Laufen bis zum Horizont

Die zwei SPD-Leidensgenossen heizen den Genossen beim Parteitag in Bayerns roter Enklave ein – mit schlagerverdächtigen Parolen und Kampfreden bei Sauna-Temperaturen.
| Angela Böhm
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Udes Hemd ist schweißnass, Steinbrück wußte,wie er seines trocken hält.
dpa Udes Hemd ist schweißnass, Steinbrück wußte,wie er seines trocken hält.

MÜNCHEN Der Kanzler-Kandidat ist schon da. Der Seehofer-Herausforderer lässt auf sich warten. „Darf ich Dich herzlich in Deiner Stadt begrüßen?“, grinst Peer Steinbrück. „Man hat mich gewarnt, zu früh zu kommen“, entschuldigt sich Christian Ude. „Dann bist du zwei Mal um den Block gefahren?“, insistiert Steinbrück.

Mit dem richtigen Timing ist das so eine Sache bei den beiden SPD-Leidensgenossen. Euphorisch ist Ude im Sommer 2011 als Bürgerking gestartet und hat Umfrage-Liebling Peer Steinbrück zur frühen Kanzlerkandidatur gedrängt. Die Ablösung von Bundeskanzlerin Angela Merkel in Berlin und Horst Seehofer in München schien nur noch Formsache. Jetzt läuft das rote Duo abgeschlagen mit desaströsen Umfragen auf der Zielgeraden ein und muss eine gewaltige Aufholjagd hinlegen. Ude soll mit der Bayern-Wahl für einen roten Schwung sorgen, sonst kann Steinbrück seine Kanzlerambitionen gleich begraben und die Bundestagswahl acht Tage später verloren geben.

Einen magischen Ort haben sich die Genossen am Samstag zum Startschuss für ihre letzte Etappe ausgesucht. Eine Kraftquelle. „Das Schloss“, ein Theaterzelt am Randes des Münchner Olympiaparks, liegt in Bayerns einziger roten Enklave. Seit zwei Jahrzehnten bekommt die CSU zwischen Olympiapark und Milbertshofen keinen Fuß auf den Boden. Vier Mal hat ihr Franz Maget, der scheidende Landtagsvize, hier als einziger Sozi den Stimmkreis abgenommen.

Der Ort zeigt Wirkung. Zumindest bei Steinbrück. Der angeschlagene Spitzenkandidat wächst über sich hinaus. Er rockt das Zelt: „Nicht nervös werden!“, impft er den 300 zuhörenden Genossen quasi intravenös wie ein Dopingmittel ein. Draußen steigt die Lufttemperatur auf 30 Grad. Drinnen im Zelt herrscht Saunafeeling. „Es wird noch heißer, das verspreche ich euch“, stachelt Steinbrück seine Partei an.

Titelverteidiger Horst Seehofer will im Finale nicht schwitzen – und kämpfen schon gar nicht. Nur einen Steinwurf vom „Schloss“ entfernt liegt unter der Erde die kühle Kleine Olympiahalle. Dort hat er sich mitten im roten Feindesgebiet am Tag zuvor fast lautlos eingegraben und seine Truppe mit seiner Rede eingeschläfert. Nicht die geringste Angriffsfläche will er dem Gegner bieten, jetzt, wo alles so gut läuft, und die Alleinherrschaft zum Greifen nahe ist.

Steinbrück schaltet auf volle Attacke. Er zeigt, dass mit ihm doch noch zu rechnen ist: „Seehofer ist die größte lose Kanone an Deck, die endlich über Bord geworfen gehört.“ Auf Kanzlerin Bundeskanzlerin Angela Merkel geht er los: „Die liegt in der Furche und hebt den Finger, aber nur, um den Wind zu messen.“ Punkt für Punkt nimmt er ihre Regierung auseinander. Noch nie habe er so viel „Ahnungslosigkeit“ erlebt wie auf ihrer Pressekonferenz am Freitag. Beim US-Abhörskandal erinnert er sie an ihren Amtseid, Schaden vom deutschen Volke abzuweisen. Er setzt Bundeskanzlerin Angela Merkel unter Druck: Sie müsse Widerstand gegen die USA leisten – wie einst Gerhard Schröder.

Unten im Publikum hört US-Generalkonsul William Moeller mit. Er ist Ehrengast bei den Bayern-Sozis. „Obama kämpft symbolisch mit uns mit“, hat ein Genosse stolz geraunt, als der Amerikaner vor dem „Schloss“ eintraf. „Wir haben eine schöne lange Tradition in der Zusammenarbeit mit der SPD, auch hier in Bayern“, flötet Moeller dem Kanzlerkandidaten beim Shakehands zu. Dann lässt er sich von SPD-Generalin Natascha Kohnen dirigieren: „Ich bin bereit zu tun, was Sie wollen."

Den Genossen im Zelt ist das wurscht. Steinbrücks Attacken sind für sie wie ein Tropfen Wasser in der Wüste, den sie aufsaugen. „Lasst uns kämpfen! Lasst uns zum Horizont laufen. Und nehmt mich mit!“, ruft er ihnen leicht Grönemeyer-mäßig zu. Da hält es keinen mehr auf seinem Stuhl. Ins Schwitzen gebracht hat das den Merkel-Herausforderer noch nicht. Auch er kennt alle Tricks. Keinen Schluck Flüssigkeit hat er zu sich genommen. Die Schweißflecken ziehen sich gerade bis zur Schulter. Sein weißes Hemd ist trocken geblieben.

Ude hat’s da schwerer. Die Hitze macht seine Genossen allmählich schlapp. Der Seehofer-Herausforderer will sich den Endspurt nicht alleine in die Schuhe schieben lassen. „Ihr seid bei diesem Finale nicht Zuschauer, die runter rufen: ,Gib doch mal ab!’ Ihr seid die Akteure!“, motzt er.

Seine Munition hat ihm der CSU-Titelverteidiger eh schon geklaut. Im „Bayernplan“ übernahm der Schwarze eiskalt auch Udes rote Positionen aus dem Zehn-Punkte-Programm: „Bayern kann das“. „Die schreiben ja wirklich so gründlich ab wie früher bei den Doktorarbeiten“, spielt der Herausforderer süffisant auf die Plagiatsaffäre mit Ex-Verteidigungsminister zu Guttenberg an.

Ude ist dünnhäutig geworden. Fast wehleidig lamentiert er über die Umfragewerte: „Ich kann mich nur wundern, dass immer noch Menschen auf die reinfallen, als wäre es ein Gottesurteil.“ Seinen Genossen bläut er ein: „Wir lassen uns dadurch die Schneid nicht abkaufen. Wir kämpfen!“ Hoffnungslos ist das nicht. Ude klärt auf: Die größte politische Kraft in Bayern seien derzeit die 40 Prozent Unentschlossenen. „Es ist ja grotesk, jetzt schon von einem gelaufenen Rennen zu sprechen“, klagt er.

Dabei bricht sein Frust über die bayerischen Wähler aus ihm heraus: „Könnten es Leute, die 56 Jahre lang nur in der Opposition waren, eigentlich besser? Da fehlt's doch an der Regierungserfahrung, da fehlt's doch an der Einarbeitung. Kann man des denen wirklich zutrauen?“, stellt er die naheliegendste Frage mit allen Zweifeln. Seine Antwort klingt regelrecht verzweifelt: „Leider gibt es in Bayern auch die weitverbreitete Überzeugung: ,Wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand. Vielleicht nicht eine Überdosis an Charakter, aber eine Befähigung zum Regieren.’ Davon profitiert die CSU nun schon ein paar Jahre zu viel.“

Damit soll jetzt Schluss sein. „Wir können es besser!“, ruft er den Genossen zu. Die warten schon sehnsüchtig auf den Schluss und wollen endlich raus aus der Hitze. Ude hat sich abgearbeitet. Er ist patschnass. Sein Hemd klebt an seiner Haut. Seine Frau Edith fleht: „Hoffentlich umarmt er mich jetzt nicht.“
 

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