Roland Koch: Die Reizfigur tritt ab

„Politik ist nicht mein Leben“, der hessische Ministerpräsident und CDU-Bundesvize verkündet mit 52 Jahren den Abschied von allen Ämtern. Danach will er einen Job in der Wirtschaft annehmen.
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BERLIN - „Politik ist nicht mein Leben“, der hessische Ministerpräsident und CDU-Bundesvize verkündet mit 52 Jahren den Abschied von allen Ämtern. Danach will er einen Job in der Wirtschaft annehmen.

Aufgeräumt, locker wie selten, Roland Koch genießt seinen Auftritt und – mal wieder – die Überraschung. „Politik ist nicht mein Leben“, sagt der 52-Jährige, der für viele der Prototyp des Politikers ist und kündigt seinen Rückzug von allen Ämtern an. Hessischer Ministerpräsident, Merkels CDU-Vize, hessischer Landesvorsitzender: Eine der größte politische Reizfiguren Deutschlands will all das nicht mehr sein.

„Erstmal durchatmen“ wolle er, sagt der gelernte Wirtschaftsanwalt und „zu gegebener Zeit“ einen Job in der Wirtschaft annehmen. Wohin er geht, verriet Koch nicht. „Ich werde darüber entscheiden, wenn ich aus dem Amt geschieden bin.“

Ende August will er als Ministerpräsident zurücktreten, schon im Juni nicht mehr als CDU-Chef in Hessen kandieren, und im November ist Bundeskanzlerin Angela Merkel auch einen ihrer unbequemeren Vize los: „Ich habe mir den Zeitpunkt genau überlegt“, sagt Koch: „Frau Merkel und meine Familie haben seit mehr als einem Jahr von meiner Entscheidung gewusst“, sagt Koch, der Bundeskanzlerin Angela Merkel zuletzt vor einer Woche geärgert hatte mit der Forderung, man müsse auch bei der Bildung sparen.

Auch bei seiner Abschiedsvorstellung vor der hessischen Presse konnte sich Koch eine kleine Spitze Richtung Berlin nicht verkneifen: In Hessen habe er immer eine langfristige bürgerliche Mehrheit gewollt. Das sei ihm gelungen, „jetzt ist sie stabil“. Das Erscheinungsbild der bürgerlichen Mehrheit in der Hauptstadt hatte Koch zuletzt mehr oder weniger öffentlich kritisiert.

Noch bis vor einigen Tagen war spekuliert worden, Koch strebe in Wahrheit ein Amt in Merkels Bundesregierung an, er wolle in Wahrheit den angeschlagenen Finanzminister Wolfgang Schäuble beerben. Das hat sich erledigt. Auch der Verdacht, er werde sich auf Ruhegeldansprüche zurückziehen, wies Koch gestern zurück. „Sie werden mich noch lange nicht auf der Pensionsliste des Landes Hessens wiederfinden.“

Die Kanzlerin erwischte die Nachricht am Golf, wo sie Kochs Schritt „mit großem Bedauern“ kommentierte. Koch sei „immer ein guter Freund und freundschaftlicher Ratgeber gewesen“. Auch künftig wolle sie auf seinen Rat hören.

Koch hat eingeräumt, dass er womöglich Schwierigkeiten haben wird, Politik in Zukunft von der Seitenlinie zu beobachten: „Das wird Disziplin fordern“, sagte er. Ich bin ein politisches Wesen, und: „Ich gehe mit wackligen Knien.“

Naturgemäß bedauerten die Parteifreunde und CDU-Kollegen Kochs Schritt. „Ein schwerer Verlust für die Union“, sagt Ministerpräsident Horst Seehofer, „einen großen Verfechter des Föderalismus“ vermisst Baden-Württembergs Stefan Mappus. Bedauern kam auch von Vizekanzler Guido Westerwelle. Politische Konsequenzen für Berlin allerdings sieht der Außenminister und FDP-Chef nach Kochs Schritt nicht.

Zu erwarten waren die kritischen Kommentare der Opposition. Koch habe sich „nie gescheut, Wahlkämpfe auf Kosten von Ausländern und mit Forderungen nach Schikanen von Hartz-IV-Empfängern zu machen“, sagt Jürgen Trittin von den Grünen.

Aber ein wenig Wehmut über das verlorene Feindbild kam gestern auch beim politischen Gegner durch. „Egal wie man zu Koch steht – er hatte eigenständige Positionen, er gehörte nicht zu den Ja-Sagern“, sagte Linkspartei-Chefin Gesine Lötzsch. Die CDU werde nun einen Politiker weniger haben, der Merkel Contra geben könne.

Matthias Maus

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