Nur der Körper erinnert sich
Die kleinen Kinder sollten in jedem Fall schon weg vom Fernseher sein, denn der Dresdner "Tatort: Was ihr nicht seht", der am Sonntag im Ersten wiederholt wird, beginnt mit einem Schreckensszenario. Das Filmbett, mit dem der Fall von Gorniak (Karin Hanczewski), Winkler (Cornelia Gröschel) und Schnabel (Martin Brambach) aufmacht, ist blutgetränkt. Einen jungen Mann hat es darin offenbar erwischt.
Neben dem Toten erwacht dessen Freundin Sarah Monet (Deniz Orta) - ohne Erinnerung. Auch an der Haupttatverdächtigen, die Kommissarin Leo Winkler "von früher" gut kennt, klebt eine Menge Blut. Die Indizien weisen auf eine Beziehungstat hin. Hat Sarah ihren Freund im Drogenrausch erstochen? Winkler ist fest davon überzeugt, dass die junge Frau zu so etwas nicht fähig wäre, wird aber vom Fall abgezogen, als Chef Schnabel von der persönlichen Ebene ihrer Ermittlung erfährt. Natürlich forscht Leo Winkler im Hintergrund weiter, während sich Kollegin Karin Gorniak mit Spurensicherung, Gerichtsmedizinern und der Hauptverdächtigen in Verhören damit auseinandersetzt, wie wahrscheinlich das Offensichtliche ist. Und natürlich auch mit der Frage, welche "alternativen Tathergänge" es geben könnte.
Der Dresden-Fall aus dem Jahr 2023 (Buch: Peter Dommaschk, Ralf Leuther und Lena Stahl, die auch Regie führte) zeigt sich zu Beginn als erstaunlich ruhiger, akribischer Ermittlerkrimi, in dem man einiges über Spurensicherung (am Körper), Drogen-Screenings und polizeiliche Ermittlungs-Logik lernen kann. Es ist der vielleicht stärkste Part des "Tatorts", der sich nach einer Wendung dann doch noch zum Thriller formt, was nicht unbedingt nötig gewesen wäre.
Im Zentrum des Films sehen die Macherinnen und Macher ein gesellschaftliches Thema, das ebenso perfide wie verbreitet ist: sexualisierte Gewalt mithilfe von K.o.-Tropfen. Oft geschehen die Delikte im Umfeld der Clubkultur, aber auch in ganz anderen Lebenszusammenhängen. Die Opfer werden betäubt, missbraucht und haben in der Regel so gut wie keine Erinnerung an die Tat.
Zwangspause für MDR-Ermittler
Lena Stahl wurde für ihr Beziehungs-Drama "Mein Sohn" (2021) mit Anke Engelke gefeiert. Von der Filmemacherin, die auch an Karoline Herfurths Kinohit "Wunderschön" mitarbeitete, darf man wohl noch einiges erwarten. Mit "Was ihr nicht seht" gab die 44-Jährige ihr "Tatort"-Debüt. Über das Thema ihres Films sagte sie: "Was mich besonders getroffen hat, ist der Zusammenhang, dass die Opfer quasi nicht anwesend sind bei der Tat, die an ihnen verbrochen wird. Du kannst dich nicht wehren, du kannst danach nicht Zeugin sein, erinnerst dich vielleicht tatsächlich an nichts. Aber es gibt eine körperliche Erinnerung bei den Frauen, schwere Traumata, die bis hin zur Suizidalität führen können." Die Episodenhauptrolle der Sarah wird von der Bremer Schauspielerin Deniz Orta gespielt, die man womöglich aus der Netflix-Serie "Dogs of Berlin" oder als Theaterstar deutscher Edel-Bühnen kennt.
Dass der Krimi trotz seines intensiven, durchaus vielschichtig erzählten Themas am Ende doch nicht vollends überzeugt, liegt daran, dass man dem lange Zeit rätselhaften Psychodrama noch eine etwas unnötige Täter-Hatz aus dem Thriller-Baukasten ins letzte Drittel geschrieben hat. So kommt im Gesamtfazit ein in einigen Szenen sehr starker, mit zunehmender Dauer aber auch nachlassender und am Ende unfokussierter Fall aus dem Dresdner Revier.
Im Mai 2026 wurde bekannt, dass der MDR aus finanziellen Gründen das Dresdner "Tatort"- und das Magdeburger "Polizeiruf 110"-Team in eine mehrjährige Pause schicken wird. Der Aufschrei in den Medien und unter den Zuschauerinnen und Zuschauern war groß. Die Hauptdarsteller des Dresden-"Tatort" Martin Brambach und Cornelia Gröschel zeigten sich bestürzt und nannten den Vorgang ein "äußerst fatales politisches Signal, dass in den quotenstärksten und beliebtesten TV-Reihen im Deutschen Fernsehen der Osten Deutschlands einfach nicht mehr vorkommt. Das kann und darf nicht passieren!!! Gerade der Tatort soll ja dezidiert, ein gemeinschaftsbildendes Schaufenster der verschiedensten Regionen Deutschlands sein, und dazu gehören für uns unbedingt auch die Menschen und ihre Geschichten in Ostdeutschland."
Tatort: Was ihr nicht seht - So. 02.08. - ARD: 20.15 Uhr
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