Joschka Fischer noch einmal im Ring

Einmal, für ein einziges Mal nur tauschte er die feinen Hörsäle mit der Wahlkampf-Arena. Joschka Fischer gab in Wiesbaden Wahlkampfhilfe für die Hessen-Grünen. Doch der Funke wollte nicht überspringen.
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Einmal, für ein einziges Mal nur tauschte er die feinen Hörsäle mit der Wahlkampf-Arena. Joschka Fischer gab in Wiesbaden Wahlkampfhilfe für die Hessen-Grünen. Doch der Funke wollte nicht überspringen.

VON MATTHIAS MAUS Das "Frankfurter Mitglied" lässt sich Zeit. Langsam bewegt es sich durch den Mittelgang des klassizistischen Kitschsaals im Kurhaus von Wiesbaden. Gravitätisch, es geht nicht schneller. Dutzende Fotografen bedrängen den jetzt wieder dicken Mann, der sich alle paar Jahre neu erfindet, der gerade Polit-Privatier ist, und der es nochmal wissen will. Er genießt sie, die Aufmerksamkeit, die Reminiszenz an alte Zeiten. Aber ach, es ist nicht mehr so wie früher.

Der letzte Live-Rocker

"Ich hab ja schon viele Wahlkämpfe gemacht", meint Joschka Fischer. "Aber noch nie in einem Saal wie dem hier", sagt er mit Blick auf wilhelminische Säulen und güldene Deckengemälde. Er sagt es wie ein Musiker, der weiß, dass es schwer wird, der am falschen Platz spielt und ein bisschen in der falschen Zeit. "Ich bin der letzte Live-Rocker", hatte Fischer bei seinem vorerst letzten Abschied von der Politbühne gesagt. "Nach mir kommt in allen Parteien nur noch die Playback-Generation." Hier, in der heißesten Phase des Wahlkampfes, reicht es höchstens zu einem Unplugged-Solo.

"Roland Koch betreibt Hetze", ruft er, "er prügelt auf eine Minderheit ein". Das sei mehr als unanständig, "der gehört abgewählt". Alles richtig, alles mit echter Fischerscher Verve vorgetragen, der Applaus der über 1000 Zuhörer ist echt und freundlich, aber der Funke will nicht überspringen. Vielleicht liegt es an der viel zu leisen Tonanlage. Die johlende Kampfstimmung, die Fischer früher verbreiten konnte, die ist Geschichte.
Dabei könnten sie den alten Kämpen und den alten Elan gut brauchen, die Not der grünen Gemeinde ist groß.

Da kam der überraschende Anruf bei Tarek Al-Wazir vor knapp zwei Wochen gerade recht. "Kann ich euch helfen?", knarzte es am anderen Ende der Leitung, und es muss Tarek Al-Wazir, dem Chef der hessischen Grünen, wie ein Himmelsgeschenk geklungen haben: ER war dran, ER hatte sich über Koch geärgert, ER ahnte da vielleicht schon die Umfragewerte, die seit kurzem die Grünen in ihrem Stammland blaß werden lassen. Nur noch sieben Prozent! "Kann ich euch helfen?" fragte Joschka. Und ob!

"Es fehlt ein Farbtupfer in der Politik"

Soll einer wie er nochmal zurück in die Politik: "Ja", sagt Renate Schlosser wie aus der Pistole geschossen. "Es fehlt ein Farbtupfer in der Politik", meint ihr Mann Holger. Aber der Wunsch des Rentner-Ehepaars nach einen Fischer-Comeback wird so schnell nicht in Erfüllung gehen. "Eher werd' ich Nationaltrainer in Frankreich", sagt Daniel Cohn-Bendit, EU-Abgeordneter und Fischers Freund seit den Achtundsechzigern.

Einmal, einmalig, ganz bestimmt nur dieses eine Mal werde er seine Polit-Abstinenz unterbrechen, hatte der Altvater wissen lassen. Er wolle seinen Landesgrünen aus dem Tal der Umfragen helfen, kündigte der 59-jährige Polit-Rentner an. Der vermutlich beste - oder nach Schröder zumindest zweitbeste - Wahlkämpfer der rot-grünen Ära vertauscht die feinen Hörsäle und die filigranen Überlegungen des Diplomaten noch mal mit der Wahlkampf-Arena und den süffigen Sprüchen für die Basis.

"Was Koch da verkündet, das glaubt er selbst nicht", meint der Fischer. "Das sieht man ihm an, und die Leute merken es." Strikt hält sich Fischer, mittlerweile Villenbesitzer in Berlin-Dahlem, an die Landespolitik. Bildung, Integration, Atomenenergie ("Terrorismus ist kein Restrisiko"), nur das heikle Thema Flughafen-Ausbau spart der Super-Vielflieger aus.

Zurück, wo der persönliche Siegeszug begann

Vielleicht ist es ja wirklich nur ein isolierter Liebesdienst, dass er hier in Sakko und offenem Hemdkragen noch einmal auftritt. In Hessen wurde Fischer politisch groß. In Frankfurt als Sponti, als Mitglied der militanten "Putzgruppe", in Wiesbaden als "erster grüner Umweltminister des Planeten", der sich 1985 für die Vereidigung extra weiße Turnschuhe kaufte. Von hier aus startete er einen persönlichen Siegeszug vom belesenen Autodidakten über den Opel-Arbeiter zum anerkannten Außenpolitiker. Da möchte man doch mal was zurückgeben.

"Ich kann mich noch erinnern, an die Wahlkämpfe, als die CDU Dany Cohn-Bendit als Ausländer hingestellt hat", so viel habe sich seit damals gar nicht geändert: "Es gibt eine ungute Tradition in der CDU." Und mit seiner Ausländerkampagne habe Koch die CDU "um Jahre zurückgeworfen". Um Zeithorizonte, um Historie geht es ihm oft an diesem Abend. Aber es ist womöglich ein bißchen mehr als Nostalgie und Dankbarkeit, was Fischer zurück an die Rampe treibt.
Er war zwar Aussenminister und Prof in Princeton. Er hat Zeitungskolumnen und viele Freunde unter den emeritierten Politikern der Welt. Aber er hat nicht mehr den Kick der ersten Reihe. Der Reiz, den die Macht auf so viele an der Spitze ausübt, der fiel weg, damals im Herbst.

"Ciao Ragazzi"

Es war ein großer Abtritt am 20. September 2005, ein echter Fischer, nach der verlorenen Neuwahl, die ihm Schröder eingebrockt hatte. Da erklärte er der verdutzten Journaille, dass er für führende Ämter nicht mehr zur Verfügung stehe, und dass er jetzt gehe: "Ciao Ragazzi." Zu viele Brüche hatte es in Fischers Leben gegeben, als dass nicht auch dieser abrupte Abschied ins Bild passen würde. Nur wenige bezweifelten, dass er es nicht aushalten würde ohne Politik. Sie können sich nur ein bisschen bestätigt fühlten.

"Er hat einen klaren Schnitt gemacht", sagt Al-Wazir. "Das ist eine einmalige Ausnahme." Dabei könnten sie einen Fighter gut gebrauchen. Die kleine Oppositionspartei droht zerrieben zu werden zwischen den Mega-Themen Mindestlohn und Kochs ureigenstem Ausländer-Jugendkriminalitäts-Klopper. Dass Koch schwächelt, dass Andrea Ypsilanti plötzlich Chancen zugesprochen werden, dass die Linke Zünglein an der Waage sein könnte, das sind die Gewürze, die das Gericht schmackhaft machen müssten für einen wie Fischer.

Die Grünen ohne ihn, sie haben zur Zeit das Image vom "Bioladen am Eck", wie die "Frankfurter Rundschau" schreibt. Sie waren die ersten, sie haben es schon immer gewusst, aber "Bio" bietet jetzt auch der schwarze, der rote und sogar der gelbe Supermarkt nebenan. Zwar haben die Grünen das "Echtheits-Zertifikat", so die "FR", aber "das Verkaufspersonal gibt Rätsel auf". Die Grünen-Spitze ist nicht gerade attraktiv in ihren Machtspielchen und Eifersüchteleien. So wird Fischers Gastspiel auch an der Spitze nicht nur bejubelt.
Reinhard Bütikofer, Parteichef und für Fischer schon immer das Rote Tuch bei den Grünen, erklärte die Motive des Rückkehrers militärhistorisch: "Dem geht es, um mit Kohl zu sprechen, wie dem alten Militärpferd, das die Marschmusik hört und nicht im Stall bleiben möchte." Für solche Analysen hat Dany Cohn-Bendit nur Spott: "Das ist doch Quatsch." Tatsächlich? Und was machen Sie, wenn es am Sonntag für Rot-Grün reicht, Herr Fischer? "Dann bin ich daheim."

Die Hymne von Comeback Kid

So ganz will sich die Basis nicht abfinden mit dem Ende der Ära Fischer. Zu seinem Einzug in die Halle hatte jemand "Don't stop thinking about tomorrow" eingespielt. Der Gassenhauer von Fleetwood Mac war einst Hymne im Wahlkampf von Bill Clinton. Dessen Spitzname damals: Comeback Kid.

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