CSD in München: Entertainer zieht Wiesn-Vergleich
In München wird queere Vielfalt und Akzeptanz gefeiert. Am CSD-Wochenende (26. bis 28. Juni) versammeln sich auch heuer wieder hunderttausende Menschen unter der Regenbogenflagge. Stars wie Conchita Wurst (37) und Patrick Lindner (65) werden im Rahmen des Pride-Events erwartet. Den Höhepunkt der Feierlichkeiten bildet die Parade am Samstag (27. Juni). Die AZ hat Ex-Münchner und Entertainer Riccardo Simonetti (33) zum CSD, zu queerer Sichtbarkeit und zunehmenden Anfeindungen gegen die Community befragt.
CSD in München: Riccardo Simonetti schwärmt von früheren Zeiten
Der in Bad Reichenhall geborene Influencer zog nach seinem Abitur nach München. Auch wenn er heute nicht mehr dort lebt, hat er einen besonderen Draht zur Isar-Metropole – die "Riccardo Simonetti Initiative", die Aufklärungsarbeit leistet und sich für mehr Toleranz einsetzt, hat hier ihren Sitz. In der AZ erinnert sich der Entertainer an frühere Zeiten zurück: "Mein allererster CSD war tatsächlich in München. Damals wusste ich noch gar nicht, wo die Reise bei mir hingeht, und das war auch gar nicht so wichtig. Ich wurde liebevoll aufgenommen und durfte dabei sein, das hat mich total inspiriert und motiviert."

Vergleich mit der Wiesn: Entertainer über queere Community in München
Riccardo Simonetti ist sehr dankbar für seine Erfahrungen in der bayerischen Metropole. Doch wie queer ist die Stadt aus seiner Sicht? "München ist schon eher konservativ im Vergleich zu Köln oder Berlin", so der 33-Jährige. "Dennoch: Die queere Community in München schafft es auf jeden Fall, sich ihre Safe Spaces zu errichten. Das war schon immer so und wird immer so sein, hoffe ich." Hierbei verweist Simonetti auch auf die bayerische Festkultur und zieht einen Vergleich mit der Wiesn. "Selbst wenn ich an das Oktoberfest denke, habe ich so viele Bilder vor Augen von bärtigen Männern in Lederhosen, die sich küssen." Für den Entertainer zeugt das von gelungener queerer Inklusion: "Da fühlt man sich doch direkt gar nicht so fehl am Platz!"

"Wo viel passieren muss, ist in der Bürokratie"
Doch in einer Hinsicht müsse München und ganz Deutschland noch dazulernen. "Ich denke, wo viel passieren muss, ist in der Bürokratie, wo Menschen oft noch komplett von den Socken sind, wenn sie mal auf ein Familienmodell treffen, das ein bisschen abweicht vom typischen Mutter-Vater-Kind-Modell."
Vor CSD München: Entertainer über Morddrohungen und queere Anfeindung
CSDs stehen für Toleranz und Akzeptanz – ein Raum, in dem sich queere Menschen frei und sicher fühlen sollten. Doch für Riccardo Simonetti wurden Pride-Events längst auch zu einem Risiko. Im AZ-Interview gesteht der 33-Jährige: "Ich bekomme regelmäßig Morddrohungen und habe seit Jahren keinen CSD mehr ohne Personenschutz erlebt." Ein trauriger Zustand, mit dem sich Simonetti leider abfinden musste. Täglich ist der einstige Münchner mit homophoben Hasskommentaren in den sozialen Medien konfrontiert. Er meint hierzu: "Ich denke, Menschen werden immer empathieloser und gleichzeitig denkt jeder von sich, dass die eigene Meinung unglaublich wichtig ist. Social Media ist ein bisschen so was wie das gesellschaftliche Äquivalent zu einer Gedanken-Toilette geworden." Heutzutage werde "jeder Schwachsinn rausgespült", kreidet der Entertainer an.

Queerfeindliche Gewalt in Deutschland: Wovor Riccardo Simonetti jetzt Angst hat
Generell nimmt queerfeindliche Gewalt in Deutschland zu, wie das Bundeskriminalamt bestätigt. LGBTQ+-Rechte geraten weltweit zunehmend unter Druck. Eine besorgniserregende Situation, findet auch Riccardo Simonetti: "Wenn man zum Beispiel einen Blick nach Italien wirft, sieht man, dass uns bestimmte Rechte auch wieder genommen werden können. Das kann hier [in Deutschland, d. R.] auch passieren. Ich habe Angst davor, dass Politiker, nur um Wähler zu gewinnen, auf queerfeindliche Narrative zurückgreifen, wie es das rechte Lager schon seit jeher versucht."
Umso wichtiger sei es, queere Sichtbarkeit zu zeigen und Flagge zu bekennen. Auf dem CSD in München wird diese Botschaft am Wochenende gelebt.

Protest oder Party? Das sagt Riccardo Simonetti zum CSD
Viele Menschen verbinden den Christopher Street Day heute vor allem mit bunten Paraden und ausgelassener Stimmung. Doch bei aller Feierlichkeit bleibt er eine politische Demonstration für Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung. Für Riccardo Simonetti schließen sich Protest und Party dabei nicht aus – im Gegenteil: Sie können einander ergänzen. "Ich glaube, beides ist wichtig. Der CSD ist und bleibt eine politische Veranstaltung. Trotzdem glaube ich, dass Queer-Joy auch viel bewirken kann. Für viele ist eine CSD-Parade der erste Kontakt mit der Community und das erste Mal die Möglichkeit, als man selbst auf die Straße zu gehen. Am Ende kann beides Menschen zusammen bringen – eine Party, die einem zeigt, wie schön das Leben in der Community sein kann, oder eine politische Rede, die auf Missstände hinweist."
Simonetti betont: "Die Mischung macht es und beides hat meiner Meinung nach seine Daseinsberechtigung. Wer weiß, was genau Menschen zum Umdenken inspiriert? Für die einen ist es die Demo, für die anderen die Party. Hauptsache, positive Impulse werden gesetzt." Am Wochenende in München dürften genau solche Impulse im Mittelpunkt stehen.

