Aufstieg, Spezlwirtschaft und Fall eines Moguls: Leo Kirch wäre heute 100 Jahre
Am Ende war das unübersichtliche Medienimperium zerlegt. Leo Kirch und seine Familie wollten 3,3 Milliarden Euro einklagen von der Deutschen Bank.
Deren Vorstandsvorsitzender Rolf-Ernst Breuer hatte 2002 in einem Interview die Kreditwürdigkeit der Kirch-Gruppe in Zweifel gezogen. Kirch warf ihm und der Bank vor, damit die Insolvenz des Konzerns verursacht zu haben. Kirch starb 84-jährig am 14. Juli 2011 in München – erst anderthalb Jahre später einigten sich die Erben und die Deutsche Bank auf eine Vergleichszahlung von insgesamt knapp einer Milliarde Euro.
In der offiziellen Vergleichsvereinbarung wurde festgeschrieben, dass die Deutsche Bank eine zweistellige Millionen-Kostenpauschale per Scheck direkt an die Anwälte der Kirch-Seite überweist – die Kanzlei von Peter Gauweiler.
Fellini war der Grundstein für das Imperium
Leo Kirch wurde am 21. Oktober 1926 in Unterfranken als Sohn eines Nebenerwerbsweinbauers in der Mainschleife geboren, war 1943 noch zur Flugabwehr eingezogen worden. Nach Notabitur und Mathematikstudium in Würzburg ging Kirch nach München, um Filmhändler und Filmverleiher zu werden – und begann 1956 mit den Rechten an "La Strada" vom damals noch recht unbekannten Federico Fellini. 25.000 Mark zahlte er für die Verwertungsrechte.

Neben der Spielfilm-Sammlung mit 10.000 Titeln und rund 40.000 Stunden Serien gehörten Kirch am Ende ProSieben, Sat.1, N24 und DSF. Er besaß Bundesliga- und Formel-1-Rechte, große Teile der Constantin-Film und zeitweise 40 Prozent des Springer-Verlags. So viel – auch politische – Macht machte vielen Angst.
"Wenn Leo Kirch in Schwierigkeiten gerät, dann freut sich halb Deutschland", schrieb der SPD-Politiker Peter Glotz im Juni 1998. Der "ungeliebte Tycoon" (Glotz) hatte gerade wieder eine schwere Schlappe erlitten, weil sein Bezahlsender Premiere nicht mit DF1 fusionieren durfte. Es war nicht die einzige. Zeit seines Lebens war Kirch mit dem Versuch gescheitert, mit Bezahlfernsehen Geld zu machen.
Der Konservative nutzte politische Kontakte
Kirch konnte zeitlebens seine politischen Kontakte für sein wirtschaftliches Fortkommen nutzen. Sein Einstieg bei der Formel 1 benötigte einen Milliardenkredit, aber keine Privatbank wollte das Risiko eingehen. Da sprang die halbstaatliche Bayerische Landesbank ein.

Der Aufstieg und Fall von Leo Kirch war eng mit der Politik verwoben. Es ging darum, gesetzliche Schranken zu verhindern, attraktive Lizenzen zu bekommen – und das nötige Kleingeld dazu.
Auch der öffentlich-rechtliche Bayerische Rundfunk kaufte bei Kirch Filme: allein 1984 für 25 Millionen Mark. Den Deal eingefädelt hatte der damalige Bundesinnenminister Fritz Zimmermann (CSU).
Kirchs Geschäftsmodell: In den USA einzelne Filmrechte erwerben und sie als "Paket" an TV-Sender verkaufen: Da war dann Trash neben Spektakulärem wie "Spiel mir das Lied vom Tod" oder „Die Bibel“.

Das ZDF war jahrzehntelang völlig von ihm abhängig, da es über keine eigenen Hollywood-Kontakte verfügte. Um diese Abhängigkeit von einem einzigen Filmhändler aufzulösen, wollte der Sender auch von anderen Unternehmen Filmrechte erwerben, bis sich herausstellte, dass auch diese Firmen zu Kirch gehörten. Die ARD wiederum hatte sich seit 1983 von Kirch und seinen US-Filmen und -Serien emanzipiert, indem sie direkt mit dem Hollywoodstudio MGM verhandelte.
1985 erwarb Leo Kirch eine Beteiligung am Axel-Springer-Verlag, Ende der 80er Jahre stieg er bei dem Fernsehsender Sat.1 ein, Mitte der 90er Jahre gründete er den Bezahlfernsehanbieter DF1. Zu diesem Zeitpunkt kontrollierte Leo Kirch über seine verschiedenen Beteiligungen große Teile des deutschen und einen Teil des europäischen Medienmarktes.
Immer wieder Hilfe von Bayerns Politik und Banken
Als Kirch 1997 wieder einmal in Geldnöte geriet, griff ihm die staatseigene Bayerische Landesanstalt für Aufbaufinanzierung (LfA) mit 250 Millionen Mark unter die Arme. Die LfA war aber gesetzlich nur für Mittelstandsförderung zuständig – und dem war Leo Kirch mit seiner KirchMedia-Gruppe natürlich längst entwachsen. Der Kredit wurde storniert – aber die BayernLB sprang sofort ein.
Insgesamt liefen Kredite in Höhe von rund zwei Milliarden Euro bei der Bayerischen Landesbank auf, denn auch 1999 hatte es noch eine Hilfsaktion gegeben. Mit rund 800 Millionen damals noch Mark hatte die BayernLB Kirchs Übernahme des Bezahlsenders Premiere kreditfinanziert. Als 2002 mit dem Interview von Rolf-Ernst Breuer Kreditgeber nervös wurden und die Auflösung des Kirch-Konzerns begann, wünschte er seinen Mitarbeitern zum Abschied "Gottes Segen".

Kohl kassierte Spenden und Beratergehälter
Kirchs Nähe zu konservativen Politikern war nie ein Geheimnis. Auch mit Altkanzler Helmut Kohl pflegte Kirch engen Kontakt und war Trauzeuge bei dessen zweiter Hochzeit. Kohl würdigte seinen Freund zu dessen Tod 2011 als "wagemutigen Unternehmer", der "unerreichte Maßstäbe gesetzt" habe. "Ich habe einen wirklichen Freund verloren, der auch da war, wenn es uns mal nicht so gut ging."
Bei seiner Rede stockte Kohl zwischendurch die Stimme. Kirch hatte der CDU nach deren Spendenaffäre 1999 eine Wiederaufbauhilfe von einer Million Mark zukommen lassen. Kohl selbst hatte sich vom Kirch-Konzern nach seiner Kanzlerschaft drei Jahre lang 600.000 Mark Beratergehalt zahlen lassen.
Heute wäre Leo Kirch 100 Jahre alt geworden. Seinen 84. Geburtstag vor seinem Tod hatte Leo Kirch noch bescheiden mit Ehefrau Ruth in seinem Penthouse mit Schwimmbad in Bogenhausen gefeiert, in dem früher der Verleger Willy Droemer lebte.
Noch im März 2011, vor seinem Tod im Juli, war er beim Streit mit der Deutschen Bank vor Gericht im Rollstuhl erschienen und hatte einen fast vergnügten Eindruck gemacht. Der Diabetes hatte ihn da bereits seit Jahren große Teile seiner Sehfähigkeit gekostet.
Im Jahr 1954 hatte Kirch eine Kommilitonin geheiratet. 1957 wurde Sohn Thomas geboren. 1963 ein zweiter, nichtehelicher Sohn Michael. Den entdeckte AZ-Kolumnist Michael Graeter aufgrund der Ähnlichkeit mit dem Vater ganz hinten auf der Trauerfeier.
