Mein erstes Mal beim Speed-Dating: Acht lange Minuten

Jeder hat seinen Job und seine Ansprüche – ist es deshalb die letzte Chance für Singles? Ein Selbstversuch beim Speed-Dating
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Daniel von Loeper Illustration

Jeder hat seinen Job und seine Ansprüche – ist es deshalb die letzte Chance für Singles? Ein Selbstversuch beim Speed-Dating

Ich bin nervös. Leicht nervös. In einer halben Stunde habe ich den Termin im Café Sinans am Goetheplatz. Ich habe gehört, die Holzofenpizza soll dort prima schmecken, aber hier wird auch der Teig geknetet, aus dem die Träume sind: Beim Speed-Dating kann man mehrere Frauen im Schnelldurchlauf kennen lernen.

Unter www.speeddaten.de habe ich mich angemeldet, 29 Euro kostet der Spaß. Und die Zeit wird knapp, der erste Eindruck zählt! Welches Hemd ziehe ich an? Weinrot, schwarz oder doch das T-Shirt mit dem Jägermeisterhirsch? Welches Bild will ich von mir geben? Ich entscheide mich für das türkise Hemd mit den Blatt-Verschnörkelungen, bleibe in den Jeans, schlüpfe in schwarze Schuhe und stehe kurz darauf im Sinans.

Es ist voll. Ich suche. In einem Winkel im Inneren stehen bereits ein paar andere an der Bar. Der Date-Engel, ein entspannter Typ mit Baseball-Kappe, der für die Organisation vor Ort zuständig ist, instruiert mich: Die Frauen sitzen an nummerierten Tischen, die Männer wechseln jeweils nach 8-minütigem Gespräch durch.

Auf einem Zettel soll ich nach dem Gespräch ein Kreuzchen machen, je nach Gefallen „Ja" oder „Nein". Falls ich „Ja" sage und die Erwählte auf ihrem Zettel ebenfalls, bekommen wir in ein paar Tagen die Kontaktdaten des anderen zugesandt. Klingt einfach.

Kompliziert ist das Warten auf den Beginn. Man mustert sich aus dem Augenwinkel. Die anderen Männer wirken locker. Die Frauen sehen gut aus, sie haben darauf geachtet, weder bieder noch verrucht auszusehen. Für viele gilt: Make-up und Parfüm dezent, Dekolletee wenig tief.

Die Frage, wieso sie es „nötig" haben, stellt sich nicht. Man arbeitet, man hat seinen Freundeskreis, man hat seine Ansprüche. Und die anderen auch. Wann habe ich mich das letzte Mal in einem Club getraut, eine Frau anzusprechen, frage ich mich und bestelle mir, um etwas in der Hand zu haben, einen Sprizz.

Es geht los. Ich sitze zuerst an Tisch Drei, bunte Blumenblätter liegen auf allen Tischen. Mir gegenüber: eine Dunkelhaarige mit mandelförmigen Augen. Weil selbst der Sprizz mich noch nicht angejazzt hat, stolpere ich verbal drauf los: „Okay, na dann, ja, wie sollen wir anfangen, hmmm: Was machst du denn so beruflich?"

Mein Gegenüber ist von der verzeihenden Sorte. Und ebenfalls leicht nervös. Sie erzählt mir von ihrem Bank-Job, ich erzähle vom Journalisten-Dasein, dann unterhalten wir uns übers Speed-Daten an sich. „Acht Minuten können schon lang werden", meint sie. Was will sie mir damit sagen? Der Date-Engel bittet freundlich, den Tisch zu wechseln. Auch beim nächsten Gesprächs-Quickie hangele ich mich mit meiner Partnerin durch den Parcours beruflicher Eckdaten. Ich beschließe, die Taktik zu ändern.

„Was hast du denn dieses Wochenende so gemacht?" Wenig originell. Aber wir kommen auf andere Themen zu sprechen. Sie erzählt mir von einem „jumping dinner" – ebenfalls eine Möglichkeit, Leute kennen zu lernen, beim Kochen! Ich erkläre ihr, wie man perfekt eine Zwiebel schneidet. Als nächstes lande ich am Tisch mit dem Date-Engel. Weil eine Frau zuwenig da ist, gibt es eine Runde Warten. Er erzählt, dass er selbst mal beim Speed-Daten war. Eine hätte ihm damals sehr gefallen, doch er habe sie nicht angerufen. Ein Fehler, meint er.

Die nächsten Gespräche verlaufen locker, wir sind im Fluss. Wenn der Engel kommt, rettet er nicht, sondern unterbricht. Ein gutes Zeichen. Ich hätte gern mehr erfahren, von der smarten Medienplanerin, die, als sie von meinem Beruf hört, kurz meint: „Aha, dann schreibst du über das hier"; oder von der Eventmanagerin, mit der sich entspannt über männliche Stripper plaudern ließ. Ich lasse den Abend Revue passieren, mache meine Kreuzchen. Die Karten werden dem Date-Engel gereicht. Weil der Abend noch jung ist, bleiben einige hängen. Auch die Männer unterhalten sich, man lernt sich kennen.

Und so sitze ich da, draußen vor dem Sinans und denke mir, dass nicht nur die Wahl meines Hemdes wurscht war, sondern auch, dass jede Einzelne, deren Reichtum an Eigenschaften, Kenntnissen, Erinnerungen in acht Minuten nur kurz aufscheinen konnte, sicherlich der Liebe wert wäre. Das trifft auch auf uns Männer zu. Es muss halt nur passen.

Michael Stadler

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