Vor wem die CSU wirklich zittert

Ein Hinterbänkler und ein Hinterwäldler: Martin Zeil (FDP) und Hubert Aiwanger (Freie Wähler) sind Günther Becksteins Hauptgegner bei der Landtagswahl im Herbst. Können zwei politische Ameisen den schwächelnden Löwen CSU nach 46 Jahren absoluter Mehrheit in die Knie zwingen?
von  Abendzeitung

MÜNCHEN - Ein Hinterbänkler und ein Hinterwäldler: Martin Zeil (FDP) und Hubert Aiwanger (Freie Wähler) sind Günther Becksteins Hauptgegner bei der Landtagswahl im Herbst. Können zwei politische Ameisen den schwächelnden Löwen CSU nach 46 Jahren absoluter Mehrheit in die Knie zwingen?

Der Eine behauptet, dass er Rührei und Nudeln kochen könne und 40 Krawatten im Schrank habe, sogar in Lila und Pink. Der Andere erzählt, dass er sich am liebsten von seiner Mutter mit Apfelstrudel verwöhnen lasse und auch im Winter T-Shirt und Jacke trage. Der Eine sitzt seit zweieinhalb Jahren im Bundestag – 14 Plätze von FDP-Chef Guido Westerwelle entfernt. Der Andere sitzt seit sieben Tagen im Stadtrat von Rottenburg in Niederbayern. Der Eine heißt Martin Zeil (51). Der Andere Hubert Aiwanger (37). Martin und Hubert wer?

Ein Hinterbänkler und ein Hinterwäldler. Keiner jagt der CSU derzeit in der ganzen Republik mehr Angst und Schrecken ein, als diese beiden Nobodies. Martin Zeil ist Spitzenkandidat der FDP zur Landtagswahl. Hubert Aiwanger ist Chef der Freien Wähler und drängt ebenfalls ins Maximilianeum. Zwei politische Ameisen, die den schwächelnden Löwen CSU nach 46 Jahren absoluter Mehrheit in die Knie zwingen könnten. Nach allen aktuellen Umfragen würden FDP und Freie Wähler am 28.September den Sprung über die Fünf-Prozent-Hürde schaffen, den Landtag erobern und die CSU unter die 50 Prozent bringen. Beide würden die Regierungspartei und das bisherige Dreiparteienparlament (CSU, SPD, Grüne) kräftig aufmischen. Bayern könnte dann nur von einer Koalition regiert werden.

„SPD und Grünen sind uns wurscht“

Die enttäuschten CSU-Wähler laufen dem Banker und dem Bauern zu. Inzwischen hat die CSU Zeil und Aiwanger als Hauptgegner erkannt. „SPD und Grünen sind uns wurscht“, sagt ein Parteistratege. Oppositionschef Franz Maget stecke mit seinen Sozis an der 20-Prozent-Grenze fest. Grünen-Spitzenkandidat Sepp Daxenberger liege mit seiner Ökopartei konstant zwischen neun und zehn Prozent. Damit werden sie der CSU nicht gefährlich. Zumindest in einem sind sich die Christsozialen derzeit sicher. „Auch wenn uns mancher unserer Wähler nicht mehr mag, aber den Maget wählt er nicht. Da bleibt er lieber daheim“, heißt es in der Parteispitze. In der CSU-Landesleitung wird nun eine spezielle Wahlkampfstrategie ausgetüftelt. Die lautet: Unsere Hauptgegner sind Hubert Aiwanger und Martin Zeil. Ein Präside zur AZ: „Wir müssen unsere eigene Klientel ansprechen und erklären: ,Was bringt Euch der Aiwanger? Kann der Bayern vorwärtsbringen? Und was wollt Ihr mit dem Zeil? Warum sollte die FDP nach 14 Jahren wieder in den Landtag einziehen?’“

Eigentlich wäre die Antwort darauf ganz leicht: Um der CSU einen Denkzettel zu verpassen und sie zur Strafe nicht mehr alleine regieren zu lassen. Doch an solche Rachegelüste der Wähler will keiner in der CSU-Spitze glauben. „Die Leute möchten im Grunde gerne CSU wählen", ist man überzeugt. „Wir müssen sie nur wieder mit uns versöhnen."

Der Traum vom Mitregieren

Während die CSU auf Schmuse-Kurs gehen will, träumen Aiwanger und Zeil schon vom Regieren in einer Koalition mit der CSU. „Ich will Wirtschaftsminister werden“, sagt der FDP-Mann. Bayerns Wirtschaftspolitik fehle ein Profil. Schließlich werde die FDP ja auch wegen ihrer wirtschafts- und finanzpolitischen Kompetenz gewählt. Das hatten die Bayern offensichtlich seit 1994 völlig übersehen.

Im Freistaat war die FDP bisher eher ein Phantom – und Zeil ein Kommunalpolitiker. Ein Jahr nach dem Landtags-Aus der FDP begann für den Juristen, der die Rechtsabteilung einer Münchner Privatbank leitet, die politische Karriere. 1995 wurde er Gemeinderat im Münchner Vorort Gauting, wo er mit Ehefrau Barbara (51) und den Kindern Stefan (23), Corinna (20) und Christian (18) lebt. 2002 stieg er zum 2. Bürgermeister auf, bis er 2005 in den Bundestag gewählt wurde. Dort sitzt er im Ausschuss für Wirtschaft und Technologie. Anbiedern will er sich der CSU nicht. „Das tut doch der Aiwanger mit seinen Freien Wählern schon", giftet Zeil vornehm.

Huber Aiwanger fühlte gestern schon mal die Macht des Maximilianeums. Im März 2006 wurde der studierte Landwirt aus Rottenburg an der Laber zum Landes-Chef der Freien Wähler gewählt, obwohl er bis dahin so gut wie keine politische Erfahrung hatte. Danach überschwemmte er Bayern mit einer Plakataktion, damit alle sein Gesicht kennen lernen sollten. Gebracht hat's nix. Damals. Jetzt aber interessieren sich die Medien für ihn. Das ZDF hatte ihn gestern zu einem „Kennenlerngespräch" eingeladen. Danach ging's weiter zum Bayerischen Fernsehen. Das hatte Aiwanger vor den Landtag bestellt, um schon mal Filmaufnahmen des Freien-Wähler-Chefs mit dem Parlament im Hintergrund zu drehen.

"Großspurige und überhebliche CSU“

Aiwanger, der Junggeselle, der mit Vater und Mutter im 70-Einwohner-Fleck Rahstorf bei Landshut einen Bauernhof mit 20 Milchkühen, Zuchtsauen und Rindern betreibt, könnte Nutznießer der CSU-Schwäche sein. Der CSU hat er strotzend vor Selbstbewusstsein schon eine Koalition angeboten. Eine mit SPD oder Grünen käme für ihn eh nicht in Frage. „Wir sind die bewährte bürgerliche Kraft der Mitte", sagt er „und keine Protestpartei.“ Bei der Kommunalwahl hat er es der „großspurigen und überheblichen CSU“ schon gezeigt. Sein Bekanntheitsgrad habe inzwischen 14 Prozent erreicht. „Bei der Kommunalwahl haben wir 15 Landräte und 800 Bürgermeister in Bayern positioniert“, sagt er und fügt hinzu: „Genauso viel wie die CSU." Aiwanger selbst hat es im zweiten Anlauf erstmals in den Stadtrat geschafft.

Vorstellungen über eine künftige Regierung in Bayern hat auch er. Landwirtschaftsminister will er werden. Den Schulminister und den Innenminister reklamiert er gleich noch dazu. „Der Innenminister hat viel mit den Kommunen zu tun. Und wir haben bei den Freien Wählern als Mitglieder die meisten Polizisten, mehr als die CSU", sagt er ganz stolz.

Keine Basis für eine kunterbunte Koalition

Über eines kann die CSU aber schon erleichtert sein. Weiterregieren darf sie auf jeden Fall, wenn vielleicht auch nicht mehr allein. Für eine kunterbunte Koalition aus SPD, Grünen, Freien Wählern und der FDP sieht auch Zeil keine Basis. „Die einzige Gemeinsamkeit kann nicht sein: Wir müssen die CSU in die Opposition bringen", sagt der Liberale. „Bayern braucht eine stabile Regierung und keine Experimente!" Diesen Satz werden auch CSU-Chef Erwin Huber und Ministerpräsident Günther Beckstein den Bayern einbläuen.

Angela Böhm