Annika Beck: "Die besten Beine seit Steffi"

Sie spielte Hockey, Geige und übersprang eine Klasse: Annika Beck, in Wimbledon in Runde zwei, gehört zu Deutschlands größten Tennis-Hoffnungen. Vergleich mit Graf scheut die 19-Jährige allerdings
| Jörg Allmeroth
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LONDON Am Abend eines langen Grand Slam-Tages ging Annika Beck noch mal kurz auf Spionage-Tour. Gerade hatte sie im Schnelldurchlauf zum ersten Mal die zweite Wimbledon-Runde erreicht und ebenso eloquent wie zügig die Pressegespräche abgewickelt, da rückte sie aus zur Gegnerbeobachtung – Profi durch und durch. Raus auf Platz acht marschierte sie, dort, wo die nächste Rivalin Klara Zakapalova noch im letzten Tageslicht über den Rasen schlidderte. „Wenn es ums Tennis geht, kenne ich keine Kompromisse”, sagt Beck, „das muss man mit 100 Prozent machen – oder gar nicht.”


Mit dieser Konsequenz und Leidenschaft hat es die 19-jährige Bonnerin schon weit gebracht im Haifischbecken des internationalen Tennisbetriebs. Ein Jahr nach ihrem Debüt in den heiligen Wimbledon-Hallen ist sie auf Platz 54 der Weltrangliste gelandet – zwar immer noch DAS Gesicht der Zukunft im deutschen Damentennis, aber auch bereits verdammt stark im Hier und Jetzt. „Ich bin selbst überrascht, wie schnell und problemlos es nach oben gegangen ist”, sagt Beck. Andere sind es nicht, etwa Bundestrainerin Barbara Rittner: „Sie ist eine unheimlich fleißige, geradlinige Spielerin”, sagt die Chefin des Fed Cup-Teams, „alles, was sie anpackt, tut sie mit vollem Einsatz. Mit Herz und Seele.”


Diese Klarheit und Bedingungslosigkeit lebt die Tochter eines Professoren-Ehepaares schon seit Kinderjahren vor. Viele Talente und Interessen hatte die Überfliegerin, spielte Hockey, nahm Ballettunterricht, lernte Geige. Doch sich zu verzetteln in diesen Neigungen, kam für das junge Fräulein Beck nicht in Frage – mit 14 entschied sie sich für die größte ihrer Leidenschaften, Dass sie am Bonner Liebfrauen-Gymnasium schnell mal ein Schuljahr übersprang und bereits mit 18 ein Einser-Abitur ablegte, wirkte da fast wie ein ironisches Kapitel des großen Plans, so früh wie möglich ins Profitennis einzusteigen. „Bei Annika geht eben alles schnell”, sagt Rittner, „es ist schon unglaublich, wie sie die Dinge in den Griff kriegt.” Draußen im ganz normalen Leben, und drinnen in der etwas unnormaleren Welt des Wanderzirkus.


Seit die Doppelbelastung von Schule und Hochleistungssport weggefallen ist, bringt sich Beck mit noch größerem Elan gegen das Tennis-Establishment in Stellung: „Es ist schon eine enorme Erleichterung, sich nur noch auf die Profikarriere konzentrieren zu können”, sagt die 19-Jährige, die vom weitgereisten, sehr erfahrenen Coach Robert Orlik betreut wird. In dessen Akademie bei Köln schrubbt die Teenagerin ihr Trainingspensum klaglos ab. „Manchmal muss ich sie sogar bremsen”, sagt Orlik.


Nach zwölf Monaten im Nomadenbetrieb hat sie längst ihre eigenen Strategien entwickelt, um mit den Großen der Branche mithalten zu können. Wie eine Schachspielerin setzt die eher kleingewachsene Bonnerin (1,70 Meter) ihre Züge auf dem Court, denkt und plant sorgfältig voraus – eine starke Athletin, die ihrem Alter weit voraus ist. Und dann wären ja noch die Beine von Beck, die schnellen Beine, die Beine, die Bundestrainerin Rittner „für die besten Beine seit den Tagen von Steffi Graf” hält. Beck lächelt, wenn sie auf dieses Zitat angesprochen wird: „Ich bin ganz schön schnell. Das stimmt. Aber mit Steffi will ich mich doch nicht vergleichen.”


Den Status quo, mit Platz 54 in der Rangliste, findet die Senkrechtstarterin „bemerkenswert”. Aber Stillstand ist Rückschritt, und so nimmt sie gerade die nächste Karriere-Offensive in Angriff, die Attacke auf die Eliten, die Spielerinnen, die in der Weltrangliste von Platz 30 an aufwärts stehen. „Was muss ich tun, um gegen die erfolgreich zu sein?”, hat sich Beck in einer Selbstanalayse gefragt – und die Antwort gegeben: „Noch mutiger sein, noch aggressiver.”

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