ESC-Legende Nicole über abgetauchte Lena Meyer-Landrut: "Für manche ist es zu viel" 

Im April 2027 jährt sich der größte Erfolg von Sängerin Nicole, denn sie gewann 1982 mit "Ein bisschen Frieden" den Eurovision Song Contest, damals noch bekannt als Grand Prix Eurovision de la chanson. In der Abendzeitung blickt die heute 61-Jährige auf ihre turbulente Vergangenheit zurück - und spricht dabei auch über ihre Brustkrebsdiagnose, ihr neues Album und den öffentlichen Rückzug von Lena Meyer-Landrut.
von  Sven Geißelhardt
Über 40 Jahre nach ihrem großen ESC-Erfolg steht Nicole noch immer auf der Bühne.
Über 40 Jahre nach ihrem großen ESC-Erfolg steht Nicole noch immer auf der Bühne. © BrauerPhotos/G.Nitschke

Fast schon bescheiden wirkt Nicole Seibert, besser bekannt als ESC-Legende Nicole, als die Abendzeitung sie im Foyer eines Münchner Hotels trifft. Starallüren? Fehlanzeige. Statt PR-Menschen, Haar- und Make-up-Stylisten und Assistenten hat die 61-Jährige ihren Ehemann Winfried an der Seite. Dass sie nach ihrem ESC-Sieg mit "Ein bisschen Frieden" 1982 weltweit Erfolge feierte und sogar ein Mitglied der Beatles in den Charts geschlagen hat, scheint die Musikerin kaum verändert zu haben. Selbst nach über 40 Jahren im Business lebt sie noch immer für ihre Musik.

ESC-Star Nicole: "Wird im Radio nicht gerne gespielt"

Dabei musste Nicole in ihrem Leben einige harte Schicksalsschläge verkraften – wie etwa ihre Brustkrebserkrankung, die 2021 öffentlich wurde. Ihre Lieder geben der Sängerin nach wie vor viel Kraft. Mit der Abendzeitung hat die erste deutsche ESC-Gewinnerin über ihre Karriere, die besondere Beziehung zu ihren Fans und neue Musik gesprochen. Dabei blickt sie auch auf die negativen Seiten der Branche und erklärt, was das mit einem Menschen machen kann – wie etwa mit Kollegin Lena Meyer-Landrut, die seit zwei Jahren in der Öffentlichkeit komplett untergetaucht ist. Lena gewann 2010 den ESC mit "Satellite".

AZ: Nicole, es sind mittlerweile 44 Jahre vergangen, seit Sie 1982 den ESC gewonnen haben – als erste deutsche Künstlerin. Heute sind Sie immer noch auf der Bühne zu Hause und haben mit "Meine Schätze" ein besonderes Album veröffentlicht. Worauf dürfen sich Ihre Fans freuen?
NICOLE: Das Album erschien am 18. September. Darauf finden sich viele große Hits aus den vergangenen Jahrzehnten – aber in einem völlig neuen Gewand. Es ist kein klassisches Best-of-Album. Ein Best-of ist für mich etwas, das eine Plattenfirma aus alten Originalaufnahmen zusammenstellt und noch einmal auf den Markt wirft. Hier ist alles neu arrangiert, neu instrumentiert und mit meiner heutigen Stimme neu eingesungen.

Welche "Schätze" präsentieren Sie auf dem Album?
Neben den bekannten Liedern sind auch einige "Perlchen" dabei, die vielleicht nicht jeder kennt – außer den eingefleischten Fans. Deshalb heißt das Album auch "Meine Schätze". Ich habe tief gegraben und auch Titel ausgewählt, die nie als Single erschienen sind, aber auf der Bühne eine unglaubliche Wirkung haben. Ein Beispiel ist "Für die Seele" oder "Ich hab dich geliebt". In solchen Liedern geht es um Verlust, Schmerz und schwierige Lebenssituationen. Das wird im Radio nicht immer gerne gespielt, aber es gehört zum Leben dazu. Wenn ich diese Lieder live singe, spüre ich, wie sehr sie die Menschen berühren. Allein wenn ich daran denke, bekomme ich Gänsehaut.

Nicole 1982 beim ESC-Vorentscheid.
Nicole 1982 beim ESC-Vorentscheid. © imago/United Archives

Nicole spricht Klartext zu TV-Branche: "Im Fernsehen wird oft minutenlang gekocht"

Wie haben Sie sich musikalisch verändert?
Wir haben das Album bewusst akustisch gehalten. Meine Stimme klingt heute natürlich anders als vor 40 Jahren. Deshalb war es mir wichtig, die Lieder mit meiner heutigen Stimme aufzunehmen. Es waren großartige Musiker beteiligt: ein mazedonisches Streichorchester, ein Akkordeon-Weltmeister, der Wiener Kinderchor bei "Ein bisschen Frieden", außerdem John und Maite Kelly, die das Lied auf Englisch und Spanisch mitsingen. Johnny Logan übernimmt einen englischen Part, Nino de Angelo singt auf Italienisch. Auch Heinz Rudolf Kunze, Lina Bo und I Muvrini sind dabei. Es ist ein handgemachtes Album – weit weg von KI. Das war mir sehr wichtig.

Was war die größte Herausforderung daran, Lieder neu zu interpretieren, die Sie schon so lange begleiten?
Es ist ein bisschen so, als würde man vertraute Kleidung ablegen und sich neu einkleiden. Die Farben bleiben vielleicht ähnlich, weil man weiß, was zu einem passt. Aber der Schnitt verändert sich. Bei den Liedern ist es genauso. Sie bleiben in ihrem Kern erhalten, aber man kann Nuancen verändern. Vielleicht gibt es ein neues musikalisches Detail, wie eine andere Tonlage. Ich singe diese Lieder heute erwachsener. Nicht nur "Ein bisschen Frieden", sondern auch andere Songs wie "Ich hab dich doch lieb". Die Stimme ist immer noch erkennbar, aber es kommt mehr Gelassenheit, mehr Tiefe und Wärme dazu. Ein gutes Lied bleibt ein gutes Lied – damit kann man musikalisch sehr viel machen.

Als sei die Zeit stehengeblieben: ESC-Legende Nicole mit ihrer Gitarre auf der Bühne.
Als sei die Zeit stehengeblieben: ESC-Legende Nicole mit ihrer Gitarre auf der Bühne. © imago/Andreas Weihs

Sie haben betont, dass auf dem Album keine KI im Spiel war. Gleichzeitig verändert Technik die Musikbranche stark. Ihre Single "Ich will mehr" ist zum Beispiel länger, als es Streaming-Algorithmen bevorzugen. Stört Sie diese Entwicklung?
Ich habe schon beim Fernsehen ein Problem damit, wenn mir vorgeschrieben wird, wie lang ein Lied sein darf. Oft heißt es: länger als drei Minuten geht nicht. Aber manche Lieder erzählen eine Geschichte. Wenn man da etwas herausschneidet, ist es, als würde in einem Buch ein Kapitel fehlen. Bei "Ich will mehr" wurde für einen Fernsehauftritt zum Beispiel nur die erste Strophe gesungen, der Refrain wiederholt und der Instrumentalteil gestrichen. Dann ist das Lied nach zwei Minuten und zehn Sekunden vorbei. Aber manchmal braucht ein Lied Zeit, um sich zu entwickeln. Im Fernsehen wird oft minutenlang gekocht, aber bei einem Lied werden 30 Sekunden gestrichen.

Lieder über Gewalt, Alkoholismus, Einsamkeit und gesellschaftliche Kälte

Gibt es auf dem neuen Album ein Lied, auf das Sie besonders stolz sind?
Das ist, als würde man eine Mutter fragen, welches ihrer Kinder sie am liebsten hat. Das kann man nicht beantworten. Für mich muss jeder Titel es wert sein, auf einem Album stattzufinden. Wir nehmen nicht 25 Lieder auf und werfen dann zehn wieder weg. Wir produzieren sehr gezielt. Jedes Lied ist einzigartig. Und ich habe immer darauf geachtet, dass sich meine Lieder nicht alle gleich anhören. Bei manchen Künstlern klingt jedes Playback gleich. Bei mir gibt es Folk, Pop, Rock, Chanson – ich probiere gerne verschiedene Richtungen aus. Für mich ist wichtig, dass Musik ehrlich ist.

Sie sind ja nicht nur auf Schlager fokussiert, sondern wollen sich auch musikalisch ausprobieren.
Ich habe früher ein Album gemacht, "Abrakadabra", das sehr anspruchsvolle Texte hatte. Es ging um schwierige Themen, um Gewalt, Alkoholismus, Einsamkeit und gesellschaftliche Kälte. Das war kein rundfunktaugliches Schlageralbum und es hat sich schlecht verkauft. Aber es war mir wichtig. Bei Konzerten kamen Menschen zu mir und sagten unter Tränen: "Danke für dieses Lied." Dann weiß man, dass es richtig war. Musik muss nicht immer nur schön sein. Das Leben ist manchmal auch schrecklich und gemein – und darüber darf man singen. Ich wollte mich immer weiterentwickeln. Wenn ein alter Weg nicht weiterführt, muss man einen neuen einschlagen. Erfolg allein ist nicht alles. Musik muss auch innerlich erfüllen.

Sie sagen, dass Rundfunkanstalten solche ernsteren oder ungewöhnlicheren Lieder oft nicht spielen. Merken Sie trotzdem, dass diese Songs bei Ihren Fans ankommen?
Ja, absolut. Ich bekomme viele Briefe und Nachrichten von Menschen, die schreiben, dass ihnen diese Musik etwas bedeutet. Viele sagen, im Radio laufe ihnen zu viel Berieselungsmusik ohne inhaltlichen Anspruch. Ich liege da wahrscheinlich irgendwo dazwischen. Für manche Schlagersender bin ich zu poppig oder nicht seicht genug. Ich singe nicht nur über Sonne, Urlaub und gute Laune. Ich habe immer Texte mit inhaltlichem Anspruch. Ich will Musik machen, die nicht nur nebenbei läuft, sondern das Herz berührt. Dafür braucht man natürlich auch ein Publikum, das bereit ist, sich darauf einzulassen. Zum Glück gibt es dieses Publikum.

Das klingt nach einer besonderen Beziehung zu Ihren Fans. Erleben Sie auch, dass Menschen seit Jahrzehnten zu Ihren Konzerten kommen?
Ja, und das ist wunderschön. Es gibt Fans, die nicht nur einmal während einer Tour kommen, sondern mehrere Konzerte besuchen. Manchmal schaue ich in die ersten Reihen und denke: "Ach, die alte Garde ist wieder da."
Manche haben Tickets für zehn Shows. Dann frage ich mich natürlich: Warum schaut man sich das Programm so oft an? Aber jedes Konzert ist anders. Ich kommuniziere mit dem Publikum, es passieren spontane Dinge. Das macht den Abend lebendig.

Mit ihrer Jugendliebe Winfried Seibert ist Nicole bereits seit 1984 verheiratet.
Mit ihrer Jugendliebe Winfried Seibert ist Nicole bereits seit 1984 verheiratet. © BrauerPhotos/G.Nitschke

Nach Brustkrebs-Diagnose: So geht es ESC-Legende Nicole heute

Sie spielen auch Kirchenkonzerte. Was ist daran besonders?
Kirchenkonzerte sind etwas ganz Besonderes. Wir spielen dort sehr reduziert: Cajón, Akustikbass, Akustikgitarre – mehr braucht es oft nicht. Die Kirche hat ihre eigene Akustik und Atmosphäre. Je mehr man reduziert, desto mehr bekommt das Publikum von einem selbst mit. Es gibt keine große Show, nur warmes Licht, ein bisschen Atmosphäre. Manchmal lege ich sogar das Mikrofon weg und singe ganz ohne Verstärkung mitten im Publikum.
Dann hören die Menschen jeden Atemzug, jeden kleinen Ton, sie sehen meine Augen und spüren, was ich mit einem Lied fühle. Das ist für mich ganz großes Kino. Besonders bei Liedern über Verlust oder Trauer entstehen starke Momente. Wenn jemand im Publikum gerade einen geliebten Menschen verloren hat, dann sieht man, wie sehr ihn ein Lied trifft. Wenn Musik so eine Reaktion auslöst, dann hat sie ihr Ziel erreicht.

Sie mussten selbst einen schweren Schicksalsschlag verkraften. 2021 haben Sie Ihre Krebserkrankung öffentlich gemacht. Wie geht es Ihnen heute?
Mir geht es heute wieder richtig gut. Alles ist wieder im Lot. Die Zeit war nicht schön – eine Krebsdiagnose ist für niemanden schön. Bestrahlung, Chemotherapie, Nebenwirkungen: Das volle Programm ist hart. Aber wer durch tiefe Täler geht, weiß danach, wie hoch die Sonne steht. Ich habe verstanden, dass man nach einer überstandenen Krankheit eine zweite Chance bekommt. Und die muss man nutzen.

Und wie nutzen Sie Ihre zweite Chance aufs Leben?
Carpe diem – genieße jeden Tag. Tue, was dir guttut. Ich habe gelernt, öfter Nein zu sagen. Man muss nicht Everybody’s Darling sein. Wenn ich merke, dass mir etwas nicht guttut, ändere ich es. Mein Arzt sagte damals zu mir: "Diese Krankheit wird etwas mit Ihnen machen. Sie werden danach viele Dinge anders sehen und anders tun." Er hatte recht. Man erkennt plötzlich, was wirklich wichtig ist – und was nur oberflächlich ist. Ich gönne mir heute mehr. Früher haben wir vielleicht nur zum Geburtstag eine Flasche Champagner geöffnet. Heute machen wir das auch einfach so, wenn uns danach ist. Man braucht nicht immer einen besonderen Anlass, um dankbar zu sein.

Funkstille bei Lena Meyer-Landrut: Nicole kann "das gut verstehen"

Sie waren 17 Jahre alt, als Sie den ESC gewonnen haben. Was macht so eine große mediale Aufmerksamkeit mit einem jungen Menschen?
Ich hatte vor dem ESC schon einen großen Hit mit "Flieg nicht so hoch, mein kleiner Freund". Ich wurde also nicht völlig ins kalte Wasser geworfen. Aber nach dem ESC wollte natürlich ganz Europa etwas von mir. Ich wusste: Wenn ich gewinne, wird es turbulent. Und so war es auch. Ich war wochenlang unterwegs – England, Italien, Spanien, Holland, Skandinavien. Ich habe in mehreren Sprachen gesungen, deshalb war die Nachfrage groß. In England war ich sogar auf Platz eins der Charts. Paul McCartney und Stevie Wonder waren damals mit "Ebony and Ivory" auf Platz zwei. Ich habe also tatsächlich einen Beatle geschlagen. Es war eine unglaublich turbulente Zeit, aber ich möchte sie nicht missen.

Lena Meyer-Landrut, die den ESC nach Ihnen als zweite Deutsche gewonnen hat, hat sich zuletzt aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Können Sie nachvollziehen, dass man irgendwann eine Auszeit braucht?
Ja, das kann ich gut verstehen. Wenn man so etwas gewinnt, wollen alle ein Stück vom Kuchen. Man muss mental darauf vorbereitet sein. Irgendwann weiß man vielleicht nicht mehr, wo man gerade aufwacht, welcher Tag es ist und was als Nächstes kommt. Dann muss man rechtzeitig die Bremse ziehen. Für manche wird es sonst zu viel. Ich habe für mich früh eine Regel gefunden: zehn Tage im Monat für den Beruf, 20 Tage für die Familie. Das war für mich ideal. Ich wollte nie vergessen, wo ich herkomme und wer meine Freunde sind. Meine Familie hat noch immer Vorrang.

2010 wurde Lena Meyer-Landrut an der Seite ihres Entdeckers Stefan Raab über Nacht berühmt.
2010 wurde Lena Meyer-Landrut an der Seite ihres Entdeckers Stefan Raab über Nacht berühmt. © imago/Berlinfoto

Wie schaffen Sie das?
Es ist eine Frage der Organisation. Wenn ich irgendwo zwei Tage Probe hatte, habe ich den Leerlauf für Interviews genutzt, damit ich danach wieder mehr Zeit für meine Familie hatte. Wichtig ist, dass man durch das Scheinwerferlicht hindurchschauen kann. Es blendet. Im Fernsehen ist alles schön und freundlich, aber man muss geerdet bleiben. Deshalb bin ich auch nie in eine Großstadt gezogen. Ich bin in meinem kleinen Dorf geblieben. Dort komme ich runter, dort ist mein Zuhause.

Was wünschen Sie sich für Ihre Zukunft – beruflich und privat?
Ich bin voller Demut und Dankbarkeit für das, was ich in den vergangenen Jahrzehnten erleben durfte. Ich durfte viele Menschen kennenlernen, reisen, verschiedene Kulturen erleben und große Erfolge feiern. Ich habe 17-mal die ZDF-Hitparade gewonnen. Als Kind wollte ich immer einmal dorthin – und dann gewinne ich sie so oft. Auch den Eurovision Song Contest wollte ich immer einmal für Deutschland erleben, und dann habe ich ihn mit einem Jahrhundertlied gewonnen. So etwas passiert einem nicht oft. Ich habe eine tolle Familie, wunderbare Freunde, und auch die Krankheit hat mich nicht ausgeknockt. Im Gegenteil: Sie hat mich stärker gemacht. Ich lebe bewusster und bin dankbar für jeden Augenblick. Mein größter Wunsch ist, gesund zu bleiben. Gesundheit ist die Basis für alles. Wenn man krank ist, ist man ohnmächtig. Man ist dem ausgeliefert, was der Körper mit einem macht. Wenn man gesund ist, kann man sein Leben gestalten. Alles, was jetzt noch kommt, ist Zugabe. Und diese Zugabe nehme ich mit großer Dankbarkeit an.

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