Der Thieminator zwischen Genie und Wahnsinn beim ATP-Masters

"Eine Intensität wie Rafael Nadal", sagt Patrik Kühnen über den Österreicher Thiem, "er ist eine potenzielle Nummer eins".
| Thomas Becker
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"Thiems Weg zum ersten Grand Slam war extrem hart", sagt Patrik Kühnen, "umso mehr bedeutet er ihm, umso mehr wird er als Spieler davon auch weiterhin profitieren."
"Thiems Weg zum ersten Grand Slam war extrem hart", sagt Patrik Kühnen, "umso mehr bedeutet er ihm, umso mehr wird er als Spieler davon auch weiterhin profitieren." © imago images/Xinhua

Patrik Kühnen hat einen beneidenswerten Job, wenn Tennis-Großereignisse anstehen: den ganzen Tag den Besten beim Spielen zuschauen. Wenn er vom letzten Nadal-Spiel erzählt, gerät er ins Schwärmen: "Jeder Ballwechsel höchste Intensität, bei jedem Schlag, kein Zurückhalten. Das ist schon beeindruckend."

Zumal Rafael Nadal noch nicht mal gewonnen hat. Der Sieger in der Vorrunde der ATP Finals hieß nämlich: Dominic Thiem. Und über den sagt der Sky-Experte Kühnen: "Die Intensität, mit der Thiem spielt, ist vergleichbar mit der von Nadal."

Patrik Kühnen hatte Dominic Thiem seit achtem Lebensjahr gecoacht

Wie bitte? Ist Nadal nicht seit Jahr und Tag das Maß aller Dinge in Sachen Dynamik? Unerreichbar, was Hingabe und Trainingsfleiß angeht? Das schon, sagt Kühnen, aber: "Dominic ist auch so ein Powerhouse. Er hat unheimlich schnelle Schläge, und er spielt das körperlich an einer Schnur durch. Das ist schon sein Markenzeichen: ein sehr kraftvolles, aber auch sehr kraftraubendes Spiel. Aber er hat das Fundament dafür, steht sozusagen auf sicheren Beinen, dank des knallharten Günter Bresnik."

Der Ex-Trainer von Boris Becker und Henri Leconte hatte Thiem von dessen achtem Lebensjahr an gecoacht, bevor sich die beiden im April 2019 geräuschvoll trennten. Seitdem arbeitet Thiem mit dem Chilenen Nicolas Massu, einst die Nummer neun der Welt, Olympiasieger 2004 in Einzel und Doppel, in einem Fünf-Satz-Krimi gegen Nicolas Kiefer und Rainer Schüttler. So groß Bresniks Anteil an Thiems Erfolg sein mag: "In der Zusammenarbeit mit Massu hat er den nächsten Schritt gemacht, ist spielerisch variabler geworden", meint Kühnen, "die Rückhand ist enorm verbessert. Jetzt kann er von beiden Seiten Druck machen, Winner spielen. Vor allem die Rückhand Longline ist ein essenzieller Schlag für ihn."

Thiem und Zverev sind gute Kumpels

2016 war es Kühnen gelungen, Thiem zu den BMW Open zu lotsen, deren Turnierdirektor er ja ist. Kühnen erinnert sich: "Er gewann im Halbfinale in drei Sätzen gegen Alexander Zverev und verlor das Endspiel gegen Philipp Kohlschreiber im Tiebreak des dritten Satzes."

Damals konnte Thiem noch entspannt über die Anlage des MTTC Iphitos spazieren - das geballte Interesse galt Zverev. Mittlerweile sind die beiden gute Kumpels, und die US Open werden nicht ihr letztes gemeinsames Grand-Slam-Finale gewesen sein.

"Thiems Weg zum ersten Grand Slam war extrem hart"

Thiems Reifeprozess sei erstaunlich, findet Kühnen: "Mit 27 ist er im besten Tennisalter, hat aus seinen drei Grand-Slam-Finals viel gelernt: Was fehlt noch? An welchem Rädchen muss ich noch drehen? Es war nur eine Frage der Zeit, bis er einen Grand Slam gewinnt. Er hat immer schon an die Tür geklopft, in Australien sogar 2:1 Sätze gegen Djokovic geführt." Und dann dieses Fünf-Satz-Drama gegen Zverev bei den US Open, wo er 0:2-Sätze hinten lag. "Thiems Weg zum ersten Grand Slam war extrem hart", sagt Kühnen, "umso mehr bedeutet er ihm, umso mehr wird er als Spieler davon auch weiterhin profitieren."

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Hätte Thiem in London alle seine Matches gewonnen, und Nadal sein letztes Gruppenspiel gegen Stefanos Tsitsipas verloren, hätte der Österreicher in der Weltrangliste so hoch wie noch nie rücken können: auf Platz zwei. Doch im letzten Gruppenmatch unterlag er dem Russen Andrey Rublev in zwei Sätzen. Kein Beinbruch.

Am Samstag geht es für Thiem im Halbfinale gegen Djokovic oder Zverev. "Und auf Sicht", sagt Kühnen, "ist er eine potenzielle Nummer eins, keine Frage."

Der Thieminator - in Anlehnung an Thiems Landsmann, den Terminator-Darsteller Arnold Schwarzenegger. Den hatte zunächst auch niemand auf der Rechnung.

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