Interview

Terrorismus-Experte Steinberg: "Der IS operiert weiterhin"

Terrorismus-Experte Guido Steinberg über die Hintergründe der jüngsten Anschläge in Europa - und mögliche Konsequenzen daraus.
| Natalie Kettinger
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Kerzen und Blumen im Bereich des Tatorts einer Terror-Attacke zum Gedenken an die Opfer: Bei dem Anschlag am Montagabend nahe der Hauptsynagoge in Wien sind mindestens vier Menschen getötet und mehr als ein Dutzend verletzt worden.
Kerzen und Blumen im Bereich des Tatorts einer Terror-Attacke zum Gedenken an die Opfer: Bei dem Anschlag am Montagabend nahe der Hauptsynagoge in Wien sind mindestens vier Menschen getötet und mehr als ein Dutzend verletzt worden. © Helmut Fohringer/APA/dpa

AZ-Interview mit Guido Steinberg (52): Der promovierte Islamwissenschaftler ist Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik. Er gilt als einer der führenden Nahost- und Terrorismus-Experten. Gerade ist sein neues Buch "Krieg am Golf" erschienen.

AZ: Herr Steinberg, Dresden, Paris, Nizza und jetzt Wien. Seit Ende September hat es mehrere tödliche Attacken mit islamistischem Hintergrund gegeben. Steht Europa am Beginn einer neuen Terrorwelle?
GUIDO STEINBERG: Es gibt Hinweise dafür. Dass alle diese Anschläge beinahe gleichzeitig geschahen, weist darauf hin, dass im dschihadistischen Spektrum eine große Unruhe herrscht. Doch ob es wirklich weitere Anschläge geben wird, kann im Moment niemand sagen.

Warum tritt diese Häufung gerade jetzt auf?
Es gibt zwei Erklärungsansätze: Einer davon ist der Karikaturenstreit, der im September neu entfacht wurde. Der andere ist, dass nach dem Attentat auf den Lehrer bei Paris weitere Dschihadisten zeigen wollen, dass es hier nicht um Einzeltäter geht, sondern dass eine größere Bewegung existiert. Eine Organisation im Hintergrund scheint jedoch nicht aktiv zu sein.

Islamwissenschaftler Guido Steinberg. (Archivbild)
Islamwissenschaftler Guido Steinberg. (Archivbild) © Uwe Zucchi/dpa

Welche Rolle spielen die Äußerungen des türkischen Präsidenten im Karikaturenstreit in diesem Zusammenhang?
Präsident Erdogan hat die Debatte in Europa zusätzlich verschärft. Ich glaube aber nicht, dass man ihn für diese fünf Taten verantwortlich machen kann. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass die Täter seine Äußerungen bewusst rezipiert hätten. Außerdem waren sie nicht türkischstämmig. Aber: Wir haben in Europa eine ganze Reihe moderater Islamisten, die Erdogans Positionen teilen, auch wenn sie keine Attentate verüben.

Steinberg: "Der IS ist militärisch geschlagen, aber immer noch präsent" 

Der Attentäter von Wien beruft sich auf den IS und hat dessen Führer offenbar noch kurz vor den Morden die Treue geschworen. Gilt die Terrormiliz nicht eigentlich als besiegt?
Das ist sie nicht. Der IS ist militärisch geschlagen. Aber er operiert weiterhin mit mehreren Tausend Mann in Irak, Syrien, Afghanistan und anderen Gebieten. Er ist immer noch präsent, hat aber keine Verbindung mehr zu potenziellen Attentätern in Europa. Die scheinen auf eigene Initiative zu handeln - inspiriert durch den IS.

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Kujtim Fejzulai ist in Österreich aufgewachsen. Wie kommt so jemand darauf, mit dem IS zu sympathisieren?
Das sind oft sehr zornige junge Männer, die in der Regel nicht mehr sehr viel vom Leben erwarten. Das ist vielleicht die einzige Gemeinsamkeit. Ansonsten muss man sehen: In Österreich das war ein mazedonisch-stämmiger Wiener, in Dresden mutmaßlich ein Syrer, in Paris erst ein Pakistaner, dann ein Tschetschene und in Nizza ein Tunesier, der gerade erst das Mittelmeer überquert hatte. Das spricht dafür, dass es kein gemeinsames Profil gibt - außer vielleicht der Erwartung, keine guten Zukunftsaussichten zu haben.

Das bestimmende Thema derzeit ist Corona. Hat man dem extremistischen Terrorismus deshalb in letzter Zeit zu wenig Beachtung geschenkt?
Das ist durchaus möglich. Aber es hat ja auch lange keine Anschläge mehr gegeben. Doch nun haben die Dschihadis gezeigt, dass sie weiterhin ein Thema sind.

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Steinberg: "Ich sehe das Problem nicht im Glauben"

Was können westliche Gesellschaften tun, um ihre Bevölkerung besser vor ihnen zu schützen?
Mehr! Frankreich, Deutschland und Österreich müssen mehr tun. Gerade Deutschland und Österreich haben große Probleme mit ihren Sicherheitsbehörden. Bei uns sind das etwa der Föderalismus der Sicherheitsarchitektur und die extreme Bürokratisierung, die die Behörden schwächen. Zudem gibt es ein politisches Problem: Wir sehen, dass hier eine Ideologie weiterhin stark vertreten ist und Anhänger gewinnt. Sie zu bekämpfen, ist eine ganz andere Aufgabe. Ich glaube, dass es in den nächsten Jahren darum gehen muss, sehr klar zu definieren, was es denn bedeutet, als deutscher Staatsbürger, Österreicher oder Franzose zu leben; das einzufordern und diejenigen, die da nicht mitspielen, sehr viel robuster zu behandeln, als es bisher der Fall gewesen ist.

Was genau meinen Sie?
Ich sehe das Problem nicht im Glauben. Es gibt keine Probleme hier, den muslimischen Glauben auszuleben - es sei denn, er ist politisch definiert. Dann beginnen die Schwierigkeiten. Deshalb gehören sämtliche politischen Ausprägungen des Islam - nicht nur die Dschihadisten, sondern auch die Salafisten und vielleicht sogar die Muslimbrüder - in den nächsten Monaten auf den Prüfstand und wir sollten sehr viel restriktiver definieren, was akzeptabel ist und was nicht.

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