Müller-Wohlfahrt spricht über die irren Temperaturen bei der WM: "Alles hat seine Grenzen"

AZ: Herr Müller-Wohlfahrt, Sie waren als Mannschaftsarzt der deutschen Nationalelf zwischen 1995 und 2018 bei vielen WM- und EM-Turnieren dabei, was ist Ihre schönste Erinnerung?
HANS-WILHELM MÜLLER-WOHLFAHRT: Ich habe gerade an einem Buch über die Europameisterschaft 1996 in England mitgewirkt. Das war eine besondere Leistung, weil wir so viele Verletzungen hatten und Berti Vogts immer die richtige Hand hatte, die richtigen Leute aufzustellen. Es war eine Wahnsinns-Moral festzustellen in dieser Mannschaft - und dank dieser Moral haben wir dann das Finale gegen Tschechien mit 2:1 gewonnen. Das war eine Trainer-Leistung, aber auch eine geschlossene Mannschaftsleistung. Oder auch die WM 1990.
Als Deutschland in Rom Weltmeister wurde im Finale gegen Argentinien dank des Elfmeters von Andy Brehme.
Da war ich nicht offiziell Mannschaftsarzt, aber Franz Beckenbauer wollte meine Erfahrung und meine Erkenntnis nutzen. Die Nationalspieler waren ja ohnehin alle bei mir in Behandlung. Franz sagte, er würde mich holen, wenn Not am Mann sei. Chef war Professor Heinrich Heß, ein großer Chirurg und toller Mensch. Aber diese konservative Therapie, die ich entwickelt habe, diese alternative Medizin, die hat Franz sehr schnell begriffen. Sie hat ihm gefallen. Und so war ich dauernd in Italien bei der WM dabei und habe die Spieler betreut. Das Glück war, dass die Mannschaft mehrmals in Mailand spielte und in Como untergebracht war. Das war von München gut zu erreichen für mich.
Temperaturen bis zu 40 Grad: Bei der WM erwarten die Spieler enorme Belastungen
Sie haben oft auch neben den Fußballern andere Sportler bei großen Turnieren betreut, etwa Boris Becker in Wimbledon 1990 oder 1996.
Genau. 1996 war ich parallel bei Boris, er hatte sich in Wimbledon an der Hand verletzt und konnte nicht weiterspielen. Er kam dann ins Trainingslager der Fußballer, ich hatte Berti Vogts vorher gefragt. Berti meinte: "Boris kann immer kommen." Boris war also bei mir in Behandlung im DFB-Camp und wurde Teil des Ganzen beim EM-Triumph. Er wurde herzlich aufgenommen, die Spieler kannten ihn, Boris kannte sich gut im Fußball aus. Das war eine tolle Gemeinschaft.

Jetzt steht im Sommer in Nordamerika die größte WM der Historie an, mit 48 Mannschaften und insgesamt 104 Spielen. Und dazu noch die Hitze vor Ort mit teilweise 40 Grad. Wie schätzen Sie die körperliche Belastung für die Teams ein?
Da ist die medizinische Abteilung gefordert, aber es hat alles seine Grenzen, was man medizinisch machen kann. Da ist auch das Geschick des Trainers ganz wichtig, dass er spürt, welcher Spieler im vollen Besitz seiner Kräfte ist und welcher Spieler ein bisschen schwächelt. Ich habe es eben schon angesprochen: Da gab es Trainer, die mich gefragt haben, wie ich das sehe, ob ich dem Spieler mal einen Tag Pause geben würde oder ob ich die Belastung intensivieren würde. In Absprache mit einem erfahrenen Arzt ist es ideal für einen Trainer.
Kann man sich in Sachen Ernährung auf eine solche WM der Strapazen vorbereiten?
Das Thema ist ziemlich ausgereizt. Ich glaube, dass die Ernährungswissenschaftler ihr Wissen seit vielen Jahrzehnten schon gut einbringen, auch die Köche. Das hat Professor Heinz Liesen schon bei der WM 1986 in Mexiko gemacht, dass wir genau auf die Ernährung geachtet haben. Und das haben wir auf hohem Niveau beibehalten.