Veith: "Streif schwebt über allen anderen Abfahrten"

Ex-Abfahrer Michael Veith spricht im AZ-Interview über die legendäre Streif, wo am Wochenende die besten Abfahrer starten. Für ihn steht fest: "Das ist wie Monte Carlo für einen Autorennfahrer."
| Thomas Becker
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Beeindruckende Sicht vom Steilhang ins Tal: Der Norweger Aleksander Aamodt Kilde beim Trainingslauf auf der Streif in Kitzbühel.Ex-Abfahrer Michael Veith (rechts) spricht im AZ-Interview über die legendäre Abfahrt.
dpa/Imago Beeindruckende Sicht vom Steilhang ins Tal: Der Norweger Aleksander Aamodt Kilde beim Trainingslauf auf der Streif in Kitzbühel.Ex-Abfahrer Michael Veith (rechts) spricht im AZ-Interview über die legendäre Abfahrt.

Der heute 59-Jährige war in den 1970er und 1980er Jahren einer der besten deutschen Abfahrer. 1978 wurde Michael Veith Vizeweltmeister.

AZ: Herr Veith, als Vize-Weltmeister in der Abfahrt kennen Sie die Streif ja ganz gut. Wie oft sind Sie da wettkampfmäßig runter gebrettert?
MICHAEL VEITH: Zehn, zwölf Mal. Zum ersten Mal Mitte der 70er, als Jungspund, neben all den Heros wie Franz Klammer, Bernhard Russi und Roland Collombin. Die kannten wir ja nur aus dem Fernsehen. Lustig war es immer unten am Würstlstand, wo man abends um zehn noch was gegessen hat. Da hat mich der Collombin mal auf eine Wurst eingeladen. Ein Lebemann und nichtsdestotrotz ein sauguter Skifahrer.

Klingt sehr entspannt.
Damals gab’s noch diesen Tee in der "Tenne". Da haben sich alle getroffen, eine brutal innige Beziehung. Man hat sich ausgetauscht, natürlich ist auch Scheiß gemacht worden. Aber mit den Seriensiegern Klammer und Stenmark wurde alles professioneller und strukturierter - und es war auch mehr Geld im Spiel.

Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Abfahrt?
Klar. Wenn du das besichtigst, sagst du dir: "Das fahr’ ich nie!" Da gehört schon viel dazu. Wenn du oben im Starthaus stehst, geht’s gleich anständig weg - aber du kannst ja nicht aus. Dann die Mausefalle mit einem 40-Meter-Sprung! Man hat sich da mehr runtergekämpft. Es war unglaublich schlägig präpariert, hielt nur 15 Läufer lang, bis die großen Schläge rauskamen. Ein ganz spezielles Rennen, ein ganz eigener Charakter. Das schwebt über allen anderen Abfahrtsrennen, wie Monte Carlo für einen Autorennfahrer.

Wie sind die Verhältnisse heute im Vergleich zu Ihrer Zeit?
Die Streif konntest du von der Linie her nie ändern. Der Berg ist so, diese Eigenheiten und die Steilheit musst du bezwingen.

War der Hype um die Streif damals auch schon so gigantisch?
Da waren 40.000 oder 50.000 Leute, Minimum so viele wie heute. Und als der letzte Rennläufer unten war, sind die ganzen Halb-Renner auf die Strecke gegangen. Wir sind dann immer unten gestanden und haben uns das Spektakel angeschaut: unglaublich! Brutal, wie die da runter sind. Schön Mut angetrunken, und dann lagen die da überall - bis der Nächste in das Knäuel rein gerauscht ist. Das war für uns fast noch interessanter als das Rennen.

Gibt es ein Rezept für die Streif?
Respekt, aber keine Angst. Sonst brauchst du gar nicht erst antreten. Und sonst? Wichtig ist die Ausfahrt Mausefalle, sonst erwischst du den Steilhang nicht, und dann kannst du gleich parken. Spektakulär ist natürlich auch der Sprung über die Hausbergkante. Es gibt glaube ich keine andere Strecke, wo die Zuschauer die Fahrer 30 Sekunden lang sehen.

Gewöhnt man sich mit den Jahren an diesen Wahnsinn? 1978 haben Sie es sogar mal aufs Podest geschafft.
Siebter und Dritter war ich mal, drei Hundertstel hinter dem Sieger. 14 Tage später war die WM in Garmisch, wo ich sieben Hundertstel hinter dem Sepp Walcher gelandet bin. Aber ich war froh, diese Platzierungen geschafft zu haben. In Kitzbühel eine Top-Platzierung zu fahren, ist der Traum jedes Abfahrers. Und das Schönste ist, wenn du als Sieger eine Gondel mit deinem Namen bekommst - das hab’ ich um drei Hundertstel nicht geschafft. Ich hab’ mir dann vom Wallberg, meinem Hausberg am Tegernsee, eine gekauft, als dort die Gondeln ausgetauscht wurden. Die steht jetzt bei mir im Garten.

"Abfahrer sind keine Hallenhalmaspieler"

Wie war damals die Stimmung nach den Rennen, wenn der Druck weg ist?
Da blieb es nicht beim Tee. Wenn ein Kanadier gewonnen hat, lud er alle in den „Londoner“ ein. Von der Presse wurde nicht berichtet, und alle Rennläufer waren dort - da sind alle Dämme gebrochen, wurde ordentlich Luft ab- und die Sau rausgelassen. Da hat man sogar den großen Schweiger Ingemar Stenmark auf dem Tisch tanzen sehen. Das muss auch sein - Abfahrer sind ja keine Hallenhalmaspieler.

Sind Sie heuer beim Rennen in Kitzbühel, einen Tag nach Ihrem 60. Geburtstag?
Leider nicht. Ich liege gerade in der Klinik.

Was ist passiert?
Ich bin am Wallberg verunglückt, mit dem Gesicht unter einen Baum reingekracht, und bekomme nun zwei demolierte Halswirbel fixiert. Den Geburtstag werde ich bestimmt nicht vergessen. Und die Streif-Party findet auch ohne mich statt - aber nur diesmal.

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