Hella von Sinnen: "Die Community fühlt sich von den Faschisten bedroht"
Hella von Sinnen (67) ist für ihre schrillen Outfits und schlagfertigen Sprüche bekannt. Doch die Komikerin hat auch eine ernste Seite: Seit Jahren macht sie sich für die LGBTQ-Community stark, für die sie eine wichtige Repräsentantin darstellt. Im AZ-Interview spricht Hella von Sinnen über die aktuellen Sorgen von queeren Menschen – und positioniert sich deutlich gegen den steigenden Rechtsruck.
Hella von Sinnen zur AZ: "Bin kein Mensch, der jammert"
Mit Shows wie "Alles Nichts Oder?!" und "Genial daneben" prägte Hella von Sinnen die deutsche TV-Landschaft. Inzwischen haben Streaming-Dienste und Podcasts das lineare Fernsehen allerdings überholt. Kein Grund für von Sinnen, etwas nachzutrauern: "Ich bin nicht der Typ Mensch, der zurückblickt und jammert. Ich bin Wassermann – ein Mädchen, das sich immer gern auf das Hier und Jetzt einstellt und versucht, damit klarzukommen", verrät die Wahl-Kölnerin der AZ.
Von Sinnen geht mit der Zeit und hat einen eigenen Video-Podcast gestartet. In "Gestatten, von Sinnen!" empfängt die 67-Jährige jeden zweiten Freitag einen Gast zum persönlichen Talk: "Die Menschen haben sich die Formate, die sie schauen, immer selbst verdient. Aber gerade in diesen Zeiten, auch angesichts der Bedrohung durch den Faschismus, haben die Menschen Gespräche mit liberalen Menschen verdient", sagt sie zur AZ.
Da sie immer von einer eigenen Talkshow geträumt habe, sei der Podcast für sie ein besonderes Projekt: "Die Möglichkeit, sich mit jemandem ausführlicher zu unterhalten und ein wirklich schönes Gespräch zu führen, fand ich immer sehr reizvoll. Deshalb bin ich sehr froh, dass ich jetzt diese Möglichkeit habe." Auch wenn sich dort Promis wie Mike Krüger (74) und Evelyn Burdecki (37) die Ehre geben, stellt von Sinnen klar: "Ich möchte überhaupt nicht mit großen Namen punkten. [...] Entscheidend ist für mich das Gespräch, nicht die Prominenz."
Aktuelle Humorlandschaft: Hella von Sinnen über Political Correctness
Manche ihrer Comedy-Kollegen bedauern, dass die Meinungsfreiheit in den vergangenen Jahren stark gelitten habe. Wie denkt Hella von Sinnen über die angebliche Zensur durch Political Correctness? "Ich glaube nicht, dass sich der Humor verändert hat", sagt sie zur AZ. "Die Menschen haben immer über Dinge gelacht, die lustig oder witzig waren. Verändert hat sich vor allem, dass viele heute nicht mehr so angetan sind von frauenfeindlichen, sexistischen oder auch rassistischen Witzen."
Die 67-Jährige fügt hinzu: "Ich persönlich bin auch eine Freundin des Genderns. Ich mag das Sternchen und wäre dankbar, wenn mehr Menschen das berücksichtigen würden." Die Feministin ist überzeugt davon, dass Sprache eine große Macht habe: "Da die Gleichberechtigung der Frauen nicht intensiv genug vorangetrieben werden kann, halte ich es für wichtig, diese Sichtbarkeit zumindest in der deutschen Sprache deutlich zu machen", erklärt sie in der AZ.

Gewalt gegen queere Menschen: Hella von Sinnen bezieht Stellung
Gesellschaftskritische und politische Themen würde sie auch in ihrem Podcast besprechen, weshalb Politikerinnen wie Claudia Roth (71) herzlich willkommen seien. "Auf keinen Fall möchte ich allerdings jemanden von der AfD einladen", stellt Hella von Sinnen klar. "Ich weiß, dass ich mich in einer solchen Situation nicht gut verkaufen würde. Ich habe Kolleginnen und Kollegen, die sehr klug und besonnen argumentieren können, ohne gleich aus der Hose zu springen. Dieses Talent ist mir nicht gegeben."
Der steigende Rechtsruck, der sich an den Wahlerfolgen der AfD zeigt, geht mit weiteren erschreckenden Zahlen einher: Laut Bundeskriminalamt haben die Gewaltverbrechen gegen queere Menschen in Deutschland deutlich zugenommen. In der AZ sagt Hella von Sinnen dazu: "Ich glaube, das hängt damit zusammen, dass Menschen mit ihrer Selbstverständlichkeit, Hass zu verbreiten, wieder so viele Anhänger gefunden haben. Faschisten auf den Straßen oder Männer, die ein aggressives Männerbild vertreten, fühlen sich dadurch bestätigt."

Schließlich verrät Hella von Sinnen auch, ob ihr der aktuelle Pride Month viel bedeute: "Eigentlich ist immer Pride Hour. Wenn man selbst lesbisch ist, dann begleitet einen das schließlich das ganze Jahr." Doch rechne sie vor allem diesen Monat mit vielen Demonstrationen aus den eigenen Reihen: "Die Community fühlt sich durch die Faschisten und den Backlash, der bereits spürbar ist, zunehmend bedroht", betont sie in der AZ. "Deshalb ist es wahrscheinlich im Jahr 2026 wichtiger denn je, Flagge zu zeigen."

