Harald Lesch attackiert Reiche: "Es gibt keine hocheffizienten Verbrenner"

Die Pflicht, neue Heizungen zu mindestens 65 Prozent mit Erneuerbaren Energien zu betreiben, entfällt ab Juli. Die Förderung für private Photovoltaik-Anlagen soll gestrichen werden. Und in Deutschland sollen neue Gaskraftwerke entstehen.
Die Bundesregierung tritt mit ihrer Energiepolitik in Sachen Klimaschutz auf die Bremse – und Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) ist aus Sicht von Kritikern diejenige, die den Fuß auf dem Pedal hält.
Ein breites Bündnis aus Klima- und Umweltschützern, unterstützt von Menschenrechtsorganisationen, Sozialverbänden und der Lobby für Erneuerbare Energien, möchte sich dagegen wehren. Und ruft deshalb zu Großdemonstrationen in München, Berlin, Hamburg und Köln auf.
Das Bündnis erwartet deutschlandweit "Zehntausende Teilnehmer". Auf einer Pressekonferenz am Mittwoch haben prominente Köpfe aus der Klimabewegung vorab ihre Forderungen an die Bundesregierung vorgestellt.
Unternehmer: "Irre, wie Frau Reiche auf Gaswerke setzt"
Sie wollen ein höheres Ausbautempo bei Sonnen- und Windkraft, eine Ausbauoffensive für Verteilnetze und Stromspeicher, eine Stärkung der eigenen Energiewende-Industrie sowie eine Absenkung der Stromsteuer für alle – und das alles sozial verträglich ausgestaltet, damit der Klimaschutz auch für alle bezahlbar ist.

Verena Bentele, Präsidentin des Sozialverbands VdK und Landesvorsitzende für Bayern, warnt: "Gerade für Mieterinnen und Mieter ist die Gefahr riesig groß, dass die Kosten auf die Schwächsten abgewälzt werden."
Wie teuer das Leben ohne erfolgreiche Energiewende für die Verbraucher ist, spüren diese derzeit täglich an der Zapfsäule. Luisa Neubauer, Deutschlands bekannteste Klimaaktivistin, sagt dazu: "Es kann keine zukunftsfähige Wirtschaft geben, solange wir von Öl- und Gasimporten abhängen."

Der Windkraftanlagen-Unternehmer Andreas Arens findet es deshalb "irre, wie unverantwortlich Frau Reiche auf Gaskraftwerke setzt." Denn Erneuerbare Energie werde immer günstiger und sei langfristig ein Standortvorteil – dort, wo es billig Energie gibt, siedeln sich auch Unternehmen an. "Zwei bis drei Tage lokale Windflaute sind doch besser beherrschbar, als wenn plötzlich an der Öl- und Gasheizung gedreht wird", sagt Arens. Anders als Gas könne grüner Strom aus dem europäischen Ausland besorgt werden.
Lesch: "Es gibt keine hocheffizienten Verbrenner"
Der aus seinen Fernsehsendungen bekannte und an der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München tätige Astrophysik-Professor Harald Lesch schlägt in dieselbe Kerbe: "Wenn unsere Wirtschaftsministerin über Gaskraftwerke spricht, spricht sie über Kosten, die uns bevorstehen, während Batteriespeicher Investitionen sind."

Die Abkehr von der Energiewende vergleicht Harald Lesch damit, wieder auf offenem Feuer statt mit einem Induktionsherd zu kochen oder anstelle von LED-Lampen Zimmer wieder mit Fackeln zu beleuchten.
Er stellt klar: "Es gibt keine hocheffizienten Verbrenner und Kraftwerke, in denen Wasser heiß gemacht wird." Verbrennungstechnologie sei wesentlich ineffizienter als alles, was mit elektrischem Strom passiere. Denn es gebe einen Wirkungsgrad, der nicht überschritten werden könne – Wissen, das bereits in den ersten Semestern an Hochschulen gelehrt werde.
Klimaaktivistin Neubauer kündigt an: "Wenn die Bundesregierung, vor allem Katherina Reiche, aus den Realitäten nicht die logischen Schlüsse ziehen kann, werden wir da nachhelfen und Druck aufbauen."
Reiche soll Gaslobby um Vorschläge gebeten haben
Wenn die Notwendigkeit der Energietransformation so auf der Hand liegt, warum hält Reiche trotzdem am Gas fest? Der Bundeswirtschaftsministerin wird eine große Nähe zur fossilen Energiewirtschaft nachgesagt. Unmittelbar vor Amtsantritt war sie die Vorstandsvorsitzende der Westenergie AG, eine Tochtergesellschaft des Energieriesen Eon. Der Westenergie AG gehört die Westnetz GmbH, die über ein 38.000 Kilometer langes Erdgasnetz verfügt – das hat fast dieselbe Länge wie der Erdäquator.
Eine am Mittwoch veröffentlichte Recherche des "Spiegels" füttert den Verdacht, dass Reiches alte Rolle in ihrer Politik nachwirkt: Sie soll demnach die Gaslobby um Vorschläge gebeten haben, die Batteriespeicher gegenüber Gaskraftwerken benachteiligten.
Auch die von Reiche vorgeschlagene Grüngasquote stärkt die Gasindustrie. Statt die bestehende Infrastruktur abzubauen, soll das Gas so langfristig grüner werden. Das Problem: Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) und des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI zeigen, dass für Verbraucher das Heizen dadurch teurer wird. Grünes Gas wie etwa Wasserstoff ist nur begrenzt verfügbar.
Momentum für Widerstand gegen Klientelpolitik
Christoph Bautz, Geschäftsführer des Vereins Campact, der politische Online-Kampagnen organisiert, sieht die Wirtschaftsministerin wegen ihrer klaren Positionierung als geeignetes Symbol, gegen das sich die Bewegung positionieren kann. "Da entsteht gerade ein Momentum, dass ganz viele Leute auf die Straße gehen wollen", sagt Bautz. "Die Breite der Gesellschaft wird sich am Samstag der Klientelpolitik von Katherina Reiche für die Öl- und Gaskonzerne entgegen stellen."

Handwerker, Installateure, Menschen aus Betrieben für Erneuerbare Energien, Hausbesitzer und Mieter würden im Schulterschluss das verteidigen, was Protestbewegungen wie Fridays for Future in den letzten Jahrzehnten erstritten haben.