Sinnvoll oder sinnfrei? Corona-Maßnahmen im Fakten-Check

Zig Maßnahmen beschränken seit Monaten das Leben in Deutschland. Immer neue Regeln kommen hinzu. Aber welche helfen wirklich gegen das Coronavirus - und welche nicht?
| Sebastian Schlenker
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Von Lüften und Maske tragen bis Abstand halten: Corona-Maßnahmen gibt es viele. Doch welche helfen?
Von Lüften und Maske tragen bis Abstand halten: Corona-Maßnahmen gibt es viele. Doch welche helfen? © Hauke-Christian Dittrich/dpa

Etliche Maßnahmen sollen die Ausbreitung des Coronavirus eindämmen. Sie fußen in vielen Fällen nicht auf der Grundlage wissenschaftlicher Erkenntnisse, sondern sind aus der Situation heraus geboren, da es für die derzeitige Pandemie keine Blaupause gibt, wie Politiker immer wieder sagen. Dies lässt jedoch viel Angriffsfläche für Kritik an ihren Beschlüssen. Ein Faktencheck: Was bringt wirklich Schutz und was nicht?

Mund-Nasen-Schutz in Innenräumen sinnvoll

Was bringt ein Mund-Nasen-Schutz? Für Johannes Knobloch, Leiter des Bereichs Krankenhaushygiene am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, ist die Antwort klar: "Wir wissen, dass eine Maske Tröpfchen abhält und die Übertragung von Aerosolen vermindert. Somit sollte die Zahl der Tröpfcheninfektionen durch eine Maske deutlich reduzierbar sein, die Übertragung von Aerosolen in vielen Situationen ebenfalls."

Besonders in Innenräumen sei eine Maske deshalb anzuraten. Wer jedoch den ganzen Tag etwa zu zweit in einem kleinen Raum sitze, dem bringe auch die Maske nicht mehr viel.

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Eine übergreifende Analyse, die im Juni im Fachblatt "The Lancet" veröffentlicht wurde, war ebenfalls zu dem Schluss gekommen, dass eine Maske das Infektionsrisiko messbar verringert.

Coronavirus: Übertragung an der frischen Luft

Wie sieht es mit der Maskenpflicht an der frischen Luft aus? Wer draußen nur kurz an anderen Menschen vorbeigeht, hat nach Ansicht von Knobloch eine extrem niedrige Wahrscheinlichkeit, sich dabei anzustecken. "Dass eine Maske die Sicherheit weiter erhöht, ist dabei relativ unwahrscheinlich", so Knobloch. Doch es gilt zu beachten: Wenn bereits sehr viele Menschen infiziert sind und es dann zu sehr vielen solchen Begegnungen kommt, kann eine Maske die Wahrscheinlichkeit einer Infektion aus Sicht des Experten senken.

Alkoholverbot im Fakten-Check

Neben der Maskenpflicht gilt vielerorts ein Alkoholverbot ab einer bestimmten Uhrzeit. Ist das sinnvoll? "Angesichts des aktuellen Infektionsgeschehens halte ich das Alkoholverbot durchaus für effektiv. Wir sehen, dass viele Infektionen derzeit von jungen Menschen ausgehen. Zugleich wissen wir, dass die größte Gefahr von einer Durchmischung vieler Menschen in Innenräumen ausgeht, wo sich viele Aerosole ansammeln", so Knobloch. Das ergebe dann das dynamische Infektionsgeschehen, das wir derzeit beobachten.

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Ein Alkoholverbot kann aus Sicht des Hygiene-Experten helfen, eine Durchmischung großer Menschenmengen zu verhindern. "Alkohol hat Einfluss auf das persönliche Verhalten und das persönliche Verhalten hat Einfluss auf die Verbreitung des Virus." Dennoch gebe es dafür derzeit keine wissenschaftlichen Belege, räumt Knobloch ein.

Virologe sieht Beherbergungsverbot kritisch

Wie wirksam ist ein Beherbergungsverbot, wie es in vielen Bundesländern bis vor Kurzem galt? Auch hier greift aus Sicht des Experten Knobloch die Gefahr von zu vielen unbekannten Kontakten. "Eine Fahrt im Inland wird häufig dazu genutzt, viele Menschen zu treffen, die man noch nicht kennt", sagte Knobloch. Es komme dadurch zu einer Durchmischung, die weitere Übertragungen wahrscheinlicher mache. Auch hier gelte, wer nur zur Arbeit fahre und immer wieder dieselben Menschen treffe, sei nicht das Problem. Wer dabei viele neue Kontakte habe, schon.

Der Virologe Jonas Schmidt-Chanasit vom Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin in Hamburg sieht das Beherbergungsverbot sehr kritisch. Es sei kein geeignetes Mittel, weil die Corona-Lage viel zu dynamisch sei. Die Maßnahme sei "nicht zielgerichtet, nicht effektiv und letztendlich realitätsfremd", sagte er dem Nachrichtenportal "tagesschau.de". Innerdeutsche Reisende sind aus Sicht Schmidt-Chanasits nicht der Hauptgrund für den Anstieg der Inzidenz.

Öffentliche Veranstaltungen als Hotspots

Die Menschen sollten ihre Kontakte stark reduzieren. In vielen Ländern gelten konkrete Regeln zur maximalen Anzahl von Personen im privaten und öffentlichen Raum. Ist das sinnvoll? Der Virologe Hendrik Streeck von der Universität Bonn nannte im ZDF eine Obergrenze für Feiern als durchaus sinnvoll, da die meisten Neuinfektionen derzeit bei privaten Feiern entstünden. Der Grenzwert sei allerdings eher "willkürlich" gesetzt und basiere auf Erfahrungswerten, die man gemacht habe, so Streeck.

Schottische Forscher haben den Effekt von fünf verschiedenen Maßnahmen auf die Ansteckungsrate in 131 Ländern bis Juli ausgewertet. Demnach senkte ein Verbot öffentlicher Veranstaltungen die Rate am stärksten und ist als einzige Einzelmaßnahme statistisch signifikant: im Mittel sank sie binnen vier Wochen um knapp ein Viertel (24 Prozent). Dies war wesentlich effektiver als etwa die Schließung von Schulen (15 Prozent) oder Arbeitsstätten (13 Prozent). Noch deutlich weniger halfen Einschränkungen der Bewegungsfreiheit (7 Prozent) und die Aufforderung, daheim zu bleiben (3 Prozent), wie das Team der Universität Edinburgh im Fachblatt "The Lancet Infectious Diseases" berichtet.

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