Südafrika - vereint in der Trauer

„Unser Volk hat seinen Vater verloren“: Das zerrissene Südafrika rückt zusammen, tief getroffen vom Tod Nelson Mandelas
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Unterschiedliche Hautfarbe, gleiche Gefühle: Zwei Frauen trauern in Kapstadt um Nelson Mandela.
Unterschiedliche Hautfarbe, gleiche Gefühle: Zwei Frauen trauern in Kapstadt um Nelson Mandela.

„Unser Volk hat seinen Vater verloren“: Das zerrissene Südafrika rückt zusammen, tief getroffen vom Tod Nelson Mandelas. Am 15. Dezember wird er in seinem Heimatdorf beerdigt

JOHANNESBURG 
So einen Menschen hat es noch nicht gegeben. Um ihn trauern der Papst und englische Queen, George Bush und der iranische Präsident, der Chef der Weltbank und die Vorsitzende der Linkspartei, Muslime und Buddhisten (Wortlaut siehe hier). Nelson Mandela, der am Donnerstag im Alter von 95 Jahren nach langer Krankheit gestorben ist, hat Menschen in ihrem Kern berührt, unabhängig von Rasse, Religion, Lebenswelt. Erst recht in seinem Land: Noch mit dem Tod erwies er der Regenbogennation einen letzten großen Dienst – über alle Hautfarben hinweg, trotz der immer noch großen Brüche in Südafrika vereinten sich die Bürger jetzt in ihrer gemeinsamen Trauer.

„Auch wenn wir wussten, dass der Tag kommen würde, kann nichts unser Gefühl des tiefen und dauerhaften Verlustes verringern“, sagte Präsident Jacob Zuma in seiner TV-Ansprache zum Tod Mandelas. Der 95-Jährige war seit langem schwer krank. „Sein Lebenslicht weicht langsam“, hat seine Frau Graca schon vor einem Jahr gesagt. Und doch traf die Nachricht das Land wie eine Schockwelle. Um 20.50 Uhr ist Nelson Rolihlahla Mandela, im Land liebevoll „Tata“ (Xhosa für Vater) oder nach seinem Clannamen Madiba genannt, gestorben, in seinem Haus in Houghton, einem Vorort von Johannesburg. Seine Frau war bei ihm.

„Unsere Nation hat ihren größten Sohn, unser Volk hat seinen Vater verloren“, verkündete ein sichtlich bedrückter Zuma. Viele Südafrikaner klingeln sich gegenseitig aus dem Bett, einige eilen noch in der Nacht vor sein Haus in Houghton und auch zu seinem früheren Haus in Soweto. Sie bleiben dort die ganze Nacht, zünden Kerzen an, beten, singen, und ja, auch das, tanzen. „Wenn wir Afrikaner glücklich sind oder deprimiert oder in tiefer Trauer, singen und tanzen wir. Das erleichtert“, sagt Ernestina Matshaka, eine 70 Jahre alte Großmutter, vor dem Haus in Soweto. „Ich bin erleichtert, dass er erlöst ist von seinem Leiden. Es war unfair, zu erwarten, dass er von seinem Krankenbett wieder aufsteht und rumrennt wie ein junger Hüpfer.“ Sie mahnt die jungen Leute: „Jetzt müssen wir ihm Respekt erweisen und sein Vermächtnis weiter tragen.“

Und das machen die Südafrikaner. Die ganze Nacht, den ganzen Freitag, versammeln sie sich vor seinen Häusern oder vor öffentlichen Kondolenzbüchern. Banker, Straßenkehrer, Weiße, Schwarze, Farbige, Studenten, Rentner. Das Land rückt zusammen wie lange nicht mehr. Die letzten Monate waren geprägt von erbitterten Auseinandersetzungen, auch um die immer noch herrschenden Gräben in der Gesellschaft. Angesichts der Wahlen im Frühjahr zündelt vor allem der schwarze Linkspopulist Julius Malema mehr denn je gegen die Weißen.

Jetzt, in der Trauer, ist das erstmal vergessen. Adam Alagiah (26), ein indischstämmiger Südafrikaner, blickt auf einen Schwarzen, der ein weißes Kind auf die Schultern genommen hat und die Nationalhymne singt. „Das ist Madibas Südafrika“, sagt er. „Wenn ich das sehe, bin ich optimistisch.“ Die meisten Südafrikaner sind in Schwarz oder mit Trauerflor zur Arbeit gegangen. Hellen Zille, die (weiße) Chefin der größten Oppositionspartei Demokratische Allianz: „Wir gehören alle zur südafrikanischen Familie und deshalb gehören wir alle zu Madiba. Wir sind vereint in der Trauer.“ Präsident Zuma: „Er hat uns zusammengebracht, zusammen nehmen wir Abschied.“

Mandela wird von den Südafrikanern verehrt, wie es kein Nachfolger geschafft hat – Zuma, der als junger Heißsporn mit Mandela im Gefängnis saß und von ihm erst Lesen und Schreiben lernte, ist ein Frauenheld mit allein 16 ehelichen Kindern und diversen Korruptionsskandalen. Aber gerade deswegen ist die gemeinsame Trauer um den tief verehrten Tata echt: die Klammer eines zerrissenen Landes. Szenen, die Mandela freuen würden.

Mindestens eine Woche lang soll das offizielle Gedenken dauern – bis zur Beerdigung in seinem Heimatdorf Qunu am 15. Dezember, einen Tag vor dem nationalen Feiertag „Tag der Versöhnung“. Am kommenden Dienstag ist die zentrale Trauerfeier in Johannesburg, zu der zahlreiche Staatschefs aus aller Welt erwartet werden. So viele, so verschiedene wie wahrscheinlich noch nie.

Reaktionen aus Südafrika

 

In zahlreichen Kondolenzbüchern nehmen Südafrikaner Abschied – eine Auswahl:

Janet Kieswetter: „Wir danken Gott für dein Leben. Du hast uns gezeigt, was für ein Regenbogen dieses stürmische Land sein kann. Du hast den Unterschied gemacht.“

Andries Koekemoer: „Ich bin so traurig. Wir haben den wertvollsten Mann verloren, der jemals auf dem Boden Afrikas, vielleicht der ganzen Welt gewandelt ist. Nur wegen dir, Tata, habe ich außerhalb meiner Rasse diese indische Göttin heiraten dürfen, nur wegen dir existieren unsere drei Kinder. Wegen dir kann ich sagen: Ich bin stolz, ein Südafrikaner zu sein.“

Nesh Mongroo: „Kein anderes Wesen hat die Welt so berührt wie du.“

Lara Pietersen: „Du bist ein Stern am Himmel, der uns erinnert, dein Vermächtnis zu leben. Ich bin überwältigt von warmer Trauer.“

Kasturi Naidoo: „Du hast so viel getan. Jetzt ist es Zeit für dich, auszuruhen.“

Priya Ramsamy: „Ich weiß, dass du heute auf uns runterlächelst, weil du es sogar mit deinem Tod geschafft hast, die Menschen einander näher zu bringen.“

 

 

 

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