 den Titel, weil der Pfosten und der VfB Stuttgart Werder noch aufhalten.
| Patrick Strasser
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Udo Lattek mit der Schale und Präsident Fritz Scherer.
imago images / WEREK Udo Lattek mit der Schale und Präsident Fritz Scherer.

Der FC Bayern holt 1986 den Titel, weil der Pfosten und der VfB Stuttgart Werder Bremen noch aufhalten.

München/Mönchengladbach - Schon wieder ist in dieser Serie von Michael Kutzop die Rede und seinem berühmtesten Elfmeter-Fehlschuss der Bundesliga-Historie. Ohne diesen Ball, den der Bremer am vorletzten Spieltag der Saison 1985/86 im Weserstadion an den Pfosten des Gehäuses von Bayerns Torhüter Jean-Marie Pfaff setzte, wäre eines der spannendsten Saison-Finals nicht möglich gewesen. Denn durch das 0:0 ging Werder mit zwei Punkten Vorsprung (aber mit dem schlechteren Torverhältnis) auf Verfolger FC Bayern in den letzten Spieltag.

Vier Tage später: Der Herbstmeister, der an 31 der bis dato 33 Spieltage ganz oben in der Tabelle stand, musste beim VfB Stuttgart antreten – ein Punkt hätte zur Meisterschaft gereicht. "Wir gewinnen 2:0", tönte Bremens Torhüter Dieter Burdenski. Titelverteidiger FC Bayern empfing Mönchengladbach im mit 70.000 Zuschauern nicht ganz ausverkauften (heute undenkbar) Olympiastadion.

Matthäus eröffnet Schützenfest nach 20 Sekunden

Man musste gewinnen und auf eine Niederlage der Hanseaten hoffen. Werder-Trainer Otto Rehhagel, nach dem ersten verpassten Matchball optimistisch: "Wir wollen nichts geschenkt haben. Ich glaube, dass unsere Mannschaft stark genug ist, auch ohne Geschenke Meister zu werden."

Und damit rein ins Geschehen des 26. April 1986 (die Meisterschaft musste übrigens so früh enden, weil sich die Nationalmannschaft auf die schwierigen klimatischen Bedingungen bei der WM in Mexiko vorbereitete): Bayern legt nach 20 Sekunden los mit dem 1:0 von Lothar Matthäus gegen seinen Ex-Verein. Sein Direktschuss aus 16 Metern eröffnet das Schützenfest. Im Parallel-Spiel erzielt Karl Allgöwer nach 22 Minuten das 1:0 für den VfB – in diesem Moment sind die Bayern bereits Meister, virtuell zumindest.

Apropos: BR-Reporter Waldemar Hartmann sagt in seinem Spielbericht: "Mittlerweile hat sich im Olympiastadion herumgesprochen, dass der VfB in Stuttgart mit 1:0 führt." Wohlgemerkt: Herumgesprochen. Nix online! Koa Internet! Wer ein kleines Radio im Stadion dabei hatte, war der Info-König. Per Flüster-, oder besser: Brüllerpost wurde die frohe Kunde von Reihe zu Reihe weitergereicht.

Bayern nimmt Gladbach komplett auseinander

Auch Bayern-Manager Uli Hoeneß verfolgt die Partie im Ländle ganz aufgeregt mit einem Radio, groß wie ein Walkman, an der Seitenlinie. 34 Jahre her, es kommt einem vor, als wären es Jahrhunderte. Nach Ecke von Michael Rummenigge erhöht Dieter Hoeneß per Kopf – wie sonst? - auf 2:0 (25.). Halbzeit, hier und dort. Nach der Pause macht Torjäger Roland Wohlfarth nach einem Fehlpass von Ewald Lienen das 3:0 (48.), Gladbach ist bereits geschlagen.

Alle Augen, nein alle Ohren sind auf Stuttgart gerichtet. Dort erzielt Allgöwer gegen viel zu passive Bremer das 2:0 (52.). Im Olympiastadion führt Bayern-Trainer Udo Lattek an der Seitenlinie Veitstänze auf, zeigt den Spielern an: Zwei! Als auf der Anzeigetafel der Spielstand von Werder vermeldet wird, brandet Jubel im weiten Rund auf, intensiver als bei den eigenen Treffern.

Lattek: "Sportlich die spannendsten Minuten meines Lebens"

Bayern nimmt nun die Gladbacher von Jupp Heynckes auseinander: Wieder Dieter Hoeneß (58., mit dem Fuß!!!), Reinhold Mathy (64.) und erneut Wohlfarth (80.) schrauben auf 6:0. Zwischendrin angeblich das 3:0 für den VfB, Lattek hat Tränen in den Augen – doch das 3:0 entpuppt sich als Ente. Die Bremer können durch Manfred Burgsmüller noch auf 1:2 verkürzen (79.), dann ist Schluss: Bayern ist Meister.

"Das waren rein sportlich die spannendsten Minuten meines Lebens", stammelt Lattek im Trubeltaumel, "so etwas gönne ich keinem Menschen, solche Hochs und Tiefs. Ich dachte, ich gehe durch die Hölle. Aber ich habe immer daran geglaubt. Mein Dank gilt dem VfB! Die Werder-Mannschaft und mein Kollege Otto Rehhagel tun mir echt leid."

Zum ersten und bis dato einzigen Mal wurde ein Verein Meister, der an den 33 Spieltagen zuvor nie Tabellenführer war.


Gesamtbilanz gegen Gladbach: 103 Bundesliga-Duelle, 49 Bayern-Siege, 25 Gladbacher Erfolge, 29 Unentschieden, 196:130 Tore.

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