Die frivolen Jubeljahre: Reporterlegende Michael Graeter wird 85

Das letzte Interview mit Michael Graeter in dieser Zeitung ist gar nicht so lange her. Denn sein exzentrisches Leben geht immer weiter: wie mit einer Kandidatur bei der Münchner Stadtratswahl im März oder seiner ausgepfiffenen Wortmeldung bei der Hauptversammlung des TSV 1860 München - denn Graeter ist Giesinger, qua Geburt. Heute wird er 85 Jahre alt.
AZ: Herr Graeter, wie schaffen Sie es, dass Ihr Leben nie stillsteht?
MICHAEL GRAETER: Ich bin tatendurstig und zum Schlafen habe ich ja später noch Zeit genug. Um mit Fassbinder zu sprechen: Schlafen kann ich, wenn ich tot bin. Bei mir, als alter Giesinger, wird es dann wohl der Ostfriedhof.
Und bis dahin haben Sie abends Einschlafschwierigkeiten aus schlechtem Gewissen?
Nein, ich schlafe eigentlich recht gut.
Als ich kürzlich auf einer Gala im Vorfeld des Filmfests München war, hat mich eine Frau angesprochen und gesagt: "Dass der Graeter überhaupt schlafen kann, wo der doch so viele Ehen zerstört hat."
Das klingt nach einer bigotten Person. Ich habe nie etwas kaputtgemacht, sondern manchen zum Abschluss den Spiegel vorgehalten. Ich bin auch kein Sittenwächter oder Richter. Und oft - wenn ich wusste, dass was nur noch Schein, aber nicht mehr Sein war - habe ich gar nicht geschrieben: für die Zusage, die neue Lovestory als erster öffentlich machen zu dürfen. Denn das war immer mein Ehrgeiz: Es als erster, exklusiv wissen, sodass die anderen bei mir abschreiben müssen oder - fairerweise: Mich zitieren.

Zwei jüngere Engagements fallen einem bei Ihnen ein: die Kandidatur zur Stadtratswahl und jüngst der Auftritt bei den 60ern.
Ich glaube, die Münchenliste hat bei der Stadtratswahl einen strategischen Fehler gemacht, mich auf Platz 12 zu setzen. Bei einem quadratmetergroßen Stimmzettel schaut niemand über die ersten paar Listenplätze hinaus. Und dennoch habe ich denen so viele Stimmen gebracht, dass sie noch drinsitzen - nur ich halt nicht. Platz vier für mich wäre für die Münchenliste sicher besser gewesen. Ich wäre jedenfalls im Stadtrat oft am Mikrofon gewesen - Beispiel Lindwurmstraße: Die baut man gegen die Autofahrer zurück für die Radler, um jetzt zu merken, dass die Busse, die die U-Bahn ersetzen sollen, nicht mehr durchkommen. Es gibt doch bei der Stadt "Baustellenkoordinatoren" oder das "Mobilitätsreferat" - die kann man sich eigentlich sofort sparen, wenn solche Sachen passieren.
Michael Graeter: Flirrendes München ist Geschichte
Aber was wäre denn Ihr Ziel für München?
Man muss gar nicht nostalgisch sein, um festzustellen: Unser "Swinging Village", dieses flirrende München gibt es nicht mehr. Das liegt daran, dass man als Münchner mittlerweile mit München fremdelt, weil es so stark fremdelt. Die Erfolgsgeschichte Münchens ist ja schnell erzählt: 1945 waren wir platt. 1963 - mit der "Meistersinger"-Premiere im wiederaufgebauten Nationaltheater - waren wir wieder da. Den OB Hans-Jochen Vogel haben wir - ich in der AZ als Lokalredakteur, die SZ und der "Münchner Merkur" - zu Olympia getrieben. So bekam München 1972 den großstädtischen Feinschliff. Und ab 1980 waren dann die Jubeljahre: die Beklemmung der Nachkriegszeit: komplett weg. Berlin versifft, Hamburg weit. Und wir haben gefeiert - und das viel lustiger, freier, frivoler als es heute möglich ist. Es gab wunderbare, schräge Nachtlokale - wie das Intermezzo, wo der Sittenrichter Bomba schwitzend nachgemessen hat, ob bei der Oben-Ohne-Frau auf der Bühne das Höschen nicht schon einen Zentimeter zu tief gerutscht war. Wenn der Barbesitzer dann Probleme bekam, hat der Anwalt Bossi zeitweise den Laden weitergeführt. Wilde Lokale gab es Dutzende - im Bahnhofsviertel, in der Maximilianstraße, der Leopoldstraße - und alle waren sieben Nächte die Woche voll. Heute gibt es keine Münchner mehr, sondern nur Neumünchner. Und die benutzen München halt nur als schöne Kulisse. Aber eine Kulisse hat keinen Charakter.

Als Klatschreporter gibt es doch beim FC Bayern mehr zu holen als bei den 60ern. Sie sind aber den Löwen treu.
Obwohl dort Dauerkrakehler den Ruf weiter ruinieren. Und der jetzige Präsident ist gerade mal seit zwei Jahren Löwe! Ich bin Löwe seit 1966 - auf Lebenszeit. Heute gilt: Geld schießt Tore! Das kann man aber mit dem Giesinger Stadion nicht verdienen. Und dann hat man sich aus der Allianz Arena für eine lächerliche Summe rauskaufen lassen. Rudolf Houdek, der Fleisch- und Wurstfabrikant, der den FC Bayern mit viel Geld groß gemacht hat, hatte - als einziger - im Olympiastadion einen Stammtisch. Und dann gab es da ein Spiel, wo der Beckenbauer - damals noch als 60er - eine Watschn bekommen hat. An dem Tag hat der Houdek beschlossen, sich statt hinter die Blauen zu stellen, zu den Roten zu gehen und hat gleich die richtigen geldigen Leute rangezogen.
Als Sie vor wenigen Wochen ans Mikrofon bei der Hauptversammlung der Sechzger gegangen sind, ernteten Sie ja Pfeifkonzerte...
... ja, mei! Ich bin halt politisch unkorrekt und kein Freund der Ultras.
Hätten Sie gedacht, dass Sie 85 Jahre alt werden - bei Ihrem schnellen Leben?
Wen die Götter lieben, den lassen sie eigentlich früh sterben: James Dean, die Marilyn... Aber ich habe nie an den Tod gedacht, nur dass mir jetzt langsam so alle Freunde und Bekannte links und rechts in die andere Richtung auf dem Weg in den Tod entgegenkommen.

Und wie feiern Sie heute?
Man sollte eigentlich nur den Namenstag feiern, da wird man nicht älter. Ich gehe heute nur mit meiner Freundin und großen Liebe essen.