Kabarettist Christian Springer: "Wer nach unten tritt, ist schwach. Und Kabarett ist immer stark"

Am 17. September wird im Bayerischen Rundfunk groß gefeiert: Der "schlachthof" wird 30 Jahre alt. Einer, der beinahe von Anfang an dabei war und ist, ist Christian Springer. Der 61-jährige Münchner war ab 1997 Autor der Kabarettsendung mit Ottfried Fischer und übernahm von 2013 an gemeinsam mit Michael Altinger die Moderation des Kultformats. Mit spitzer Zunge und pointierten Seitenhieben kommentiert Springer dort die weltpolitischen Geschehnisse. Ist es das, was auch nach drei Jahrzehnten das Publikum vor die Bildschirme lockt? Im Interview zum großen Jubiläum ("30 Jahre Schlachthof - Die Jubiläumsshow" am Donnerstag, 17. September, um 21 Uhr im BR und in der ARD-Mediathek) erklärt der Kabarettist den "Zauber vom 'schlachthof'", und er erinnert sich an ein entscheidendes Gespräch mit Ottfried Fischer.
teleschau: Herr Springer, wie haben Sie damals Ihren 30. Geburtstag gefeiert?
Christian Springer: Ich kann mich ehrlicherweise an viele Geburtstage nicht mehr so gut erinnern. Aber meinen 30., den habe ich noch sehr gut im Kopf. Den feierte ich groß im Familienkreis - meine Eltern, mein Bruder, alle waren da.
teleschau: Gab es denn auch gute Geschenke?
Springer: Ja, ich bekam einen ganz klassischen, englischen Ledersessel zum Lesen und für meine Mußestunden. Und den habe ich heute noch in meinem Wohnzimmer stehen. Der ist jetzt über 30 Jahre alt!
teleschau: Ist es eigentlich komisch, am 31. Dezember Geburtstag zu haben?
Springer: Wenn sich gewisse Lebensumstände nicht ändern lassen, dann gewöhnt man sich relativ schnell dran. Ich habe in meinem Leben ganz selten Geburtstag gefeiert. Denn meine Eltern hatten ein kleines Obst- und Gemüsegeschäft, in dem mein Bruder und ich arbeiten mussten - oder durften (lacht). Am 31. Dezember war dort Inventur angesagt. Morgens stand für mich jedoch immer ein Marzipanschwein da. Mit meinen Freunden feierte ich während meiner Schulzeit kaum. Und so geht mein Geburtstag meist sang- und klanglos vorüber. Ich genieße immer das Feuerwerk und denke, es sei für mich.
"Wenn sie erstarken, wird es den öffentlich-rechtlichen Rundfunk so nicht mehr geben"
teleschau: Wenn Sie jetzt eine Geburtstagskarte für den "schlachthof" schreiben müssten, welche Wünsche stünden darauf?
Springer: Mein erster Wunsch ist, dass die Arbeitsatmosphäre erhalten bleibt. Es ist so eine immens gute Zusammenarbeit - von der Producerin Christiane Preute über die Kamera- und Tonleute, dazu Gewand und Maske bis zu dem Mann am Teleprompter, der genau weiß, wann und wie lange ich Pausen mache. Ohne diese Menschen, die nie in der Sendung zu sehen sind, ginge es nicht.
teleschau: Und der zweite Wunsch?
Springer: Die Sendung soll erhalten bleiben. Das hat mit dem Erhalt des öffentlich-rechtlichen Rundfunks zu tun, mit der freien Meinungsäußerung, der Unabhängigkeit, die wir hier haben. Ich treibe mich viel in Ländern herum, in denen Medien und Rundfunk ausschließlich in privater Hand sind - es ist eine Katastrophe. Leider gibt es im Moment hierzulande Kräfte - und man kann es so deutlich sagen: die AfD -, die an diesem Stuhl sägen. Wenn sie erstarken, wird es den öffentlich-rechtlichen Rundfunk so nicht mehr geben.
"Wir haben in unserem Land keine Zensur"
teleschau: Der öffentlich-rechtliche Rundfunk stand dieses Jahr allerdings schon mehrfach in der Kritik. Etwa das Vorgehen des ZDF bei der "Anstalt" ...
Springer: Ich wünsche mir von allen Protagonisten mehr Sensibilität. Wir haben einen großen Einfluss, und dessen sollten wir uns bewusst sein. Der Zuschauer reagiert, wenn wir Mist anstellen.
teleschau: Als das ZDF den Auftritt von Danger Dan und Igor Levit aus der "Anstalt" strich, sprachen einige von "Zensur".
Springer: Wir haben in unserem Land keine Zensur. Wir haben Freiheit und Demokratie. Wie gesagt, ich kenne Länder, in denen so etwas tatsächlich stattfindet. Und es ist komplett verachtenswert, uns mit diesen Ländern zu vergleichen. Was in der "Anstalt" passierte, ist meiner Meinung nach keine Zensur, so etwas kommt vor. Der Text lag ja vor, daher wusste man, dass er mehrere Interpretationen zulässt.
teleschau: Das müssen Sie genauer erklären.
Springer: Wenn es um so wichtige Dinge wie den Kampf gegen Rassismus, gegen Ausländerfeindlichkeit und gegen Rechtsextremismus geht, ist es ein bisschen einfacher, Leute auf seine Seite zu ziehen, wenn man kein Lied aus dem Grenzbereich nimmt. Das hätte viel mehr Menschen auf die richtige Seite gezogen - und darum geht es im Moment.
Christian Springer: "Wir kommen vom Hofnarren"
teleschau: Brauchen Satire und Kabarett also Grenzen?
Springer: Wir brauchen Freiräume, aber nur im Weltraum gibt es keine Grenzen. Kurt Tucholsky wird immer mit seinem berühmten Satz "Was darf Satire? Alles", zitiert. Aber Tucholskys Satz ist absichtlich immer verkürzt worden, denn auch für Tucholsky gab es Grenzen. Etwa, wenn es um den Nationalsozialismus geht: Der ist, meinte er, mit Humor nicht mehr einzufangen oder auf die leichte Schulter zu nehmen. Und da gebe ich ihm völlig recht.
teleschau: "Gute Comedy und Satire tritt nicht nach unten, sondern nach oben". Unterschreiben Sie diesen Satz auch?
Springer: Wer nach unten tritt, ist schwach. Und Kabarett ist immer stark. Das sieht man schon an unserer Historie: Wir kommen vom Hofnarren. Auf den, der Scherze über die Obrigkeit machte, hörten die Königinnen und Könige. Deswegen muss der Staat sicherstellen, dass den Künstlern sehr viel erlaubt bleibt und dass sie auch an Grenzen gehen dürfen. Lachen ist immer gefährlich, und das soll es auch bleiben, denn es ist immer gegen die Obrigkeit. Dabei spielt es keine Rolle, ob im Kabarett oder über ein Video auf Social Media gelacht wird. Lachen heißt, Dinge nicht ernst zu nehmen. Und das erlauben autoritäre Staaten und Diktatoren nicht.
"Wem das nicht gefällt, verdammt noch mal, der muss halt einfach abschalten"
teleschau: Wie gehen Sie persönlich mit Kritik um? Berühren Sie kritische oder bösartige Kommentare im Netz?
Springer: Es darf einen nicht persönlich berühren. Aber manche Dinge gehen trotzdem ans Herz, wenn sie etwa einen wunden Punkt treffen. Welcher das ist, könnte ich gar nicht genau sagen. Vielleicht liegt es am Tagesgefühl. Aber auch wirklich böse Kritiken treffen mich eigentlich nicht mehr. Ganz selten schreibe ich zurück. Mich berührt und stört sehr viel mehr, wenn Kritiken schlecht geschrieben sind. Das schmerzt mich richtig.
teleschau: Apropos Social Media - sind Sie eher der Typ, der ewig scrollt oder legen Sie das Handy bewusst zur Seite?
Springer: Ich erwische mich immer wieder dabei, viel zu lange im Internet zu scrollen. Und dann mache ich oft genug auch noch den Fehler, die Kommentarspalten durchzulesen. Das versuche ich zu reduzieren. Natürlich soll und darf diskutiert werden. Die Empfindlichkeiten - was darf gesagt werden? - sind dabei eben unterschiedlich, doch letztendlich muss der Staat die Grenzen vorgeben - und die sind weit gesetzt bei uns. Und wem das nicht gefällt, verdammt noch mal, der muss halt einfach abschalten oder weiter scrollen. Wir müssen aber alle lernen, damit umzugehen, dass komplizierte Dinge in den sozialen Medien unglaublich verkürzt dargestellt werden, auch wenn sie viel mehr Erklärung und Raum bräuchten. Den Nahostkonflikt auf drei Sätze herunterzubrechen, ist ein Verbrechen an den Menschen. Und befeuert den weltweiten Antisemitismus.
teleschau: Und dann macht es Künstliche Intelligenz oft noch schwieriger, die Fakten herauszufinden. Bereitet Ihnen das Sorge?
Springer: Nein, weil ich sehe, wie die Kinder und Heranwachsenden in meinem Umfeld damit umgehen. Die werden damit groß, die erkennen KI. Es sind die Alten, die von KI verführt werden und damit nicht umgehen können.
Christian Springer über Ottfried Fischer: "Für mich war das eine Grundvoraussetzung"
teleschau: Nicht nur die Nachrichten ändern sich, sondern auch das Fernsehen. Ist es heute anders, den "schlachthof" zu machen als zu Beginn?
Springer: Ja, es liegen schließlich 30 Jahre Kabaretterfahrung dazwischen. Ich machte gerade meine ersten Schritte als Solokabarettist und musste auch in die Fernsehwelt hineinwachsen. Das zu lernen und gleichzeitig zum gestandenen Kabarettisten zu werden, das ist etwas Schönes. Wenn es nicht mehr nur darum geht, den Elfmeter zu verwandeln, sondern es auch noch schön zu tun. In der Sendung allgemein hat sich natürlich auch einiges verändert: anfangs war es aufgezeichnet. Das waren die Zeiten von Ottfried. Mit Michi und mir wurde es dann zur Live-Sendung. Das wurde während Corona zur großen Herausforderung. Seither zeichnen wir wieder auf, außerdem gibt es mittlerweile vorab gedrehte Sketche.
teleschau: Haben Sie mit Ottfried Fischer gesprochen, bevor Sie die Sendung gemeinsam übernahmen?
Springer: Für mich war das eine Grundvoraussetzung. Ich sagte ihm: "Ich nehme die Sendung nur, wenn du sagst: 'Ja, mach das mit dem Michi zusammen.'" Er antwortet: "Das macht ihr schon. Ich freue mich."
"Dann weiß ich: Der ist zum letzten Mal da"
teleschau: Ist es anders, für Ihr eigenes Programm oder für den "schlachthof" zu schreiben?
Springer: Eine sehr interessante Frage, die ich mir lustigerweise auch sehr oft stelle. Ja, es ist ein anderes Schreiben. Ich nehme mir für meine erzählten Satiren auf der Bühne sehr viel mehr Zeit. Im Fernsehen weiß ich: drei Minuten, 15 Sekunden, und dann kommt der Donnerschlag. Wir sind in 43 Minuten Sendung fünf Leute und drei Sketche - da muss ich mich als Gastgeber in meinem Solo begrenzen. Außerdem improvisiere ich auf der Bühne wahnsinnig gerne, was im Fernsehen natürlich nicht geht.
teleschau: Wie suchen Sie Ihre Gäste aus?
Springer: Inzwischen ist unsere Szene unfassbar groß geworden - am Anfang kannte man wirklich jeden. Wir können also nicht alle zu uns einladen. Wen wir einladen, hängt nicht mit dem Alter zusammen, sondern mit einer Leidenschaft für dieses Metier. Manche Leute haben kein langes Leben im "schlachthof". Wenn ein aufkommender Kollege in der Garderobe sitzt und nicht einmal weiß, in welcher Sendung er gleich auftritt, dann weiß ich: Der ist zum letzten Mal da. Nicht, weil ich die Sendung mache, sondern weil er diese Sendung und ihr Publikum nicht respektiert. Wenn das jemand anders sieht, muss er halt eine eigene Sendung machen.
"Das ist für mich ein Fernseherlebnis, das es echt selten gibt"
teleschau: Mit dieser Linie scheinen Sie offensichtlich Erfolg zu haben. Der "schlachthof" hält sich schon ziemlich lange - in Fernsehdimensionen ist er uralt. Wie geht das?
Springer: Ja, die Sendung ist ein Dinosaurier (lacht). Als wir anfingen, herrschte schon ein großes Vertrauensverhältnis zwischen allen Beteiligten, und dem Publikum gefiel das. Wir hatten mit Ottfried Fischer einen Star, den übrigens viele gar nicht von der Kabarettbühne kannten, sondern als Schauspieler. Und der machte nun Kabarett und holte Nachwuchskünstler wie Michi Altinger und mich in die Sendung. Gleichzeitig saßen aber auch Leute wie Verona Pooth oder der ehemalige Bundesfinanzminister Theo Waigel am Tisch. Und so zog der "schlachthof" ins Wohnzimmer der Leute ein. Wir haben immer darauf gesetzt, die Zuschauerinnen und Zuschauer, die uns lieb haben, zu behalten und nicht alle und jeden von uns zu überzeugen. Das ist der Zauber vom "schlachthof".
teleschau: Mit dem Kultstatus sind Sie nicht alleine. Vor Ihnen im Programm läuft "quer" mit Christoph Süß.
Springer: Dazu kann ich eine Anekdote erzählen. Ich hatte damals schon ein bisschen fürs Fernsehen gearbeitet, als "quer" erfunden wurde. Beim Casting für die Moderation kam ich zusammen mit Christoph Süß in die letzte Runde. Ich wurde es dann nicht - Gott sei Dank. Stattdessen kam ich zum "schlachthof". Aber der Christoph und ich sind die allerbesten Freunde. Es ist wahnsinnig schön, dass er mit seiner Kultsendung vor uns kommt. Das ist für mich ein Fernseherlebnis, das es echt selten gibt.