Noten in der Kritik: Was bringt der Pflege-TÜV?

Wer ein Heim für Angehörige sucht, ist auf sein Bauchgefühl angewiesen. Dabei gibt es den Pflege-TÜV. Nun wurden seine Regeln verschärft – Skepsis bleibt.
| Basil Wegener
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Pflege in Deutschland: Eine Hand einer Krankenpflegeschülerin liegt in der Seniorenresidenz Acabelle de Fleur in Karlsruhe (Baden-Württemberg) auf einer Hand einer Seniorin.
dpa Pflege in Deutschland: Eine Hand einer Krankenpflegeschülerin liegt in der Seniorenresidenz Acabelle de Fleur in Karlsruhe (Baden-Württemberg) auf einer Hand einer Seniorin.

Berlin – Erst wurden die Zeichen von Demenz bei Elisabeth S. immer deutlicher. „Dann ist sie gefallen und lag die ganze Nacht am Boden“, erzählt ihre Tochter. Die Betreuung daheim reichte für die allein lebende Seniorin nicht mehr – die Suche nach einem Pflegeplatz in Berlin begann.

Doch wie vorgehen? Zwar werden die Heime offiziell benotet – doch traute die Tochter diesen Bewertungen nicht. „Man weiß ja, wie solche Listen gemacht werden.“ Per Bauchgefühl entschied sich die Familie für ein Seniorenheim. Tatsächlich ist das als Pflege-TÜV bekannte Notensystem seit Jahren in der Kritik. Bisher weitgehend unbeachtet gelten seit Jahresbeginn strengere Regeln.

Die Bewertungen von insgesamt rund 12 000 Heimen waren bisher wenig aussagekräftig. Welches Bundesland hat zum Beispiel die besten Pflegeheime? Ein Blick in den aktuellen Ländervergleich bei den Pflegenoten müsste eigentlich die Antwort liefern – doch die Unterschiede sind marginal. Mit einer glatten 1,0 liegen Baden-Württemberg und Sachsen an der Spitze. Schlusslichter sind Bremen und Rheinland-Pfalz – mit 1,4.

Auch bei den Einzelbewertungen der Heime, auf die man bei der Suche im Internet stößt, dominieren Bestnoten. Doch jeder weiß: Es gibt bei weitem nicht nur Musterschüler. Also verhandelten Heimbetreiber und Krankenkassen jahrelang über einen besseren Pflege-TÜV.

Der jetzt in Kraft getretene Kompromiss soll auf weniger Bestnoten hinauslaufen. Angehörige sollen auch besser erkennen können, wie eine Einrichtung in Kernbereichen abschneidet wie etwa bei der Abwehr von Druckgeschwüren und Flüssigkeitsmangel.

Bei den Kassen ist man mit dem Ergebnis teilweise zufrieden. Von „wichtigen Verbesserungen“ spricht etwa die Chefin des Verbands der Ersatzkassen (vdek), Ulrike Elsner. „Unwichtige Prüffragen wurden komplett gestrichen“, erläutert sie. Entfallen ist etwa die Frage: Veranstaltet das Pflegeheim Feste? Auch würden Antworten auf wichtige Fragen besser gekennzeichnet. Und mehr Betroffene würden bei den Prüfungen in die Stichprobe einbezogen.

Doch Elsner räumt ein, die Kassen hätten sich an entscheidender Stelle nicht durchsetzen können: Eine schlechte Benotung wichtiger Punkte wie Vorbeugung vor Druckgeschwüren führt auch weiter nicht zur Abwertung eines Heims. Der Hamburger Gesundheitswissenschaftler Johannes Möller hat das Notensystem untersucht.

Sein Ergebnis ist niederschmetternd. Bei 59 von insgesamt 77 Kriterien könnten die Prüfer nur ankreuzen: voll erfüllt – oder gar nicht. Dort, wo es bei der Pflege wirklich drauf ankommt, reicht es laut Möller einem Heim, wenn es hier die Mindeststandards erfüllt. Schon werde eine Bestleistung bescheinigt - etwa wenn das Heim Wunden nach aktuellem Stand der Medizin behandelt oder das Nötige unternimmt, damit die Betroffenen genug trinken. Und: „Es fehlen sogenannte K.-o.-Kriterien oder Kernkriterien.“

Selbst Missstände bei Ernährung oder Hygiene könnten durch weichere Faktoren ausgeglichen werden. Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, kritisierte: „Auch die Änderungen des Pflege-TÜVs zum 1. Januar bringen keine echte Verbesserung für die Pflegebedürftigen und deren Angehörigen.“ Missstände würden nicht aufgedeckt, sondern vertuscht.

Er forderte einen neuen Pflege-TUV, der unter Beteiligung von Patientenvertretern zustande kommen müsse. Die Koalition zeigt sich wachsam. Nach der Einigung der Verbände kämen jetzt die ersten Prüfungen auf Basis der neuen Regeln, sagt der gesundheitspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Jens Spahn. „Ich hoffe, dass sie sich bewähren und mehr Transparenz für die Pflegebedürftigen zur Folge haben“, so der CDU-Mann. „Sollte das nicht der Fall sein, müsste der Gesetzgeber eingreifen.“

Die Sprecherin der Arbeitsgruppe Gesundheit der SPD-Fraktion, Hilde Mattheis, sagt: „Offensichtlich sind die nötigen Verbesserungen nicht erzielt worden.“ Bewahrheite sich dieser Eindruck in der Praxis, müsse der Pflege-TÜV erneut reformiert werden.

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