Hannes Jaenicke warnt Dominik Krause in München: "Wird heftigen Widerstand bekommen"

Abholzung der Regenwälder, Klimaerwärmung, Artensterben – der Zustand der Umwelt hat sich seit der Industrialisierung drastisch verschlechtert. Die Auswirkungen sind auch in Deutschland zu spüren: In den Städten hängt der Smog, bei der Ernte gibt es Einbußen und es kommt zu immer extremeren Wetterereignissen, die zu Katastrophen wie im Ahrtal 2021 führen können.
Hannes Jaenicke hofft auf grüne Wende in München
Hannes Jaenicke kämpft mit seiner Stiftung Pelorus Jack Foundation für den Erhalt der Umwelt und der darin lebenden Tiere. In wenigen Tagen startet der Schauspieler eine bundesweite Spendenkampagne für seine Organisation, um 50.000 Hektar Regenwald in Indonesien zu retten.
Was er konkret plant, wie hoch der finanzielle Bedarf ist, welche Unterstützung er sich von der Politik erhofft – und welche Erwartungen er an Münchens künftigen Oberbürgermeister Dominik Krause hat: Darüber hat er mit der AZ gesprochen.
Indonesischer Regenwald soll vor Palmöl-Industrie gerettet werden
AZ: Herr Jaenicke, Sie planen eine bundesweite Spendenkampagne. Was wird mit den Spendengeldern geplant?
HANNES JAENICKE: Das Projekt gibt es seit 20 Jahren. Bislang war es eher klein und wurde von indonesischen Indigenen, den Dayaks, gegründet. Sie versuchen, den Wald, in und von dem sie seit 40.000 Jahren leben, vor der Palmöl-, der Holz- und der Kohleindustrie zu retten. Dann kam der deutsche Verein Fans For Nature dazu. Ich habe die vor 20 Jahren kennengelernt, als ich einen Orang-Utan-Film auf Borneo gedreht habe. Es fing klein an, aber wir sind rasant gewachsen. Da leider die Abholzungsrate in Indonesien im Gegensatz zum Amazonas rasant steigt, versuchen wir die letzten Primärwälder dort zu retten. Wir brauchen etwa drei Euro pro Quadratmeter.
Was passiert mit den gepachteten Wäldern? Was ist geplant?
Der Hauptgrund, warum wir diese Wälder brauchen, ist nicht primär der Klimaschutz – auch wenn das ein wichtiger Nebeneffekt ist. In den Auffangstationen vor Ort werden ständig Orang-Utans, Gibbons, Makaken abgegeben, die in Kohlegebieten oder aus Palmölplantagen gerettet wurden. Die müssen wir in Käfigen halten, weil uns die Waldflächen fehlen, um sie auszuwildern. Das Hauptproblem sind also sogenannte Konflikttiere, für sie müssen wir dringend Wald hinzukaufen, um ihnen Lebensräume geben zu können. Es ist eine Win-win-win-Situation: Man schützt das Klima durch den Wald, rettet Arten, die akut vom Aussterben bedroht sind, und bringt die Einheimischen in Lohn und Brot. Sobald eine Palmölplantage eröffnet ist, haben drei von ihnen einen Job, der Rest landet in den Slums von Jakarta. Deshalb liegt mir dieses Projekt so am Herzen.

Hannes Jaenicke braucht eine Million Euro an Spenden
Wie viel Geld benötigen Sie, um das Projekt umsetzen zu können?
Es geht um 50.000 Hektar, die wir auf 60 Jahre pachten könnten. Wenn wir das Geld nicht zusammenbekommen, geht die Fläche an einen chinesischen Palmöl-Unternehmer. Es ist also ein Wettrennen zwischen der Palmöl-Industrie und uns. Bis Ende dieses Jahres brauchen wir ca. eine Million Euro.
Unternehmen der digitalen Außenwerbung unterstützen Ihre Aktion mit Geldspenden und Media Space im Wert von einer Million Euro. Wie wichtig ist die Sichtbarkeit für dieses Thema?
Es ist extrem wichtig, gerade in der heutigen Zeit. Seit den Regierungen von Donald Trump und Friedrich Merz ist der Umweltschutz quasi abgeschafft. Es heißt immer, die Wirtschaft müsse angekurbelt werden, danach könne man sich um Nachhaltigkeit und Umweltschutz kümmern. Das halte ich für unsäglich dumm. Wie soll denn eine Wirtschaft gesund laufen ohne eine gesunde Umwelt? Ein weiterer Punkt ist, dass das Thema Umwelt bei vielen Verbrauchern und Verbraucherinnen aktuell nicht mehr populär ist.
Können Sie das weiter ausführen?
Der Fleischkonsum steigt, die Leute fliegen, was das Zeug hält und es werden millionenfach Kreuzfahrten gebucht. Das ist kurzsichtig. Man muss sich nur die deutschen Großstädte anschauen: Warum wird es immer heißer? Weil alles zubetoniert wird. Die Griechen pflanzen in ihren Städten mittlerweile Bäume, die Pariser machen ein riesiges Aufforstungsprogramm. Deutschland macht genau das Gegenteil. Wir kippen das Verbrenner-Aus und bauen Gaskraftwerke dank Katherina Reiche [CDU, Ministerin für Wirtschaft und Energie, d.R.]. Deutschland ist in einem rasanten Rückwärtsgang unterwegs, daher ist dieses Thema unglaublich wichtig.

Hannes Jaenicke warnt Dominik Krause: "Wird heftigen Widerstand bekommen"
Böse Zungen würden behaupten, die eine Million wäre besser als direkte Spende angelegt. Was würden Sie darauf erwidern?
Das ist der reale Gegenwert der Kampagne. Faktisch kostet sie nichts, weil die Anbieter uns hier kostenlos Werbeflächen zur Verfügung stellen. Das ist eine unbezahlbare, wunderbare Unterstützung. Unsere Stiftung gibt es erst seit vier Jahren; wir sind noch relativ unbekannt und können keine teuren Kampagnen machen wie alteingesessene Umweltorganisationen. Die Pelorus Jack Foundation arbeitet direkt vor Ort und geht dahin, wo Umwelt noch rücksichtsloser zerstört wird als bei uns, wo es wirklich noch viel zu retten gibt. Deshalb wollen wir die Stiftung bekannter machen. Die Spenden nehmen dank solcher Kampagnen tatsächlich zu. Und je mehr Geld wir zur Verfügung haben, desto effektiver können wir Umweltschutz betreiben. Bei uns arbeiten alle ehrenamtlich, es gibt nicht mal ein Büro – der Stiftungssitz ist meine Wohnung.
München hat erstmals in seiner Geschichte einen grünen Oberbürgermeister. Was wünschen Sie sich mit Blick auf den Umweltschutz in München?
Erstmal finde ich das Wahlergebnis sehr erfreulich. Ich bin eben mit einem E-Scooter durch die Augustenstraße gefahren, die jetzt für den Autoverkehr dichtgemacht wird. Das finde ich großartig. Wenn es Dominik Krause wirklich schafft, das Pariser Modell nachzubauen, haben wir hier bald eine unglaublich menschenfreundliche Stadt. Im Moment ist es eine Stadt, die für Autos ausgelegt ist. Schau dir die Donnersbergerbrücke oder die Ludwigstraße an. Städte sind für die Menschen gedacht, und München hat ein echtes Verkehrsproblem. Ich hoffe, dass Dominik Krause etwas bewegen kann. Er wird seitens der Autolobby heftigen Widerstand bekommen, trotzdem bin ich optimistisch. Wenn Paris, Amsterdam, Kopenhagen es hinkriegen, warum nicht auch München?
Empfehlung von Hannes Jaenicke: "Fleischkonsum zu reduzieren, tut niemandem weh."
Bei vielen Menschen gilt noch immer: Umweltschutz ja, aber nur wenn es mich nichts kostet, und ohne Aufwand passiert. Wie kann man sich im Alltag besser anpassen, um den ökologischen Fußabdruck zu verbessern?
Das ist eine gute Frage. Ich bin auch ein bequemer Mensch. Wenn es regnet oder schneit, fahre ich lieber mit dem Auto als mit dem Fahrrad. Ich glaube, es muss jeder an den Schrauben drehen, die für ihn möglich sind. Es fängt beim Supermarktregal an: Ich kann Bio-Fair-Trade-Kaffee kaufen, oder eben nicht – für den Kaffeebauern macht es aber einen gigantischen Unterschied. Das Bioprodukt mag zwar teurer sein, aber der Boden auf der Plantage, wo der Kaffee gezogen wurde, ist weniger versaut als in einem konventionellen Betrieb. Jeden Tag treffen wir so viele Entscheidungen, die umweltrelevant sind. Ich glaube, es muss jeder das machen, was im Rahmen seiner Möglichkeiten liegt. Seinen Fleischkonsum zu reduzieren, tut niemandem weh.

Viele Unternehmen haben Nachhaltigkeit als Marketingmittel für sich entdeckt, es hält immer mehr Einzug in den Mainstream. Sehen Sie das eher positiv oder ist das eine Mogelpackung?
90 Prozent sind Greenwashing. Kreuzfahrtschiffe sind plötzlich CO2-neutral, alle Autos, die verkauft werden, sind angeblich umweltfreundlich – das ist großenteils Verbrauchertäuschung. Es gibt aber durchaus Firmen und Unternehmen, die das Thema ernst nehmen. Diese sollte man sich als Konsument gezielt raussuchen. Müllermilch zu kaufen, kann nicht nachhaltig oder tierfreundlich sein. Aber es gibt Milch- und Käseanbieter, die nachhaltig produzieren – dafür gibt es Zertifikate wie Demeter, Naturland oder Bioland.
Ich bin im Rhein-Main-Gebiet aufgewachsen und als Kind durften wir nicht mal den kleinen Finger in den Rhein stecken – das war in den 60er-Jahren eine Chemiekloake. Jetzt kann man bei Köln wieder baden gehen.
Haben Sie noch Hoffnung für die Menschheit oder hat Sie Ihre Arbeit als Umweltaktivist zu pessimistisch gemacht?
Der Umweltschutz wird eine immer größere Baustelle. Je mehr Naturflächen wir vernichten – Deutschland ist neben Österreich Europameister im Flächenfraß – desto katastrophaler wird die Situation. Wir versiegeln immer noch täglich Grünflächen in einer Größe von 70 Fußballfeldern. Ich frage mich: Wie lange machen wir das noch? Bis kein Grashalm mehr wächst? Der deutsche Wald ist in einem schlechten Zustand. Die Baustelle Umweltschutz wird immer dringlicher, aber das bedeutet bestimmt nicht, dass wir aufgeben sollten. Es gibt ja auch immer wieder Erfolgsgeschichten. Ich bin im Rhein-Main-Gebiet aufgewachsen und als Kind durften wir nicht mal den kleinen Finger in den Rhein stecken – das war in den 60er-Jahren eine Chemiekloake. Jetzt kann man bei Köln wieder baden gehen. Die Ost- und Nordsee waren schwer belastete Meere, doch sie erholen sich langsam. Der Buckelwal hat ein Comeback, er war vor 60 Jahren aufgrund des Walfangs fast ausgerottet.
Was hat bei Ihnen damals eigentlich den Ausschlag gegeben, dass Sie sich so aktiv für den Umwelt- und Artenschutz einsetzen?
1986 war ich zusammen mit Herbert Grönemeyer für einen Film in einem Kölner Ruderclub. Dann passierte Sandoz, ein Chemie-Unfall in der Schweiz, mit dem größten Fischsterben der europäischen Geschichte. Der Rhein war faktisch tot. Im selben Jahr war Tschernobyl. Ich bin mit diesen Katastrophen groß geworden, insofern haben mich diese Themen schon immer interessiert. Die Idee mit der Stiftung kam dann nach 18 Jahren Dokumentarfilm-Arbeit. Wir waren weltweit an Orten, wo Umwelt und Natur in beängstigendem Tempo vernichtet werden – von multinationalen Konzernen, oft für unseren Konsum. Wenn man Teakholz, Bangkirai oder Meranti kauft, schädigt man den Regenwald und seine Bewohner. Daher kam die Idee, dem etwas Wirkungsvolles entgegenzusetzen und die Pelorus Jack Foundation zu gründen.