Im Wiesn-Riesenrad mit Teresa Reichl: "Ich muss Markus Söder nicht die Hand geben"

Podcast, Bücher, Kabarettpreis und ausverkaufter Tourauftakt in München – Teresa Reichl ist aktuell die Senkrechtstarterin der bayerischen Comedy. Trotz abgeschlossenem Studium hat sich die 30-Jährige gegen eine seriöse Karriere als Lehrerin entschieden und den Gang ins Kabarett gewagt. Ihr Mut hat sich ausgezahlt, denn mit "Grober Unfug" präsentiert sie ab dem 6. Oktober ihr drittes Bühnenprogramm. Die Abendzeitung hat die Komikerin auf dem Oktoberfest zum Interview im Riesenrad "Willenborg" getroffen.
Teresa Reichl ist kein Wiesn-Fan: "Ziemliche Touri-Veranstaltung"
In 50 Metern Höhe, mit bester Aussicht auf die Wiesn, blickt Teresa Reichl auf ihre Karriere-Anfänge zurück, berichtet vom Aufwachsen in der bayerischen Provinz und gibt kleine Einblicke in ihr Privatleben. Ihre großen Vorbilder sind Kabarett-Stars wie Luise Kinseher, Günter Grünwald und Constanze Lindner. Von Ministerpräsident Markus Söder wird die 30-Jährige wohl nie ein Fan. Was dahintersteckt, lesen Sie im Interview.
AZ: Auf der Wiesn wird bayerische Tradition gefeiert – so zumindest der Slogan. Finden Sie, dass hier wirklich noch bayerische Tradition gefeiert wird?
TERESA REICHL: Ich will jetzt nicht alle echten Münchnerinnen und Münchner verärgern, aber es ist schon eine ziemliche Touri-Veranstaltung. Und ich verstehe das auch. Privat gehe ich aber lieber auf kleinere Volksfeste.
Auf der Wiesn ist die Promi-Dichte hoch. Macht es das für Sie als Person des öffentlichen Lebens leichter, bei so einem großen Volksfest ein bisschen unterzugehen?
Ich bin eigentlich überall ziemlich egal. Es kommen vielleicht zwei, drei Mäuse auf mich zu oder manche schauen. Aber mir passiert da nichts.

Kabarett statt Lehrberuf: Die steile Comedy-Karriere von Teresa Reichl
Sie sind Kabarettistin, Autorin, Podcasterin und mit rund 100.000 Followern auch Instagram-Star. Eigentlich wollten Sie Lehrerin werden und haben das Staatsexamen abgelegt. Warum dann doch die Kunst und das Kabarett?
Wenn man mit dem Studium fertig ist, geht man ja normalerweise ins Referendariat. Und ins Referendariat kann man immer gehen. Deshalb habe ich mir gedacht: Ich probiere das jetzt aus. Vielleicht funktioniert es, vielleicht nicht. Und wenn es nicht funktioniert, habe ich in einem Jahr eben einen Job – oder in zwei, in vier oder in acht Jahren. (Lacht) Aber bisher funktioniert es ganz gut.
Wäre der Lehrerberuf dann auch ein Plan B, falls es mit der Comedy-Karriere irgendwann nicht mehr klappt?
Ich will es nicht ausschließen. Ich würde aber ungern ins Referendariat gehen, glaube ich. Dafür bin ich nicht mehr biegsam genug oder kann mein Maul nicht gut genug halten. Aber der Lehrkräftemangel ist ja akut so schlimm, dass sie mich vermutlich auch ohne zweites Staatsexamen nehmen würden.
Wie haben Sie mit Kabarett und Comedy angefangen?
Ich wurde zu meinem ersten Poetry-Slam angemeldet und habe dann mein Studium damit finanziert. Mein Klavierlehrer aus meiner Jugend, Tom Bauer, ist auch Kabarettist. Irgendwann hat er gesagt: "Du hast doch jetzt so viele Fünf-Minuten-Texte, mach doch ein Programm daraus." Für mich kam das damals aber nicht infrage. Dann war ich fast fertig mit dem Studium und habe mir gedacht: Ich glaube schon, dass man Kabarettistin und Lehrerin gleichzeitig sein kann. Aber ich glaube, man muss erst Kabarettistin sein und dann ins Referendariat gehen. Wenn ich im Referendariat bin, Premiere spiele und dann sitzt da die 8a, die ich unterrichte und die mich hasst, habe ich vielleicht ein Problem. Deshalb habe ich beschlossen: Ich mache das jetzt einfach. Das war im Januar 2020, vom Timing her also eher ungünstig. Ich habe die Premiere gespielt, dann fertig studiert und ab 2021/2022 richtig mit Kabarett angefangen.
Frauen in der Comedy unterrepräsentiert: "Ist immer noch schwierig"
In vielen Bereichen wird Social Media immer wichtiger. Wie ist das in der Comedy-Szene? Schauen Entscheider von TV-Shows darauf, wie viele Follower eine Person mitbringt?
Es gibt schon Fernsehsendungen, bei denen man merkt, dass es eine Rolle spielt. Manchmal kommen auch Absagen mit der Begründung, man habe nicht genug Follower. Oder man ist irgendwo eingeladen und merkt: Ah, deshalb bin ich hier. Es gibt aber Gott sei Dank auch noch klassische Redakteurinnen und Redakteure, die ins Programm kommen, sich das anschauen, prüfen, ob sie es gut finden, und einen dann einladen.
Frauen sind in der Comedy nach wie vor etwas unterrepräsentiert. Hat sich das in den letzten Jahren verbessert oder ist es nach wie vor schwierig?
Es ist schon immer noch schwierig. Ich bekomme auch mit, dass sich Kollegen darüber unterhalten, dass ich es wahnsinnig leicht hätte, weil ich mehrere Minderheiten gleichzeitig bin. Aber man merkt im Backstage-Bereich und bei Mixed-Shows einfach: Man ist oft noch die einzige Frau. Und man merkt an den Gesprächen unter den Kollegen, dass sie gar nicht gewohnt sind, dass ihnen vielleicht eine Frau zuhört oder auch widerspricht.
Als ich Constanze Lindner zum ersten Mal getroffen habe, war ich auch total beeindruckt. Sie ist die netteste Person auf der ganzen Welt.
Wer sind Ihre großen Vorbilder im Comedy-Bereich? Und von wem nehmen Sie sich auch etwas mit?
Ich bin natürlich unter anderem mit Luise Kinseher aufgewachsen. Ich saß jedes Jahr vor dem Fernseher, wenn Nockherberg war. Privat bin ich ein großer Fan von Eva Karl Faltermeier, Lara Ermer und Constanze Lindner. Auch Christian Springer, Michi Altinger und Günter Grünwald haben mich quasi mit aufgezogen. Und jetzt bin ich manchmal mit ihnen in denselben Sendungen und das ist richtig cool.
Gibt es da für Sie dann auch kleine Fan-Momente, in denen Sie selbst nach einem Selfie fragen?
Nein, dafür bin ich zu feige. Ich war in der letzten Staffel von "Grünwald Freitagscomedy" und stand am Set. Günter Grünwald hat gesagt: "Grüß dich, ich bin der Günter." Danach habe ich in unsere Familiengruppe geschrieben: "Günter Grünwald weiß, wer ich bin!" Meine Eltern sind komplett eskaliert, das war toll. Als ich Constanze Lindner zum ersten Mal getroffen habe, war ich auch total beeindruckt. Sie ist die netteste Person auf der ganzen Welt. Ich werde dann eher still. Ich würde, glaube ich, nie nach einem Foto fragen. Und wenn, dann würde ich sagen, es sei für meine Eltern.

In ihrer Heimat ist Teresa Reichls Vater die Berühmtheit
Sie stammen gebürtig aus Haunersdorf bei Simbach, bei Landau an der Isar. Was verbinden Sie mit Ihrer bayerischen Heimat – abgesehen vom Dialekt?
Wir haben bei uns im Dorf einen Zusammenhalt, den ich so noch nirgendwo anders gesehen habe. Das ist wirklich beeindruckend. Ich war in der Vorstandschaft der Landjugend, und wir hatten ein Gründungsfest. Da hat das ganze Dorf mitgeholfen, ohne dass wir groß fragen mussten. Der Obst- und Gartenbauverein hat das ganze Dorf neu bepflanzt. Wir hatten gesagt, dass wir am Montag ab 10 Uhr mit dem Aufräumen anfangen, weil alle viel gefeiert hatten. Als wir hinkamen, war der ganze Boden schon aus der Halle draußen. Die Feuerwehr hatte bereits alles aufgeräumt. Da haben einfach alle zusammengeholfen, damit es so schön wie möglich wird. Das ist wirklich etwas ganz Tolles.
Haben Sie in Ihrem Dorf inzwischen auch schon so etwas wie Promi-Status, weil die Leute wissen, was Sie machen?
Ich glaube, im Dorf bin ich immer noch einfach die Tochter vom Rudi oder die kleine Schwester vom Flo. Und damit geht es mir sehr gut. Wenn ich daheim bin, bin ich einfach die Tochter meiner Eltern und nicht "Teresa Reichl TM".
Sie haben einmal erzählt, dass eigentlich Ihr Vater die Berühmtheit im Dorf ist. Ist es also nach wie vor eher so, dass Sie "die Tochter von" sind – und nicht er "der Papa von"?
Es passiert wohl hin und wieder, dass er in der Öffentlichkeit von Fans von mir angesprochen wird, die wissen, wer er ist. Er tut dann so, als würde ihm das gar nicht gefallen, aber eigentlich ist er voll stolz. (Lacht)
Wie geht Ihre Familie mit Ihrer Karriere um? Immerhin haben Sie sich gegen einen klassischen Beruf entschieden.
Mein Bruder und ich haben das gleichzeitig gemacht. Mein Bruder hat verkündet: "Ich werde nicht deine Firma übernehmen, Papa, sondern ich werde Gitarrist." Und ich habe gesagt: "Ich gehe nicht ins Referendariat, ich werde Kabarettistin." Die Antwort von unserem Vater war: "Glaubt ihr, wir sind blöd und haben das nicht mitbekommen?" Natürlich gab es kurz diesen Moment: Ah, jetzt machen die Kunst. Meine Eltern kommen aus einer Handwerkerfamilie, bei uns sind alle selbstständig. Mein Bruder und ich haben dann aber gesagt: "Wir machen ja eigentlich dasselbe wie ihr. Wir machen uns auch selbstständig – mit unserem Handwerk. Es ist nur ein anderes Handwerk." Inzwischen sind sie Fans. Mein Bruder ist Gitarrist bei Tream, und meine Eltern waren schon Backstage in der Olympiahalle dabei und fanden das toll. Bei mir waren sie auch bei Fernsehaufzeichnungen dabei. Das finden sie ebenfalls ganz toll.
Teresa Reichl über Markus Söder: "Ich muss ihm nicht die Hand reichen"
Sehen Sie sich bei Auftritten ein bisschen als Botschafterin der bayerischen Sprache? Oder ist es einfach zufällig der Dialekt, mit dem Sie aufgewachsen sind?
Ich glaube, es ist eher Zufall. Ich habe schon einzelne bayerische Wörter im Programm, die ich dann auch erkläre, weil ich sie einfach lustig finde. Aber ich glaube, ich habe großes Glück, weil ich zufällig genau den Dialekt habe, den man sich vorstellt, wenn man an Bayern denkt. Ich habe also einen sehr stereotyp bayerischen Dialekt. Ansonsten sind die Leute immer wieder überrascht, dass wir nicht alle Fans von Markus Söder sind. Dann sitzen Leute bei mir im Programm und sagen: "Oh mein Gott, du hasst ihn ja!" Ja, natürlich. Glaubt ihr, dass bei uns 100 Prozent CSU wählen? Ich fühle mich also eher als Botschafterin dafür, dass bei uns nicht alle konservativ oder rechts sind.
Sie haben sich Markus Söder in den sozialen Medien schon öfter vorgeknöpft. Sind Sie sich schon einmal begegnet?
Nein.
Was würden Sie ihm sagen, wenn Sie ihn mal treffen? Sie haben 2023 immerhin den Bayerischen Kabarettpreis als Senkrechtstarterin gewonnen, Sie könnten sich also bei einer Veranstaltung über den Weg laufen.
Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Ich würde es auf jeden Fall nicht initiieren. Ich würde nicht freiwillig zu ihm hingehen und etwas sagen. Ich bin mir aber ziemlich sicher: Wenn er auf mich zukäme und sich vorstellen würde, würde ich mich wahrscheinlich auch vorstellen, weil das höflicher ist. Aber ich brauche das nicht. Ich muss ihm nicht die Hand geben.
Neues Programm "Grober Unfug" und neues Buch "Reden und Reden lassen"
Sie feiern bald mit Ihrem Programm "Grober Unfug" Premiere. Was kommt auf die Zuschauerinnen und Zuschauer zu?
Ich habe bei diesem Programm zum allerersten Mal eine Technikerin dabei. Wir haben den wildesten technischen Unfug vorbereitet, den man sich vorstellen kann. Wir können jetzt richtig mit Licht arbeiten, fast wie in Sketchen. Es gibt Toneinspieler, es wird gesungen – und lustig wird es hoffentlich auch.
Vor wenigen Tagen haben Sie Ihr neues Buch "Reden und Reden lassen" veröffentlicht. Darin geht es vor allem um den Wandel der Sprache und um den gefühlt immer größer werdenden Graben zwischen Jung und Alt. Mittlerweile ist Sprache aber zum Politikum geworden, gerade wenn man ans Gendern denkt. Warum steht das Thema Ihrer Meinung nach so im Fokus?
Beim Gendern verstehe ich wirklich nicht, was daran jetzt das riesige Problem sein soll. Keine Ahnung. Ich glaube, vor allem rechte Parteien haben sehr gut verstanden, wie man Sprache benutzen kann. Sie haben es geschafft, dass bestimmte Begriffe in den normalen Sprachgebrauch übergehen, ohne dass die Leute noch wissen, dass das eigentlich AfD-Sprech ist. Das finde ich sehr gefährlich.
Wie gehen Sie damit um?
Da muss man gegensteuern. Dann gibt es dieses Narrativ: Wir seien das Land der Dichter und Denker, und jetzt kämen die "Linkswoken" und wollten uns zum Gendern zwingen. Überall wird von Sprachverboten gesprochen, die es faktisch gar nicht gibt. Gleichzeitig schaut man nach Amerika, wo es wirklich Sprachverbote gibt. Da denke ich mir: Merkt ihr nicht, dass "Ich hätte gern, dass jemand gendert" und "Donald Trump verbietet das Wort Frau in der Wissenschaft" zwei völlig verschiedene Dinge sind? Oder wenn Dieter Hallervorden unbedingt das N-Wort im Fernsehen sagen will und vorher noch zweimal sagt, man dürfe das ja nicht sagen: Er darf es ja sagen. Er hat es gesagt. Dann muss er aber auch mit dem Echo umgehen. Das ist etwas anderes, als wenn ich ein bestimmtes Wort sage und danach die Polizei vor meiner Haustür steht und mich verhaftet. Darum geht es auch in dem Buch. Ich will aber auch ein bisschen schlichten. Ich habe mir beide Seiten angeschaut und möchte eine Mitte finden und Verständnis schaffen. Man muss nicht alles gut finden und auch Jugendsprache nicht verstehen. Aber sie ist auch nicht der Teufel. Ich hoffe, das klappt.
Was fasziniert Sie an Sprache, dass Sie sich hauptsächlich damit beschäftigen – ob in Ihren Programmen, in Ihrem Buch und auch im Podcast?
Ich habe Bücher schon immer geliebt. Ich war eine riesige Leseratte. Meine Mama hat irgendwann gesagt: "Du liest mich arm. Du musst dir einen Büchereiausweis holen, wir können uns das nicht leisten." Ich habe als Teenager jeden Tag ein Buch weggelesen. Irgendwann habe ich verstanden, dass Sprache verändern kann, wie wir denken – sei es sprachwissenschaftlich, beim Gendern oder auch in der Therapie. Sprache ist so viel mächtiger, als wir alle glauben. Sie kann so viel verändern. Und ich wäre historisch gesehen gern irgendwann auf der richtigen Seite.
Mit Partnerin Lena ist die Kabarettistin auch beruflich verbandelt
Sie machen mit Ihrer Partnerin Lena zusammen den Literatur-Podcast "Lesen ist schwul". Wie kam es zu der Entscheidung, auch beruflich etwas zusammen zu machen?
Wir haben ein Reel gemacht, in dem wir Bücher für unseren Urlaub ausgesucht haben. Wir wollten schlau packen und nur Bücher mitnehmen, die wir beide lesen wollen. Ich glaube, wirklich nur eine einzige Person hat unter das Video geschrieben: "Macht doch einen Podcast." Und wir dachten: Ja. Wir channeln jetzt einmal die Energie von mittelmäßigen weißen Männern und sagen: Wir machen das einfach. Dann haben wir über den Namen gebrainstormt. Irgendwann waren wir bei "Wer das liest, ist schwul". Daraus wurde dann "Lesen ist schwul". Erst haben wir gesagt: Das können wir nicht machen. Und dann haben wir es gemacht.
Was steckte hinter der bewussten Entscheidung, den Podcast "Lesen ist schwul" zu nennen?
Wir fanden es in erster Linie wirklich einfach lustig. Außerdem haben wir gedacht: Durch den Titel schließen sich die Leute, von denen wir sowieso nicht wollen, dass sie den Podcast hören, von selbst aus. Wer "lesen" und "schwul" liest und denkt: "Ih, schwul", der will uns ohnehin nicht zuhören. Das hat ganz gut funktioniert. Hin und wieder bekommen wir YouTube-Kommentare von Leuten, bei denen man merkt, dass sie gar nicht in den Podcast reingehört haben. Die denken, wir meinen das als Beleidigung, und werfen uns dann vor, wir würden Schwule beleidigen. Dann sagen wir immer: Leute, wir sind die Schwulen – und wir lesen. Checkt ihr das? Aber das passiert wirklich selten. Wir haben mit viel mehr Hate gerechnet.
Ist es Ihnen wichtig, solche Beleidigungen wie "schwul" zurückzuerobern?
Ja, absolut. Wir haben ja auch eine Podcast-Show, mit der wir jetzt auf Tour gehen. Da heißen die Kategorien alle entsprechend: "Schwule Cover raten", "schwule Pause", "schwuler Deep Dive", "schwules Quiz". Es ist alles gelabelt, damit die Leute wissen, auf welcher Veranstaltung sie sich befinden. In München sind tatsächlich zwei Leute in der Pause gegangen, weil sie dachten, es sei eine normale Literaturveranstaltung, und dann wohl enttäuscht waren. Das tut mir leid, aber sie hatten ja bezahlt. (Lacht)
Depression und ADHS: Teresa Reichl spricht offen über Erkrankung
Sie sprechen öffentlich über Ihre Depressionen und ADHS-Erkrankung. Wie geht es Ihnen heute damit?
Sehr gut. Ich habe offiziell keine Depression mehr. Sie wird irgendwann wiederkommen, das wissen alle. Aber offiziell habe ich gerade keine. Als ich den ADHS-Test gemacht habe, musste man auch Depressionen testen. Da hat meine Therapeutin gesagt: "Schau mal, da ist nichts mehr." Jetzt bin ich in Verhaltenstherapie, um mit dem ADHS umzugehen. Das hat mein ganzes Leben verändert – auch in meiner Familie und mit meinen Freundinnen und Freunden. Ich kann viel netter zu mir sein und besser erklären, warum mir etwas nicht egal ist, obwohl ich es vergessen habe. Das schließt sich nämlich nicht gegenseitig aus. Ich habe auch Bedarfsmedikation.
Wie wirkt sich das auf Ihre Karriere aus?
Meine Therapeutin war aber ganz begeistert – und das überrascht niemanden –, dass das Leben einer Kabarettistin ziemlich gut für Menschen mit ADHS geeignet ist. Alles, was wichtig ist und mit Fakten zu tun hat, macht die Agentur. Ich muss nur dort sein, wo mein Google-Kalender sagt, dass ich sein muss. Alles andere trägt Valentina für mich ein. Sie schreibt Rechnungen, überweist die Gagen, und ich muss nur auftauchen und Witze erzählen. Das schaffe ich.
War es für Sie eine Überwindung, öffentlich darüber zu sprechen? Oder hilft Ihnen dieser offene Umgang bei der Verarbeitung?
Ich habe das Gefühl: Alles, was zu mir gehört, kann auch auf die Bühne. Mir ist nur wichtig, erst darüber zu reden, wenn ich das Gefühl habe, dass ich damit fertig bin. Ich wollte nicht mitten in der Depression über die Depression sprechen, sondern erst, als ich wieder draußen war. Ich möchte eine gewisse Trennung zwischen Privat-Teresa und Bühnen-Teresa. Ich lüge auf der Bühne nicht – nicht wirklich. (Lacht) Aber man soll schon merken: Das ist jetzt ein Stück. Das hat sie geschrieben, das hat sie auswendig gelernt. Das ist nicht Teresa, die gerade Hilfe von uns braucht, sondern Teresa, die darüber spricht, dass sie Hilfe gebraucht hat.
Ansage an Friedrich Merz: "Ich wünsche ihm, einmal einen Burnout zu erleben"
Immer mehr Menschen leiden unter psychischen Problemen. Der Druck ist heute in vielen Bereichen immens. Gleichzeitig gibt es politische Debatten und Reformpakete mit der Unterstützung von Bundeskanzler Friedrich Merz, die den Zugang zu therapeutischer Hilfe erschweren. Wie sehen Sie das aus der Sicht einer Betroffenen?
Ich wünsche Friedrich Merz, einmal einen Burnout zu erleben – nur für einen Tag. Dass er morgens im Bett liegt und denkt: Ich kann nicht. Ich kann weder aufstehen noch Zähne putzen oder duschen, geschweige denn irgendwo hingehen, meinen Job machen oder mich vor eine Kamera stellen. Ich glaube, sobald man das einmal erlebt hat, versteht man es. Irgendwann sagt der Körper einfach Stopp. Dass psychische Probleme mehr werden, liegt ja nicht daran, dass wir in der Vergangenheit so gut damit umgegangen wären. Trauma vererbt sich. Seit der Nachkriegsgeneration hat sich da viel angestaut, und jetzt explodiert es eben. Außerdem: Schau dir die Welt an. Natürlich geht es vielen Menschen schlecht. Dann auch noch Hilfe einzudämmen – etwa mit Diskussionen über Krankschreibungen ab dem ersten Tag – da frage ich mich wirklich: Wie sehr will man ein Land an die Wand fahren? Davor habe ich Angst. Vielleicht würde es helfen, wenn manche Menschen es einmal selbst fühlen würden.
Sie sind häufig in der Comedy-Show "Falsch, aber lustig" zu sehen. Wie schwer ist es, einen gut pointierten One-Liner zu schreiben?
Es ist viel mehr Büroarbeit, als man denkt. Man schreibt die Witze alle runter. Das war auch der Moment, in dem meine Therapeutin zum ersten Mal verstanden hat, wie viel Tipparbeit mein Job ist. Ich habe gesagt: "Ich muss noch alle Witze für ,Falsch, aber lustig‘ schreiben." Sie fragte: "Wie viele sind das denn?" Ich sagte: "Ich bin in drei Folgen dabei. Das sind jeweils vier Spiele mit jeweils vier Fragen und jeweils fünf Antworten pro Frage." Da schreibt man schnell Hunderte One-Liner. Irgendwann sortieren sich die guten heraus. Hier macht es Sinn, einen Sparringspartner zu haben. Ich muss es Lena einmal vorlesen oder mit jemandem brainstormen. Man muss natürlich Leute finden, die nicht in derselben Folge sind wie man selbst. Aber es macht viel weniger Spaß, als man sich vorstellt. Kurz vorher liest man sich alles noch einmal durch und denkt: "Ah, das ist alles gar nicht lustig. Perfekt." Dann macht man den ersten Witz, die Leute lachen, und man denkt: "Oh nein, ich bin doch lustig. Es passt."
Negatives Feedback: So geht Teresa Reichl mit Kritik um
Wie bereiten Sie sich auf Auftritte vor?
Ich habe ein Word-Dokument, lerne das auswendig, und es macht gar keinen Spaß. Das ist wirklich der "Pain of my Existence": ein Programm auswendig zu lernen. Man steht 90 Minuten vor der Wand, und niemand lacht. Ich will es aber auch niemandem zeigen, bevor ich es nicht richtig auswendig kann. Wahrscheinlich wäre es schlauer, viel früher Leute reinzuholen und sich Hilfe zu holen, aber das kann ich irgendwie nicht. Dann spielt man eine Vorpremiere, warnt die Leute vor und sagt: "Der Text ist noch neu, ich kann ihn noch nicht ganz, es ist noch nicht rund, noch nicht fertig." Dann bekommt man ein grobes Gefühl dafür, ob der Spannungsbogen funktioniert, ob die Reihenfolge Sinn ergibt und was noch geändert werden muss. Ich spiele insgesamt fünf Vorpremieren.
Wer darf vorab einen Blick in Ihre neuen Programme werfen?
Eva Karl Faltermeier und Lara Ermer habe ich drüberlesen lassen. Das sind die einzigen beiden Menschen, die das lesen dürfen. Ich glaube, lesen dürfen es nur Leute, die selbst auf der Bühne stehen. Sonst versteht man nicht, wie es später gesprochen wirkt. Und nur die beiden wissen, wie ich Dinge sage. Meine Partnerin Lena ist ein bisschen beleidigt, weil sie es auch gern lesen würde. Aber sie will ich beeindrucken. Sie darf erst bei der Premiere kommen. Manchmal bekommt sie etwas mit, wenn ich neben ihr schreibe. Aber ich will, dass sie das ganze Programm erst bei der Premiere sieht und beeindruckt ist.
Wie gehen Sie damit um, wenn Sie einen Witz oder eine Passage geschrieben haben und dazu negative Rückmeldung kommt? Nehmen Sie das persönlich?
Ich nehme alles total persönlich. Meistens schaffe ich es aber, solange daran herumzutüfteln, bis es doch lustig wird. Oft ist nicht die ganze Passage unlustig, sondern der Aufbau ist nicht logisch, die Pointe falsch gesetzt oder der Weg zur Pointe zu lang, sodass die Leute nicht mitkommen. Wenn das Programm einmal steht, beginnt meine Lieblingsarbeit: jeden einzelnen Joke über die nächsten zwei Jahre oder Spielzeiten zu optimieren. Jeden Satz, jeden Nachwurf, jede Überleitung. Das liebe ich. Wenn etwas wirklich gar nicht funktioniert, mache ich es manchmal trotzdem weiter, obwohl niemand lacht – oder nur drei Leute. Dann denke ich: Der Witz ist explizit für euch. In meinem letzten Programm hatte ich zum Beispiel einen Witz über die Französische Revolution: "Damals war das Leben so schlimm, man könnte fast ein Musical darüber schreiben." Da lachen immer drei Leute im Publikum, der Rest nicht. Den habe ich drin gelassen, weil ich ihn lustig finde.
"So gemein wie Jugendliche können Erwachsene gar nicht sein"
Welche Rolle spielt Nervosität für Sie, wenn Sie mit einem neuen Programm auf die Bühne gehen?
Bei Vorpremieren und Premieren bin ich wahnsinnig nervös. Man denkt lange darüber nach, es steckt viel Aufwand drin – in diesem Fall auch viel Geld, weil die Technik sehr teuer ist. Natürlich will ich, dass es gut ankommt und den Leuten gefällt. Eigentlich muss es ja auch besser sein als das letzte Programm. Ich habe jetzt zum ersten Mal so richtig das Gefühl, dass ich einen Ruf zu verlieren habe. Ich hatte mein Debütprogramm und habe danach, glaube ich, gut nachgelegt. Jetzt muss ich beweisen, dass ich verdient habe, wo ich bin. Da bin ich sehr nervös. Aber wenn es zwei-, dreimal funktioniert hat, bin ich wieder seelenruhig.
Möchten Sie künftig noch mehr im Fernsehen machen? Comedy-Shows boomen ja gerade.
Fernsehaufzeichnungen liebe ich, ich finde das alles sehr spannend. Aber ich glaube, mein Hauptgeschäft bleibt das Live-Auftreten. Ich will die direkte Reaktion. Und ich will die Reaktion von Leuten, die wissen, dass sie gerade nicht gefilmt werden. Das macht einen Unterschied. Bei Fernsehaufzeichnungen verhält sich das Publikum anders. Beim "Schlachthof" ist das Publikum zum Beispiel sehr hell ausgeleuchtet. Bei der "Lucky Punch"-Aufzeichnung ist das Licht eher dunkel, und die Leute wissen, dass sie nicht ständig ins Gesicht gefilmt werden. Das ist eine ganz andere Hausnummer. Wenn man weiß, dass man bei einer Fernsehaufzeichnung sitzt, ist man automatisch kontrollierter.
Es gab hier in München einmal den Moment, in dem eine Frau bei einem Auftritt so laut gelacht hat, dass Sie direkt gesagt haben: "Ah, du bist das, über die wir hinter der Bühne sprechen." Kann Sie so ein Moment auch mal komplett aus dem Konzept bringen?
Nein, ich liebe das. Es muss schon viel passieren, damit mich etwas rausbringt. Ich habe Lehramt studiert, ich bin es gewohnt, dass Leute stören. Ich war mit meinen ersten beiden Büchern auch viel an Schulen und habe Schullesungen gemacht. Jugendliche sind das härteste Publikum der Welt. Bei einer Lesung saß einmal ein 15-jähriger Junge in der ersten Reihe und hat bei jedem Witz, den ich gemacht habe, künstlich laut gelacht. Danach war ich fertig. So gemein wie Jugendliche können Erwachsene gar nicht sein. Aber es sei ihnen vergönnt, ihnen geht es schlecht. Erwachsene machen mir keine Angst.
Was wünschen Sie sich für die Zukunft? Wie soll es privat und beruflich weitergehen?
Ich klinge immer wie eine Schönheitskönigin, wenn ich das sage: Ich bin so happy und so überfordert davon, was jetzt schon alles passiert ist. Wenn die Welt morgen beschließen würde, dass sie kein Interesse mehr an mir hat, wäre ich fein damit. Ich war ein so depressiver Teenager, dass ich gar nicht gedacht hätte, überhaupt 30 Jahre alt zu werden. Ich bin so glücklich und zufrieden mit allem, was ich erreicht habe, wie es mir geht und wie mein Leben ist, dass ich eigentlich gar keine Wünsche habe. Ich weiß, es ist sehr pathetisch, aber es ist so.