AZ-Interview - Sven Ottke: "Boxen kann die Hölle sein"

Der Münchner Robin Haxhi Krasniqi kämpft gegen Arthur Abraham, den einstigen Sparringspartner von Sven Ottke.
| Matthias Kerber
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Arthur Abraham (l.) schlägt Münchens Robin Haxhi Krasniqi.
dpa Arthur Abraham (l.) schlägt Münchens Robin Haxhi Krasniqi.

Der Münchner Robin Haxhi Krasniqi kämpft gegen Arthur Abraham, den einstigen Sparringspartner von Sven Ottke. Der 49-Jährige Ottke war von 1998 bis 2003 Box-Weltmeister im Supermittelgewicht, ehe er nach 34 Kämpfen als ungeschlagener Champion zurücktrat. Die Box-Ikone spricht in der AZ über das Duell und fordert eine Gewerkschaft für die Kämpfer:

AZ: Herr Ottke, am Samstag (22.30 Uhr, MDR) steigt Ihr einstiger Sparringspartner Arthur Abraham gegen den Münchner Robin Krasniqi in einem WM-Ausscheidungskampf in den Ring. Was trauen Sie Ex-Weltmeister Abraham, der zuletzt erschrechend schwache Leistungen abgerufen hat, überhaupt noch zu?
SVEN OTTKE: Es wird extrem schwer für Arthur. Krasniqi ist hungrig und heiß, der will diesen Sieg unbedingt. Dafür gibt er alles. Wenn man sieht, wie hart sein Körper ist, so etwas habe ich selten gesehen. Ich habe einmal in meinem Leben gegen so einen Kerl geboxt, bei dem die Muskeln durch die Haut zu platzen schienen...

Sven Ottke: „Arthur ist nunmal einer, der gerne isst“

...Silva Branco.
Genau. Da bist du als Gegner schon beindruckt, aber solche Muskeln musst du erstmal mit Sauerstoff versorgen. Ich bin mir noch nicht sicher, ob dieser extreme Körper ein Vor- oder ein Nachteil für Krasniqi ist. Aber den Wettbewerb der Bodies hat er auf jeden Fall gewonnen. Und dann kommt Arthur mit seinem Bauch auf die Waage. Da sind wir auch bei seiner großer Schwäche. Er ist satt. Sein größter Kampf ist eigentlich der mit der Waage. Er hat jedes Mal immense Probleme, das Gewicht zu bringen. Seinen persönlichen Kampf hat er gewonnen, wenn er das Gewichtslimit bringt. Arthur ist nunmal einer, der gerne isst und im Training auch gerne mal etwas faul ist. Wie gesagt: Ich glaube, dass es für Arthur ganz schwer wird, denn rein boxerisch ist es bei ihm ja nicht weit her, war es noch nie.

Seine letzte überzeugende Leistung ist schon lange her.
Stimmt. Sein Boxstall Sauerland hat ihn zuletzt über Wasser gehalten, weil sie ihn brauchen, weil ihnen einfach die Boxer ausgehen. Also hat man Arthur mitgezogen. Man muss ein gutes Gedächtnis haben, um sich an Arthurs letzte beeindruckende Darbietung zu erinnern. Man hat ihm zwischenzeitlich immer mal Gegner vor die Fäuste gestellt, bei denen er gut aussehen konnte.

Sie selber sind als ungeschlagener Champion abgetreten. Sollte es Abraham sein lassen, wenn er verliert?
Auf jeden Fall! Was soll das Ganze dann noch? Was will er sich und anderen dann noch beweisen? Er hat eine Wahnsinnskohle verdient, das soll er genießen und sich freuen, dass er ohne größere Schäden aus dem Ring kommt. Ich habe es nicht einen Tag bereut, die Boxhandschuhe ausgezogen zu haben. Man muss nicht drumherum reden: Boxen ist ein brutales, teils unmenschliches Geschäft. Damit meine ich nicht nur das, was im Ring abgeht. Es ist ein Geschäft. Nicht mehr. Du bist was wert, solange du mit den Kämpfen dafür sorgst, dass andere Geld verdienen. Ist das nicht mehr so, wirst du weggeschmissen. Boxen kann die Hölle sein.

Wie sehr berührt Sie das Schicksal des früheren Europameisters Eduard Gutknecht, der bei seinem Kampf gegen George Groves Ende 2016 so schwere Hirnverletzungen erlitt, dass er für immer eine Pflegefall bleiben wird?
Ich bin erschüttert. Warum muss man einem Mann, der am Ende seiner Karriere ist, einen Boxer vorsetzen, der einem wirklich die Ohren vom Kopf schlagen kann? Was er, seine Frau, seine Kinder durchmachen müssen, hat kein Mensch verdient. Die Kinder wachsen eigentlich ohne richtigen Vater auf. Das ist echt zum Heulen und zeigt genau auf, dass das Boxgeschäft kein Herz hat. Fragen Sie mal nach, wieviel Unterstützung die Familie noch von den Leuten bekommt, die mit Gutknecht Geld verdient haben. Dann wissen Sie, was ich meine, wenn ich von einem unmenschlichen Geschäft rede.

Würden Sie für eine Art Gewerkschaft plädieren, die sich um den Schutz der Kämpfer kümmert?
Das ist überfällig. Es gibt im Boxen so viele kaputte Existenzen. Ein Mike Tyson hat hunderte Millionen verdient und ist nun pleite. So viele Boxer haben wirklich nichts. Wenn sie anfangen, dann verdienen sie viel zu schnell viel zu viel Geld. Und sie können damit nicht umgehen. Dann sind da all die Schulterklopfer, die nur deine Kohle wollen. Nehmen Sie Arthur und seinen Bruder, als die zu mir als Sparringspartner kamen, hatten sie rein gar nichts. Kurze Zeit später Millionen zu verdienen, das verkraften viele nicht. Es gehen viele als Menschen zugrunde, das ist jetzt aber nicht auf Arthur bezogen.

Ihre Patentochter Nina Meinke wird am 29. April im Vorprogramm des Kampfes von Wladimir Klitschko gegen Anthony Joshua gegen die Britin Katie Taylor kämpfen.
Ja, ich hatte sie schon als Baby auf dem Arm, sie ist die Tochter meines besten Freundes Christian. Sie kann richtig boxen, aber gegen Taylor wird es schwer, die ist eine sehr starke Kämpferin. Taylor hat in ganz Europa nach jemandem gesucht, der gegen sie in den Ring steigt. Christian und Nina haben zugesagt und ich werde ihr jetzt helfen, denn zu verlieren haben wir nichts. Sie muss boxen, wie ich es früher gemacht habe. Schnell, beweglich sein, einen langen Schuh machen, sich nicht auf eine Schlägerei einlassen. Am Ende werden wir schauen, was rauskommt.

Hat der Patenonkel gar keine Angst?
Nein. Ich bin ja da, um sie zu beschützen. Wenn ich eine Gefahr für sie sehe, greife ich ein. Für mich ist das kein Business, kein Geschäft. Das ist für mich Familie. Ninas Wohl ist alles, was zählt.

Lesen Sie auch - Die Gefahr Boxen: Aufgeben ist keine Schande

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