Ex-Ski-Star Ghedina: Warten, dass der Spuk vorbei ist

Am Wochenende sollte das Saisonfinale der Skifahrer in Cortina d'Ampezzo steigen – stattdessen herrscht dort wegen der Corona-Krise Ausgangsperre. Die AZ sprach mit Ex-Superstar Ghedina, der dort lebt.
| Interview: Thomas Becker
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"Am Morgen war ich beim Einkaufen und auf der Bank, mit Atemmaske und Handschuhen", sagt der frühere Ski-Superstar Kristian Ghedina, der in Südtirol lebt – dort herrscht Ausgangssperre.
Alessandro Belluscio "Am Morgen war ich beim Einkaufen und auf der Bank, mit Atemmaske und Handschuhen", sagt der frühere Ski-Superstar Kristian Ghedina, der in Südtirol lebt – dort herrscht Ausgangssperre.

Der Südtiroler Kristian Ghedina (50) gewann zwei Mal Silber, einmal Bronze bei Ski-Weltmeisterschaften. Er betreibt in Cortina d'Ampezzo eine Pizzeria.

AZ: Herr Ghedina, Grüß Gott nach Cortina d'Ampezzo! Das Wichtigste zuerst: alle gesund daheim?
KRISTIAN GHEDINA: Mir geht's gut, ich bin okay. Wir sind zuhause – und warten, bis dieser Spuk endlich wieder vorbei ist.

Seit wann sind Sie daheim, und wie kriegen Sie die Zeit rum?
Seit gut zehn Tagen bin ich zuhause – und ich habe viel zu tun. Mein Haus steht ja im Wald – und in den letzten Tagen habe ich erst mal Holz gemacht. Und ich muss die alten VHS-Cassetten aus den letzten 30 Jahren digitalisieren – meine Schwester hat alle meine Rennen aufgenommen. Jetzt sitze ich da und schaue Ski-Rennen mit Pirmin Zurbriggen, Franz Heinzer und all den anderen. Das dauert zwar ganz schön lang, ist aber auch eine schöne Arbeit.

Für einen Sportler wie Sie muss es doppelt schlimm sein, nur daheim sitzen zu können. Haben Sie wenigstens nette Nachbarn?
Mein Onkel wohnt im Stockwerk über mir, meine Cousine unter mir. Wir sehen uns nur im Garten oder auf der Terrasse, halten aber immer schön Abstand. Am Morgen war ich beim Einkaufen und auf der Bank, mit Atemmaske und Handschuhen.

Kristian Ghedina: Am liebsten kocht er Casunziei

"5 Torri", Ihre Pizzeria mitten im Ort, ist natürlich auch geschlossen.
Ja, mein Onkel hatte vor dem Weltcupfinale mit dem Ersparten schon einen Monat im Voraus groß eingekauft – jetzt musste er viele Lebensmittel einfrieren oder verschenken.

Immerhin haben Sie viel Zeit zum Kochen. Was kommt im Hause Ghedina auf den Tisch?
Am liebsten Casunziei, mit roter Beete gefüllte Schlutzkrapfen, eine Spezialität aus Cortina. Die hat mir meine Oma immer gemacht. Einmal hab' ich 93 Stück gegessen. Meine WM-Medaille in Sierra Nevada habe ich der Oma gewidmet. Die Alten sind nun am meisten gefährdet.

Wie viele Infizierte gibt es im Ort?
Wir haben nur von drei Familien gehört. Es ist niemand draußen. Kein Verkehr, vielleicht alle fünf Minuten mal ein Auto. Es ist alles wie tot. Aber das muss jetzt auch sein. Mein Onkel geht dennoch jeden Tag arbeiten, er hat eine Bäckerei, die ganze Familie meines Vaters waren alle Bäcker.

Kristian Ghedina: Weltcup-Finale wäre ein Traum gewesen

Wie ist die Stimmung im Ort?
Am Wochenende hätte ja das Ski-Weltcup-Finale stattgefunden, sozusagen als Generalprobe für die Ski-WM im kommenden Jahr und für die Olympischen Spiele 2026. Dieses Weltcup-Finale wäre ein Traum gewesen! Vor zwei, drei Wochen hat es geschneit: Es sieht so wunderschön aus! Davor hatten wir fast zu wenig Schnee für den Weltcup und hatten schon Sorge, dass wir wegen Schneemangels absagen müssen – aber dann kam das Coronavirus, und alles musste abgesagt werden. Am Anfang war da natürlich eine große Enttäuschung im Ort, dass das Finale nicht stattfinden konnte. Aber, als nach ein paar Tagen dann wirklich alle Sportveranstaltungen im Land abgesagt wurden, haben wir verstanden: Corona ist ein großes Problem.

Wie weit war man mit den Vorbereitungen?
Es war schon alles aufgebaut: Tribünen, Pisten, die ganzen Fangnetze, alles. Da waren 120 Leute 15 Tage lang beschäftigt. Alle Hotels, Restaurants und Geschäfte mussten schließen, verloren ihre Einnahmen. Aber wichtig ist, dass die Leute jetzt gesund bleiben.

Kristian Ghedina: Ein Sprung zu seinen Ehren

Im Skigebiet, das ja zu Dolomiti Superski gehört, dem weltgrößten Liftverbund, sollte mit Blickrichtung Weltmeisterschaft und Olympia einiges renoviert und modernisiert werden – wie weit ist man da mit den Arbeiten?
Ein paar Lifte und auch die Zufahrtsstraße zum Zielgelände müssen noch fertiggestellt werden. Der Großteil der Arbeiten ist schon gemacht, aber ich weiß nicht, wann und wie es da wegen Corona weitergeht. Je konsequenter wir uns jetzt an die Regeln halten, umso früher können wir wieder rausgehen.

Und auf die Piste. Bei der WM im kommenden Jahr soll es auf der neuen Abfahrtsstrecke ja einen Ghedina-Sprung geben.
Eine Ehre, das freut mich natürlich sehr! Die Piste ist schon gebaut, aber wie weit und wie hoch der Sprung gehen wird, kommt auf die Präparierung an. Ich habe zu den Leuten von der Fis im Spaß gesagt: "Wenn das Ghedina-Sprung heißen soll, muss er mindestens 30 Meter weit gehen."

Lesen Sie hier: Ex-Ski-Profi Fritz Dopfer -

 

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