Nummer 1 und Nummer 2

Neue Umfrage zum Start von Kreuth: 78 Prozent der CSU-Wähler wollen Guttenberg, 18 Seehofer. Als Kamingast kommt heute Margot Käßmann, die Großmeisterin des würdevollen Rücktritts
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Horst Seehofer landet in der Beliebtheitsskala auf Platz zehn. Liebling aller ist? Natürlich mit ganz großem Abstand Karl-Theodor zu Guttenberg.
dpa Horst Seehofer landet in der Beliebtheitsskala auf Platz zehn. Liebling aller ist? Natürlich mit ganz großem Abstand Karl-Theodor zu Guttenberg.

KREUTH - Neue Umfrage zum Start von Kreuth: 78 Prozent der CSU-Wähler wollen Guttenberg, 18 Seehofer. Als Kamingast kommt heute Margot Käßmann, die Großmeisterin des würdevollen Rücktritts

Vielleicht ist es ja ein ganz ausgebuffter Schachzug, dass Landesgruppenchef Hans-Peter Friedrich heute Abend die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche, Margot Käßmann, zum Kamingespräch ins tief verschneite Kreuth geladen hat. Von ihr kann die CSU und ihr Chef Horst Seehofer nämlich vor allem eines lernen: wie man schnell zurücktritt – und dabei sein Ansehen sogar noch steigert.

Meisterlich hat das die Pastorin 2010 bewiesen – nach ihrem Fehltritt mit 1,54 Promille am Steuer. Vielleicht hat sie da ja am wärmenden Feuer ein paar pastorale Ratschläge für die Christsozialen parat. Die befinden sich nach einer Emnid-Studie mit 45 Prozent zwar wieder im Aufwind. Aber nur dank Karl-Theodor zu Guttenberg. Für Horst Seehofer dagegen schaut’s zappenduster aus.

„In keinem anderen Bundesland ist die Nummer 1 so eindeutig die Nummer 2 wie in Bayern“, erklärt Emnid-Chef Klaus-Peter Schöppner. 80 Prozent der Befragten gaben der CSU mit Guttenberg an der Spitze deutlich bessere Chancen als mit Ministerpräsident Horst Seehofer. Den sehen nur noch 18 Prozent der CSU-Wähler als Spitzenkandidat für die Landtagswahl 2013. 78 Prozent sprachen sich für Guttenberg aus. „Damit ist er eindeutig das politische Zugpferd in Bayern“, so Schöpf.

Guttenberg hat Verbündete. Sein stärkster ist Hans-Peter Friedrich, Chef der CSU-Abgeordneten in Berlin und Gastgeber von Margot Käßmann. Er und Guttenberg kommen aus Oberfranken. Gemeinsam bilden sie eine starke Achse gegen den Oberbayern Seehofer. Der steht alleine da, hat kein Bollwerk, keine Verteidigung um sich herum aufgebaut. Er ist der Einzelkämpfer geblieben, der wie ein Guerilla-Kämpfer im Untergrund attackiert und mit allen Wassern gewaschen ist.

Zu Weihnachten hat er Guttenberg wissen lassen, dass er um den CSU-Vorsitz kämpfen wird: „2011 trete ich wieder an.“ Übersetzt heißt das: „Komm her! Wenn du an die Macht willst, dann musst du gegen mich antreten.“ Ein Gedanke, der dem Bundesverteidigungsminister zuwider ist. Gegen seine Parteifreunde stößt Seehofer inzwischen bei jeder Gelegenheit verschlüsselte Drohungen aus, nicht mal an eine Revolte gegen ihn zu denken. Da gibt er Guido Westerwelle Schützenhilfe, dass die Probleme der FDP nicht in der Person ihres Chefs lägen. Oder er erklärt: Nichts habe der CSU mehr geschadet als der Sturz von Stoiber.

Die erste Runde gegen Guttenberg im vergangenen Jahr mit der Bundeswehrreform hat Seehofer verloren. Die zweite Runde will er heuer gewinnen. Seehofers Rechnung: Jetzt muss Guttenberg die Kasernen und Kreiswehrersatzämter auflösen. Das wird die Bundeswehrstandorte in Bayern hart treffen – und Guttenberg wäre der böse Bube. Seehofer hofft auf einen Aufstand der Bürgermeister. Er, der Ministerpräsident und CSU-Chef, würde dann als Sanitäter zu Hilfe eilen, ein extra Landesprogramm auflegen, und mit heilenden Millionen den Gemeinden helfen. Die hat er sich im Haushalt schon zur Seite gelegt. Guttenberg wäre geschwächt.

Und damit auch alle Bundeswehrstandorte die Kasernen-Schließungen richtig zu spüren bekommen, hat Seehofer den Parteitag der CSU weit auf den Oktober hinausgeschoben. Auf dem muss der CSU-Chef neu gewählt werden. Ob diese Taktik aufgeht?

Im Moment hat bei den Christsozialen niemand Interesse an einer Personaldiskussion und Querelen. „Kreuth wird ganz ruhig und sachlich werden“, heißt es in der Partei. Auch wenn nächste Woche Montag die CSU-Landtagsfraktion in das verschneite Hochtal am Tegernsee folgt – und eine Umfrage des Bayerischen Rundfunks mit Spannung erwartet wird.

Es ist die Ruhe vor dem großen Sturm, der am 27.März ausbrechen könnte: „Wenn die Wahl in Baden-Württemberg knapp ausgeht“, prophezeit ein Parteistratege, „dann ist auch in der CSU die Hölle los und eine Guttenberg-Mania wird ausbrechen.“

Angela Böhm

Gäste in Kreuth

In Kreuth ist für die CSU alles möglich: auch die Freundschaft mit dem Klassenfeind. Im Januar 1998 lud sie den linken Liedermacher Wolf Biermann zum Kamingespräch. Das sorgte anschließend für einen skurrilen Rechtsstreit, ob Biermann dort über den früheren DDR-Innenminister Peter-Michael Diestel den Satz sagte: „Der Mann ist solche Hundescheiße, da möchte man überhaupt nicht reintreten.“ Die CSU-Granden erinnerten sich noch an das Wort „Scheiße“, aber nicht mehr daran, wer gemeint war.

Auch der Schriftsteller Martin Walser war bei der CSU in Kreuth Gastredner und musste heftig Kritik über sich ergehen lassen, wegen seiner Zuwendung zur bürgerlichen Seite.

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