Machtkampf im VdK: Wieso der Konflikt um Verena Bentele hinter den Kulissen eskaliert

Im größten bayerischen Sozialverband VdK rumort es derzeit gewaltig. Die Landesvorsitzende Verena Bentele soll mit einem Abberufungsverfahren gestürzt werden. Intern ist von einer ganzen Reihe von Verfehlungen die Rede.
von  Lisa Marie Albrecht
Verena Bentele, Praesidentin des Sozialverbands VdK Deutschland und Landesvorsitzende des VdK Bayern.
Verena Bentele, Praesidentin des Sozialverbands VdK Deutschland und Landesvorsitzende des VdK Bayern. © Neele Janssen/imago

Es brodelt gewaltig im größten Sozialverband Bayerns, dem VdK: Die Landesvorsitzende Verena Bentele soll gestürzt werden. Konkret mit einem Verfahren zur Abberufung der 44-Jährigen aus dem Landesvorstand. Die übrigen Mitglieder des Gremiums hätten den Landesausschuss gebeten, ein solches gegen sie sowie gegen den Schatzmeister des Landesverbands, Konrad Gritschneder einzuleiten, bestätigte der stellvertretende Landesvorsitzende Hermann Imhof am Montag. Im Raum stehen heftige Vorwürfe, die Bentele zurückweist. Sie spricht von einem "eskalierten Machtkampf".

Intern ist dagegen die Rede von einem "massiven Vertrauensbruch" zwischen den übrigen Vorstandsmitgliedern und der Landesvorsitzenden, die den Verband 2023 übernahm. "Auf ausdrücklichen Wunsch des Vorstands", habe sie, die bereits seit 2018 Präsidentin des VdK Deutschland ist, für den bayerischen Vorsitz kandidiert, teilte Bentele öffentlich mit. Ihr Ziel sei es von Beginn an gewesen, den Verband stärker in der Öffentlichkeit zu positionieren und seine sozialpolitische Wirkung für die Vertretung der Interessen der Mitglieder auszubauen. Dabei habe für sie ein moderner Führungsansatz im Mittelpunkt gestanden, der der Größe und Verantwortung des Verbandes gerecht werde.

Ein "Alleingang" habe die Mitglieder gegen Bentele aufgebracht

Was ist seitdem geschehen? Nach AZ-Informationen ist die Hauptursache für das interne Zerwürfnis zwischen Bentele und den übrigen acht Mitgliedern des Landesvorstands eine Personalentscheidung Benteles gewesen, die große Irritationen auslöste. Derartige Entscheidungen hätten nur mit einem Mehrheitsbeschluss des Landesvorstands durchgeführt werden können. Unter anderem mit diesem Alleingang und der Art und Weise des Umgangs mit Mitarbeitern habe Bentele die übrigen Mitglieder des Landesvorstands gegen sich aufgebracht.

Offiziell heißt es vom VdK Bayern am Dienstag, die Entscheidung, das Abberufungsverfahren einzuleiten, beruhe "auf völlig gegensätzlichen Auffassungen darüber, wie der Verband zu führen ist. Die unterschiedlichen Auffassungen betreffen die Art und Weise, wie das Amt eines Vorstands und insbesondere das des Vorsitzenden zu führen ist und wie der Landesverband in Zukunft aufgestellt sein soll. Der Verband und der Landesvorstand werden durch demokratische Mehrheitsentscheidungen geführt, wie es eine professionelle und moderne Verbandsführung vorsieht." Und weiter: "Alleingänge passen nicht in diese Kultur."

Heftiger Streit um Benteles Assistentin

So formuliert es auch Hermann Imhof in einem Statement, das der AZ vorliegt. Der Co-Landesvorsitzende teilte zudem mit, Bentele sei "vollumfänglich arbeitsfähig".

Eine Darstellung, die die von Geburt an blinde Spitzensportlerin nicht teilt. Benteles persönliche Assistenz sei gegen ihren Willen aus der Münchner Landesgeschäftsstelle abgezogen und nach Freising versetzt worden. "Eine Assistentin in Freising kann wohl kaum die Arbeit in München unterstützen", teilt Bentele mit. "Wer behauptet, ich sei unter diesen Umständen vollumfänglich arbeitsfähig, ignoriert bewusst die Realität meines Arbeitsalltags.“ Besonders kritisch bewertet sie dabei, dass sie über entsprechende Maßnahmen teilweise nicht einmal selbst informiert worden sei. Zudem habe ihre Assistenz kurzfristig ihr Büro räumen und den Schlüssel abgeben müssen.

Die Landesgeschäftsstelle des VdK in München.
Die Landesgeschäftsstelle des VdK in München. © IMAGO/Michael Nguyen

Aus Verbandskreisen heißt es dazu: Die Abberufung sei keineswegs gegen den Willen der Assistenz geschehen, sondern vielmehr auf deren Wunsch hin, wobei die Gründe persönliche Natur waren und nichts mit Bentele zu tun hatten. Benteles Darstellung sei unzutreffend. Die Assistentin stehe Verena Bentele vollumfänglich zur Verfügung und könne sie wie bisher zu allen Terminen begleiten. Im Übrigen handele es sich streng genommen nicht um Benteles persönliche Assistentin, sondern um die Assistenz des Landesvorstands, die aufgrund von Benteles Behinderung aber überwiegend ihr zur Verfügung stehe.

Auf AZ-Nachfrage weist die Landesvorsitzende diese Darstellung erneut vehement zurück. Ihr zufolge sei der Assistentin Mitte Mai mitgeteilt worden, dass sie die Geschäftsstelle in München räumen müsse und ab Juni in Freising als Assistenz eingesetzt werde. Der AZ liegen Schreiben vor, die die Versetzung der Assistentin belegen sollen.

Brisant: Verstößt Bentele gegen das Neutralitätsgebot?

Auch von anderen internen Problemen ist in Verbandskreisen die Rede. Etwa von Compliance-Vorwürfen, von weiteren Satzungsverstößen,, von unzähligen nicht ergriffenen Chancen, sich zu entschuldigen. Und auch davon, dass es der Vorsitzenden offenbar nicht immer gelungen sein soll, sich an das verbandsintern abgestimmte Wording zu halten.

Im April dieses Jahres etwa distanzierte sich der stellvertretende CSU-Kreisvorsitzende Passau-Land und VdK-Ortsvorsitzende Stephan Dorn in der "Passauer Neuen Presse" offen von den aus seiner Sicht "linken parteipolitischen Machenschaften der VdK-Präsidentin Verena Bentele". Hintergrund war das Statement Benteles in ihrer Funktion als Präsidentin des Bundesverbands zum Ehegattensplitting, dessen Ende sie als "überfällig" bezeichnete. Sie monierte, es begünstige Ehepaare mit hohen Einkommensunterschieden. Bentele ist Mitglied der SPD.

"Lebenswirklichkeit" der Verbandsmitglieder nicht mehr im Zentrum?

Aus informierten Kreisen heißt es, im Verband bestehe Sorge, dass für Bentele "nicht mehr die Lebenswirklichkeit" der Verbandsmitglieder im Zentrum stehe. Für viele, insbesondere Frauen, die in der Vergangenheit nur wenig oder kein Einkommen hatten, sei das Ehegattensplitting eine wichtige Absicherung gegen Altersarmut. Auf AZ-Anfrage sagte Bentele dazu: "Ich vertrete die Interessen unserer knapp 2,4 Millionen Mitglieder bundesweit und das schließt auch die Interessen der knapp 850.000 Mitglieder im VdK Bayern ein." Man setze sich für eine faire Splitting-Lösung für Familien ein, die eine gute Förderung für Kinder und beide Elternteile bedeute.

Bentele weiter: "Wenn sich jemand parteipolitisch engagiert und diese Position zur VdK-Position machen möchte, dann lehne ich das entschieden ab. Wir sind parteipolitisch unabhängig und vertreten die Mitglieder, nicht Parteilinien."

Eine blinde Frau wird im Alltag begleitet (Symbolbild).
Eine blinde Frau wird im Alltag begleitet (Symbolbild). © IMAGO

Darüber hinaus moniert Bentele, dass sie keinen Zugriff auf die Mailverteiler im Netzwerk des VdK Bayern erhalte. Der Landesgeschäftsführer habe 900 hauptamtlich tätige Mitarbeiter angeschrieben und sie in dieser Mail unter anderem beschuldigt, gegen die Satzung verstoßen zu habe, sagt Bentele der AZ. "Die EDV-Tochter, deren Geschäftsführer Herr Indlekofer (Marian Indlekofer, stellvertretender VdK- Landesgeschäftsführer, d. Red.) ist, hat mir den Zugriff auf diesen Verteiler nicht gewährt. So musste ich mir selbst Mailadressen suchen und konnte nur etwa 200 Adressen, anstelle von über 900 anschreiben."

Nach Angaben des Sozialverbands VdK Bayern informiert die Geschäftsführung in unregelmäßigen Abständen die Mitarbeitenden über Beschlüsse und Themen des Vorstands, die für ihre Arbeit relevant sind. "Einzelne Mitglieder des Vorstands sind nicht Vorgesetzte der Beschäftigten und nicht weisungsberechtigt", heißt es auf Nachfrage der AZ. "Aus arbeitsrechtlichen- und datenschutzrechtlichen Gründen dürfen und werden Emailadressen nicht weitergegeben, da dies einer unzulässigen Datenverarbeitung entsprechen würde."

Ein Angebot, das Bentele ablehnen konnte

Dem Abberufungsverfahren, dem verbandsintern nach AZ-Informationen zumindest eine gewisse Erfolgschance eingeräumt wird, sei zudem ein letztes Angebot zu einer gütlichen Einigung vorausgegangen. Dies habe Bentele abgelehnt. Sie wiederum schildert das betreffende Angebot so: "Acht Vorstandsmitglieder wollten, dass ich mein Amt ruhenlasse, den Verband bis nächstes Jahr zur Neuwahl nicht mehr vertrete und dafür weiter eine Bezahlung erhalte."

Sie habe eine Vereinbarung vorgelegt bekommen, die für sie nicht akzeptable Regelungen enthalten habe. "Als einstimmig gewählte Landesvorsitzende sollte ich mich bereit erklären, den Landesvorsitz faktisch nicht mehr auszuüben – bei voller Fortzahlung meiner Bezüge. Dieses 'Angebot' kommt für mich als Vorsitzende eines Sozialverbandes keinesfalls infrage", fasst Bentele zusammen.

Bentele meldet sich am Dienstag auch mit einem Statement auf Linkedin zu Wort, das die Gräben zwischen der VdK-Landesvorsitzenden und dem übrigen Vorstand zu zementieren scheint. "Die vergangenen Tage waren für mich intensiv. Umso wichtiger ist mir, eines klarzustellen: Es geht bei diesem Konflikt im VdK Bayern für mich nicht um persönliche Machtfragen, sondern um die Zukunft und die professionelle Aufstellung des größten Landesverbands im Sozialverband VdK", schreibt sie in dem Beitrag. Zuvor hatte sie auch Vorwürfe vehement zurückgewiesen, sie wolle den VdK zu einem Zentralverband unter ihrer Führung umstrukturieren oder es habe kein Einvernehmen zum Verhältnis von Hauptamt zu Ehrenamt geherrscht.

"Ich gebe den VdK keineswegs auf"

Am 19. Juni soll sich nach Benteles Aussage nun der Landesausschuss mit einem Abberufungsverlangen des Vorstandes befassen. Die Verbandschefin hatte die Zuständigkeit des Landesausschusses für eine etwaige Abberufung zurückgewiesen.

Auf Linkedin bekräftigt sie am Dienstag: "Ich gebe den VdK Bayern keineswegs auf. Wir sind jeden Tag gefordert, uns mit Sozialthemen auseinanderzusetzen und Stellung zu beziehen. Und das mache ich auch weiterhin." Ob das gelingt, bleibt abzuwarten.

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