AZ-Interview - Franz Roth: Bulles große Nacht

Am 31. Mai 1967 gewinnt der FC Bayern seinen ersten Europapokal. Franz "Bulle" Roth erinnert sich 50 Jahre später an seinen 1:0-Siegtreffer – und verrät, wie die Trophäe auf seinen Nachttisch kam. Der 71-Jährige spielte von 1966 bis 1978 für Bayern. Roth wurde viermal Meister, holte vier Europacups.
| Patrick Strasser
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"Ich erwische ihn gerade noch, lupfe ihn Richtung Tor", sagt "Bulle" Roth über seinen Kunstschuss im Fallen.
imago(2)/minkoff/Augenklick "Ich erwische ihn gerade noch, lupfe ihn Richtung Tor", sagt "Bulle" Roth über seinen Kunstschuss im Fallen.

AZ: Herr Roth, wenn man sich die Bilder von Bayerns erstem Europapokal-Erfolg 1967 anschaut, kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Sie, genannt "Bulle", konnten ja auch lupfen. Der Siegtreffer zum 1:0 gegen die Glasgow Rangers war aus der Kategorie "vui Gfui", also viel Gefühl.
FRANZ "BULLE" ROTH: Na klar. Ich hatte auch Gefühl im Fuß, konnte den Ball schnibbeln. Man mag es kaum glauben, aber ich war auch ein Techniker (lacht).

Dabei hätte es in dieser Szene in der 108. Minute der Verlängerung bei Ihrem Zweikampf gegen Glasgows Smith eigentlich Elfmeter geben müssen.
Nach dem langen Ball vom Franz (Beckenbauer, d. Red.) hält er mich fest, reißt mich über die Schulter nach hinten. Ich bin eigentlich schon weg vom Ball, erwische ihn gerade noch, lupfe ihn Richtung Tor. Torwart Martin kommt mir entgegen, wird überrascht. Da war ein Spielraum von vielleicht einem halben Meter - Gott sei Dank hat der Ball genau gepasst.

Ein eleganter Treffer. Als einst an der Säbener Straße die Schussstärke mittels aufgestellten Lichtschranken gemessen wurde, waren Sie der Beste: Mit 137 Stundenkilometern.
Sehen Sie, ich war ein kompletter Fußballer.

Nach Ihrem Tor wurde es chaotisch vor den 70.000 Fans im Städtischen Stadion.
Oh ja. Viele Fans feierten uns bereits auf dem Rasen, die Leute waren kaum aufzuhalten. Dabei hatten wir ja noch mehr als zehn Minuten zu spielen in der Verlängerung. Dass das Endspiel in Nürnberg stattfand, war wie ein Heimspiel für uns. Ich glaube, dass 90 Prozent der Zuschauer uns Bayern unterstützt haben.

In jenem Finale des Europapokals der Pokalsieger am 31. Mai 1967 waren jedoch die Glasgow Rangers favorisiert. Lokalrivale Celtic hatte zuvor den Europapokal der Landesmeister gewonnen, die schottische Nationalelf die Engländer in Wembley bezwungen.
Und wir haben zwei Jahre zuvor noch in der Regionalliga gespielt, sind erst 1965 in die Bundesliga aufgestiegen. Die Rangers hatten viel mehr Europacup-Erfahrung als wir. Für uns als junge Mannschaft war schon das Erreichen des Finals sensationell, wir gingen als Außenseiter rein.

Wie haben Sie sich damals auf so ein Finale vorbereitet?
Von Sonntag bis Dienstag sind wir in ein Kurz-Trainingslager an die Osterseen gereist, einfach zum Relaxen. Am Abend ging es dann per Bus nach Nürnberg, Abendessen, Schafkopfen und um 22 Uhr war Bettruhe. Ein ganz normaler Ablauf.

Wie hat Sie Trainer Tschik Cajkovski motiviert?
Der Tschik war kein großer Taktiker, wir haben ja damals Manndeckung fast über den ganzen Platz gespielt, jeder kannte seinen Gegenspieler. Als wir rausgingen, sagte der Trainer nur "Hab Freude und Spaß!" Werner Olk, unser Kapitän, der "Adler von Giesing", war sein verlängerter Arm auf dem Platz. Wir wollten unbedingt gewinnen, hatten eine tolle Mannschaft und eine super Kameradschaft. Nach dem Spiel sagte Cajkovski in seiner typischen Sprachfärbung zu mir: "Junge, du sein König!"

Der Platz war tief, es hatte den ganzen Tag geschüttet.
Das kam eigentlich den Schotten entgegen, die waren Regen gewohnt. Aber wir waren konditionell voll auf der Höhe.

Anschließend haben Sie den Pokal nicht mehr hergegeben, sogar mit ins Hotelzimmer genommen. Wie kam es dazu?
Ich habe unseren Manager um Erlaubnis gefragt. "Herr Schwan, das wäre doch super." Er antwortete: "Bulle, das geht nicht." Bei unserem Siegerbankett im Hotel stand der Pokal auf dem Tisch und als sich die Feier-Gesellschaft aufgelöst hat, kümmerte sich keiner um das Ding. Also hab’ ich ihn mitgenommen. Ein Fotograf hat das mitbekommen und dann das berühmte Foto gemacht mit dem Pokal auf meinem Nachtkästchen. Viel geschlafen habe ich nicht, ein paar Stunden nur. Außerdem hatte ich Angst, dass mir den Pott einer in der Nacht klaut.

Es schüttete auch am nächsten Tag beim Empfang in München.
Wir sind mit dem Bus nach Schwabing und dort in Cabrios umgestiegen, per Corso über die Leopoldstraße zum Marienplatz und dann auf den Rathausbalkon. Die Straßen waren trotz des Wetters voll, Menschen ohne Ende feierten uns.

Lesen Sie hier: Vor 50 Jahren - Der

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