Bedrohte Tennisanlage: Rettet das Tivoli!

Die wohl beliebteste Tennisanlage der Stadt, am Englischen Garten gelegen, soll einer Containerschule weichen. Widerstand formiert sich.
| Julian Galinski
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LEHELSigi Sommer war auf dem Tennisplatz durchaus gefürchtet. Er war drahtig und recht flink, vor allem aber hatte der legendäre AZ-Kolumnist eine Vorliebe für abgespielte Bälle, bis auf den Gummi herunter. Kein Vergnügen für seine Filz gewohnten Gegenspieler, denen die kahlen Kugeln um die Ohren schossen. Am liebsten spielte der 1996 verstorbene Schriftsteller und Journalist auf den Plätzen am Tivoli am südlichen englischen Garten, neben dem Chinesischen Turm.

Die öffentliche Anlage ist eine Münchner Institution: Seit mehr als 90 Jahren wird dort Tennis gespielt, von den Großen der Stadt, von Bekannten und vor allem von unzähligen Freizeitsportlern. Bayern-Kapitän Philipp Lahm etwa schlug dort schon auf, auch Tennis-Freak Roberto Blanco. Tennis am Tivoli ist geschätzt: für das unkomplizierte Miteinander der Sportler, weil es keinen Verein und somit auch keine Mitgliedsbeiträge gibt.

Aber Tennis am Tivoli wird es sehr wahrscheinlich ab Herbst dieses Jahres nicht mehr geben.

Sechs Jahre lang sollen dort Schulcontainer stehen. Das Wilhelmsgymnasium in der Thierschstraße wird renoviert, die Schüler müssen ausgelagert werden. Am Tennis-Tivoli steht künftig die Container-Schule. „Eine Katastrophe“, sagt Alexandros Chatzistamou, der bisherige Pächter der Anlage. Sein Vertrag ist schon gekündigt. „Meine Familie, meine Mitarbeiter und ich haben so viel Arbeit in die Anlage gesteckt. Mir tut es vor allem für den Nachwuchs leid: Wir haben mit 10 Kindern angefangen, jetzt trainieren 300 bei uns. Das wäre alles weg.“

Am Mittwochnachmittag soll im Schul- und Sportausschuss die Entscheidung fallen. Gegen die Tennisplätze. Was die Freunde der Anlage aber so nicht hinnehmen wollen. Sie haben eine Bürger-Interessengemeinschaft gegründet, „Rettet das Tivoli!“ Ihre Petition zum Erhalt der Anlage (www.rettet-das-tivoli.de) hat mittlerweile 2000 Unterstützer, Bürgermeisterin Christine Strobl hat sie erhalten, auch Tommy Haas und Mario Gomez haben unterschrieben. Bei den Stadtratsfraktionen hat die Interessengemeinschaft vorgesprochen. „Wir sind keinesfalls gegen die Renovierung des Wilhelmsgymnasiums“, sagt Peter Steck, einer der Organisatoren. „Wir wollen zeigen: Dass es Lösungen für den Umbau gibt, die nicht das Ende für die Tennisanlage bedeuten.“

Drei Alternativen haben die Tivoli-Retter ausgearbeitet: Freie Grundstücke, die der Stadt oder dem Freistaat Bayern gehören und über die infrastrukturelle Anbindung verfügen: an der Ifflandstraße am Isarufer, an der Ernst-Reuter-Straße nahe des Prinzregentenplatzes und am Hirschanger am Englischen Garten. „Die Standorte wurden pauschal abgelehnt“, sagt Steck.

Ist die Tennisanlage ein Wahlkampf-Opfer? „Wir sind zwischen die Mühlsteine geraten“, sagt Steck. Bildungspolitik ist ein Thema, mit dem die Parteien punkten, niemand mag sich die Blöße geben, mit einer dringend notwendigen Renovierung zu zögern, vermutet Steck. Im Gegenteil: Es kann nicht schnell genug gehen mit der Entscheidung, um zu zeigen: Wir tun was!

Die Retter warnen: Die Stadt könnte einen gefährlichen Präzedenzfall schaffen. Und sich damit in Zukunft selbst große Probleme bereiten. Als „Außenbereich“ klassifiziert, liegen die Tennisplätze in einem Landschaftsschutzgebiet, auf dem gar nicht gebaut werden dürfe. „Wenn die Stadt nun selbst auf einem Außenbereich baut, öffnet sie die Türen für andere Bauherren – und die stellen dann temporäre Party-Areale oder Wohncontainer hin – schließlich hat es die Stadt vorgemacht.“

Ein Rückbau zur Tennisanlage nach sechs Jahren ist ausgeschlossen. „Man hat uns mitgeteilt, dass es starke Eingriffe geben wird, was den Boden betrifft. Und das Grundstück ist dann schließlich erschlossen und bestens für Wohnungen geeignet“, sagt Steck – die Lage im nördlichen Lehel ist sowieso Premium. Es bleibt ein letzter Funken Hoffnumng. „Wir haben zumindest Signale von den Parteien bekommen“, sagt Steck. Aus dem Lager der Grünen ist zu hören, dass die sich um eine Verschiebung der Entscheidung bemühen möchten – um andere Standorte doch zu prüfen.

Pächter Chatzistamou bereitet sich derweil auf die letzten Monate vor. „Im Sommer müssen wir dann wohl dicht machen“, sagt er. Hunderte Kinder müssten sich neue Trainingsgruppen suchen, die Münchner Freizeitsportler würden einen ihrer Lieblingsplätze verlieren. Was wohl Sigi Sommer, der legendäre Spaziergänger und ambitionierte Tennisspieler sagen, was er schreiben würde?

 

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