Boxen: Ringarzt spricht über Gefahren des Boxens und Not-OP bei Gutknecht

Dr. Walter Wagner, Deutschlands bekanntester Ringarzt, spricht in der AZ über das Drama um den notoperierten Gutknecht. "Es ist keine Schande, einen Kampf aufzugeben, wenn er aussichtslos ist."
| Matthias Kerber
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Eduard Gutknecht (l.), hier in seinem Kampf im März gegen Jürgen Brähmer, ist nach seinem Fight gegen George Groves notoperiert worden. Ringarzt Walter Wagner (kl. Bild) spricht über die Gefahren des Boxens.
dpa/ho/az Eduard Gutknecht (l.), hier in seinem Kampf im März gegen Jürgen Brähmer, ist nach seinem Fight gegen George Groves notoperiert worden. Ringarzt Walter Wagner (kl. Bild) spricht über die Gefahren des Boxens.

München - Der Ringrichter Professor Dr. Walter Wagner spricht im AZ-Interview über den deutschen Boxer Eudard Gutknecht, der notoperiert werden musste, und über die Gefahren des Boxsports.

AZ: Herr Wagner, der deutsche Boxer Eduard Gutknecht musste nach seinem Kampf in London gegen George Groves aufgrund einer Gehirnblutung notoperiert werden. Sie sind Deutschlands bekanntester Ringarzt. Kann man solche Tragödien im Boxsport irgendwie verhindern?
PROF. DR. WALTER WAGNER: Vorab muss man klarstellen: Wer behauptet, dass Boxen ungefährlich ist, lügt – oder er hat nicht den Hauch einer Ahnung. Man wird die Gefahr im Boxen nie auf null bringen, aber man kann sie einem Nullwert annähern. Dazu gehören viele Maßnahmen, die in sich greifen müssen.

Die Sie zum Teil mitinitiiert haben.
Als ich 1980 angefangen habe, mich in den Boxsport einzubringen, wurden sofort Dopingkontrollen eingeführt. Wir haben nicht mehr zugelassen, dass Kämpfer einfach von ihrem Hausarzt boxtauglich erklärt werden. Es wurden kardiologische und neurologische Tests eingeführt und wir haben auch darauf bestanden, dass der sogenannte MRA-Tests, also die Überprüfung der hirnversorgenden Gefäße, gemacht wurde. Wenn es da Vorschädigungen gibt, kann schon das Pressen beim Stuhlgang zu einer Hirnblutung führen. Dass in so einem Zustand Boxen lebensgefährlich wäre, ist offensichtlich. Am besten sollten bei Kämpfen immer Mediziner mit Notarztlizenz anwesend sein.

"Es geht um die Gesundheit"

Es gibt Diskussionen, die Ecke von Gutknecht hätte das Handtuch werfen müssen.
Ich habe den Kampf nicht gesehen, daher kann ich mich zu dem konkreten Fall nicht äußern. Aber es ist grundsätzlich so, dass die Trainer eine hohe Mitverantwortung haben. Eduard ist ein netter Kerl, ein guter Techniker, aber er hat keine Schlagkraft, er kann – überspitzt formuliert – keine Fliege von der Wand schlagen. Daher sehe ich als Ringarzt keinen Sinn darin, einen Kampf, den ein Boxer unter keinen Umständen mehr gewinnen kann nur um der Ehre willen fortzuführen. Hier geht es um die Gesundheit. Ich kenne auch Eduards Trainer Hartmut Schröder.

Halmich und der Super-Hammer

Vom Wikinger-Boxteam.
Ja, ich schätze ihn sonst sehr, aber seinen Ansatz „Ein Wikinger gibt niemals auf, er kämpft bis in den Tod“ teile ich nicht. Für mich ist es überhaupt keine Schande, einen Kampf aufzugeben, wenn er aussichtslos ist. Im Gegenteil, ich finde, es ehrt eine Ecke, wenn man sich schützend vor den Boxer stellt. Als ich beim BDB, dem Bund deutscher Berufsboxer, noch was zu sagen hatte, gab es auch Fortbildungen für Ringrichter.

"Risiko kalkulierbar"

Sie wurden selber stark kritisiert, als Sie im Jahre 2006 Arthur Abraham gegen Edison Miranda trotz eines doppelten Kieferbruchs fortsetzen ließen.
Stimmt – und ich habe ja auch gleich nach dem Kampf erklärt, dass ich jedem, der sagt, der Fight hätte abgebrochen werden müssen, nicht widersprechen werde. Aber ich habe Arthur in jeder Runde genau untersucht, es waren keine Zähne ausgebrochen – an einem Kieferbruch ist noch keiner gestorben. Deswegen habe ich ihn weitermachen lassen. Er hat danach die Runden gewonnen. Aber: Es war ein Grenzfall. Das habe ich damals so gesehen, das sehe ich heute so.

Selbst bei den großen Boxern sieht man oft Spätschäden wie ein gestörtes Sprachbild.
Gerade in den Spätphasen der Karriere nehmen viele Boxer zu viele Schläge. Man sollte sich mal fragen, warum Henry Maske mit 33 seine Karriere schon beendet hat: Weil er wusste, dass er solche Materialschlachten wie sein erster Kampf gegen Graciano Rocchigiani an die Substanz gehen. Er saß ja noch über eine Stunde nach dem Kampf vollkommen apathisch in der Kabine. Nach meiner Erfahrung dauert es etwa acht Wochen, bis sich ein Boxer von einem normalen Kampf auf allen Ebenen regeneriert hat. Aber insgesamt sehe ich das so, wie Max Schmeling es sagte: Wenn man sich vorbereitet und lebt wie ein Boxer, seinen Beruf und die Vorbereitung ernst nimmt, ist der Beruf zwar gefährlich, aber nicht übermäßig. Wenn alle Maßnahmen greifen, ist das Risiko kalkulierbar.

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