Andrea Petkovic im Interview: Wir Sportler müssen uns gegen Rassismus positionieren

Andrea Petkovic spricht im AZ-Interview über den Rechtsruck in der Gesellschaft, ihren letzten großen Tennistraum und den Moderatoren-Job beim ZDF: "Geht das rote Licht an, bin ich total aufgeregt".
| Maximilian Koch
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Seit Dezember 2019 auf Sendung: Petkovic moderiert die Sportreportage im ZDF – und schreibt nebenbei auch noch ihr erstes Buch.
imago Seit Dezember 2019 auf Sendung: Petkovic moderiert die Sportreportage im ZDF – und schreibt nebenbei auch noch ihr erstes Buch.

AZ: Frau Petkovic, Sie verbringen viel Zeit in New York, kommen aber auch immer wieder nach Darmstadt zu Ihren Eltern. Geboren sind Sie in Bosnien. Gibt es einen Ort, den Sie als Heimat bezeichnen?
Andrea Petkovic:
Wenn man so viel in der Welt herumreist wie ich, lernt man schnell, an jedem Hafen seine Heimat zu finden. Aber wenn ich mir einen Ort aussuchen müsste, wäre das Darmstadt. Dort bin ich aufgewachsen, zur Schule gegangen, hier sind meine ältesten Freunde, die mich schon vor meiner Tenniskarriere kannten, meine Eltern, meine Schwester. Aber ich komme überall ganz gut zurecht.

Mit umso mehr Unverständnis dürften Sie die gesellschaftlichen Entwicklungen in Deutschland verfolgen, den Aufstieg der AfD, den stärker werdenden Nationalismus.
Manches bereitet mir wirklich Sorgen. Ich bin selbst Tochter einer Migrantenfamilie, die aus dem ehemaligen Jugoslawien nach Deutschland gekommen ist und hier herzlich empfangen wurde. Deutschland hat mir diesen Erfolg ermöglicht, ohne den Rückhalt des Deutschen Tennisbundes hätte ich es nie so weit geschafft. Deshalb bin ich dem Land zu großem Dank verpflichtet. Es macht mich traurig, nun zu sehen, wie sich manches entwickelt, dass die Stimmen von rechts lauter werden. Eine große Mehrheit in Deutschland stemmt sich aber auch weiter dagegen. Ich persönlich glaube, dass der Sport viele dieser Grenzen überwinden kann. Deswegen konzentriere ich mich auf den Bereich, in dem ich etwas ausrichten kann. Gerade wir Sportler sind diejenigen, die im Ausland spielen, die fremde Kulturen kennenlernen. Da haben wir eine Vorbildfunktion, als Sprachrohr zu fungieren und uns immer wieder gegen Rassismus zu positionieren.

Zu einem erfreulicheren Thema: Seit Dezember moderieren Sie die ZDF-Sportreportage – parallel zu Ihrer Tenniskarriere. Sind Sie vor der Kamera aufgeregter als bei einem Grand-Slam-Turnier?
Im Tennis habe ich die Erfahrung, mit meinen Nerven umzugehen. Und es liegt nicht alles in meinen Händen. Ich kann nicht mehr tun, als an dem Tag mein bestes Tennis zu spielen. Wenn die Gegnerin trotzdem stärker ist, ist es halt so. Als Tennisspieler lernt man früh, damit umzugehen. Ich habe eher eine latente Aufregung den ganzen Tag über. Wenn es auf den Platz geht, ist aber alles vergessen. Da ist die Nervosität kontrollierbar.

Petkovics angestrebter Moderationsstil: "Eine Mischung aus König und Cerne"

Und wie ist es als TV-Moderatorin?
Da bin ich den ganzen Tag über gar nicht aufgeregt, eher konzentriert. Ich versuche, mir die Texte zu merken, falls irgendwas mit dem Teleprompter passiert, was schon mal vorkommen kann. Es ist ja eine Live-Sendung. In dem Moment, in dem das rote Licht an der Kamera angeht, werde ich total aufgeregt. Ich muss noch lernen, damit umzugehen, weil meine Stimme dann plötzlich höher wird und ich schneller rede. In den letzten beiden Sendungen ist es aber schon besser geworden. Ich merke die Lernkurve.

Seit Dezember 2019 auf Sendung: Petkovic moderiert die Sportreportage im ZDF – und schreibt nebenbei auch noch ihr erstes Buch.
Seit Dezember 2019 auf Sendung: Petkovic moderiert die Sportreportage im ZDF – und schreibt nebenbei auch noch ihr erstes Buch. © imago

Haben Sie einen Trick, um die Aufregung zu kontrollieren?
Es hilft mir, wenn ich einen Gast habe. Kürzlich war Dominic Thiem aus Melbourne zugeschaltet, in der Sendung zuvor hatte ich unseren Fußball-Experten Hanno Balitsch im Studio. Wenn ich mit jemandem interagieren kann, lockere ich auf. Es ist noch ein bisschen schwierig, wenn ich allein in die Kamera spreche, aber das wird von Sendung zu Sendung besser. Das sagen auch meine erfahrenen Kollegen.

Apropos erfahrene Kollegen: Haben Sie TV-Vorbilder?
Ich mag Norbert König sehr gerne. Der ist so selbstbewusst in seinem Wissen, da habe ich gemerkt, wie viel Hintergrundarbeit für eine Moderation nötig ist. Daran orientiere ich mich. Ich lese jeden Tag Sportnachrichten. Früher habe ich vielleicht mal den einen oder anderen Sport überlesen, aber das ist jetzt anders. Norbert ist einfach natürlich informiert, der kennt sich überall gut aus, im Fußball, Skispringen, Basketball, überall. Das gibt ihm eine sichere Ausstrahlung. Bei Rudi Cerne mag ich total, dass er so entspannt wirkt. Er hat super Handtechniken, die dazu passen. Eine Mischung aus König und Cerne – das wäre mein idealer Moderationsstil, wenn ich da irgendwann in 35 Jahren mal hinkomme. (lacht)

Petkovic begeistert sich nicht nur für Sport, sondern auch für Literatur

Welcher Sport neben Tennis begeistert Sie denn am meisten? Dass Sie Fußball-Fan von Darmstadt 98 sind, ist ja kein Geheimnis.
Generell hatte ich Ballsportarten immer mehr auf dem Schirm. Meine Eltern stammen aus Serbien, da stehen Fußball, Basketball, Volleyball, Handball und Tennis über allem. In diesen Sportarten musste ich gar nicht viel dazulernen. Schwieriger ist der Wintersport – weder in Serbien noch in Darmstadt hatte ich viel mit Bergen zu tun (lacht). An den Wintersport-Wochenenden habe ich mir jetzt angewöhnt, den Fernseher laufen zu lassen. Biathlon, Skispringen – es wird alles interessanter für mich. Eine neuempfundene Liebe. Die Psychologie ist übrigens in allen Sportarten ähnlich.

Inwiefern?
Zum Beispiel habe ich vorhergesagt, dass RB Leipzig nach der Winterpause Schwierigkeiten bekommen wird. In der Redaktion haben alle an meiner These gezweifelt, auf den starken Kader verwiesen, auf den Toptrainer Julian Nagelsmann. Ich habe dann gesagt: Wenn bei uns im Tennis ein Neuer auf die Bühne kommt, läuft die erste Strecke oft super. Wenn du dann aber eine Pause hast und Zeit, darüber nachzudenken, was passiert ist und was du erreichen kannst, kommt Nervenflattern dazu. So kam Leipzig ja dann auch aus der Winterpause – und die Kollegen haben mich staunend angeschaut. Diese kleine Delle nach einem unerwarteten Erfolg erlebt man in jeder Sportart. Das finde ich spannend.

Sie sind eine neugierige Frau, neben Ihrer Tennis- und TV-Karriere versuchen Sie sich nun auch als Schriftstellerin, bringen im Herbst Ihr erstes Buch raus. Woher kommt diese dritte Leidenschaft?
Die Literatur ist mein Herzstück bei all dem, was ich so treibe. Ich habe schon immer geschrieben und war stets eine vehemente Leserin jeglicher Literatur. Veröffentlicht habe ich aber lange nicht, es war eher eine Flucht aus meinem Tennisalltag. So konnte ich meinen Stress vergessen, mich kreativ und intellektuell auslassen. Im Tennis powert man sich zwar körperlich aus, aber nicht unbedingt intellektuell. Eine Redakteurin aus New York sprach mich irgendwann einmal an und fragte, ob ich nicht etwas für ihr Magazin schreiben würde. Es war ein Vergleich zwischen zwei Künstlern sowie Roger Federer und Rafael Nadal. Das kam gut an und so hat es sich entwickelt. Immer mehr Anfragen gingen bei mir ein, irgendwann hatte ich eine Kolumne in der "Süddeutschen Zeitung".

Und wie kam es dann zur Idee mit dem Buch?
Einige Verlage schlugen vor, die Kolumnen in einem Buch zu bündeln. Aber ich wollte lieber ein "richtiges" Buch schreiben. Seit eineinhalb Jahren bin ich dabei. Es sind Erzählungen aus meinem Leben, eine Coming-of-Age-Story einer jungen Frau, die in einer außergewöhnlichen Welt groß wird. Es ist sehr viel Tennis drin, weil fast mein ganzes bisheriges Leben aus Tennis bestand. Es geht aber auch um Freundschaften, die ganz alltäglichen menschlichen Tragödien mit Niederlagen und Triumphen. Ich habe versucht, mein Leben zu universalisieren, damit sich auch andere damit identifizieren können, speziell junge Frauen. Ich hoffe, dass das Buch manche berührt.

Tennis-Karriereaus? "Die Leidenschaft ist noch da"

Fühlen Sie sich als Schriftstellerin nicht wie eine Exotin im Tenniszirkus?
Ich bin schon ein soziales Tier, freunde mich schnell mit allen an. Manchmal lachen die Kollegen über mich, wenn sie nach dem Training an den Pool gehen und ich ins Zimmer, um zu schreiben. Rechtzeitig zum Abendessen bin ich aber wieder dabei und kann meine Kontakte pflegen. Ein Eigenbrötler bin ich nicht. Aber klar: Ich hatte schon einen anderen Werdegang als die meisten Tennisprofis. Ich habe Abitur gemacht, meine Eltern haben darauf bestanden, dass ich neben dem Sport immer meine Bildung verfolge. Das hat mir einen Weitblick gegeben für das Leben neben dem Sport. Heute werden Kinder immer früher zu Profis erzogen. Das ist vielleicht gut für die Tenniskarriere, verschließt aber die Augen für andere wichtige Sachen. Und so besteht die Gefahr, dass man keinen zweiten Weg und keine Hobbys hat, wenn die Karriere einmal vorbei ist. Bei ganz vielen Kolleginnen in meinem Alter merke ich, dass sie zwar vier Wochen lang glücklich sind nach ihrem Karriereende, doch dann kommt die große Leere und sie fragen sich, was sie mit ihrem restlichen Leben anfangen sollen. Ich bin froh, dass mir das nicht passiert – und ich mehrere Standbeine habe.

Im September werden Sie 33 Jahre alt. Wann wollen Sie mit dem Tennis aufhören?
Eigentlich sollte dieses Jahr mein Ausklingjahr werden. Aber jetzt bin ich Ewigkeiten am Knie verletzt gewesen, deshalb verschiebt sich das wohl etwas. Ich will auf jeden Fall dieses Jahr noch spielen und vielleicht noch die Australian Open 2021 dranhängen. So viele Turniere werden es nicht mehr. Ich höre da ganz auf meinen Körper.

Haben Sie noch einen Tennistraum?
Ich würde total gerne noch mal ein Turnier gewinnen, das ist mein großer Traum. Und natürlich auf den großen Bühnen, bei den Grand Slams gut spielen. Dort macht es am meisten Spaß, auf den großen Plätzen habe ich immer meine besten Leistungen gebracht. Die Leidenschaft ist noch da.

Was werden Sie besonders vermissen, wenn die Karriere vorbei ist – und was nicht?
Die Matches werden mir fehlen. Ich bin einfach eine Wettkämpferin, die sich an anderen reiben muss. Das findet man im normalen Leben nicht so. Auf das tägliche Training werde ich in Zukunft verzichten können – und auf die Einsamkeit in Hotels.

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