Guido Westerwelle: Der Schmerz der letzten Tage

Aus schlechten Umfragewerten wird ein Überlebenskampf: In der FDP ist nicht mehr die Frage, ob Guido Westerwelle gehen muss. Sondern wann. Und wer ihn beerbt: eine Viererbande?
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Guido Westerwelle unter Druck
dpa Guido Westerwelle unter Druck

Aus schlechten Umfragewerten wird ein Überlebenskampf: In der FDP ist nicht mehr die Frage, ob Guido Westerwelle gehen muss. Sondern wann. Und wer ihn beerbt: eine Viererbande?

Von Frank Müller

Immerhin, der Mann macht noch Termine fürs nächste Jahr: Am 16. Januar wird Guido Westerwelle beim Neujahrsempfang der niedersächsischen FDP auftreten, das beeilte sich am Dienstag Gesundheitsminister Philipp Rösler zu versichern. „Weil wir ihn schätzen, ist es uns eine große Freude“, säuselte Rösler.

Nicht mehr so klar ist allerdings, in welcher Funktion Westerwelle dann kommt: als Außenminister und FDPChef? Nur noch als eines von beiden? Oder gar schon als Privatmann? Der atemberaubende Autoritätsverfall des zuvor so unangreifbar scheinenden 48-jährigen FDP-Chefs setzte sich auch am Dienstag unvermindert fort.

Die Partei brummt und vibriert, jeder arbeitet an irgendwas und alle an ihrem gemeinsamen Niedergang. Es wird so viel telefoniert in den Führungszirkeln, dass selbst enge Mitarbeiter ihren Minister oder Landeschef nicht mehr ans Telefon bekommen: besetzt. Was dabei herauskommt, weiß keiner so genau.

Die Partei druckt nicht einmal mehr Plakate mit seinem Gesicht

Nur eines wird immer sicherer: Es wird eine Zukunft ohne den Über- Yuppie Westerwelle an der Spitze sein. Und: Es wird schnell gehen. Denn 2011 steht vor der Tür und diktiert den Liberalen seinen Rhythmus.

Es sind nicht nur die drohenden Landtagswahlen, die die FDP in eine Entscheidung zwingen: Verliert man ohne Westerwelle weniger schlimm als mit ihm? Noch bedrohlicher, weil kurzfristiger ist ein ganz anderer Termin: Was macht die Partei am Dreikönigstag? Das dazugehörige traditionelle Liberalen- Treffen hat für die FDP eine Bedeutung wie der politische Aschermittwoch für die CSU.

Muss man also dann schon eine Nachfolgelösung für Westerwelle auf dem Tablett haben? Oder guckt man sich an, wie sich ein baldiger Ex-Chef am Rednerpult noch einmal abrackert – während jeder schon die Tage bis zu einer neuen Lösung an der Spitze zählt? Das wäre dann wirklich so wie in den letzten Tagen der DDR. Der schleswig-holsteinische Landeschef Wolfgang Kubicki hatte die Lage in der FDP mit dem Ende in Ost-Berlin 1989 verglichen – und damit Westerwelle erst richtig ins Rutschen gebracht.

Seitdem geht es Schlag auf Schlag: Am Dienstag wurde einmal herumgefragt, ob Landesverbände eigentlich im Wahlkampf das Gesicht ihres Bundeschefs plakatieren wollen. Hamburg, Sachsen-Anhalt, Rheinland-Pfalz und Baden- Württemberg sagen Nein – natürlich rein der Sache wegen. „Zwei Drittel der Wähler reagieren ohnehin auf Themen“, sagt der sachsen-anhaltinische Spitzenkandidat Veit Wolpert treuherzig. Klar, dass da kein Platz für einen Parteichef auf dem Plakat ist...

Dass das unaufhaltsame Ende der Ära Westerwelle sich so lange hinzieht, hat einen Grund: Der Mann für den finalen Dolchstoß fehlt. Rainer Brüderles Chancen, Westerwelle zu beerben, scheinen zu sinken, dafür kam gestern eine Nachwuchslösung ins Gespräch: Vier junge Kräfte könnten statt Westerwelle als Team an die Parteispitze kommen: Generalsekretär Christian Lindner, NRW-Chef Daniel Bahr, Philipp Rösler und aus Quotengründen die EU-Abgeordnete Silvana Koch-Mehrin. In Berlin kursiert für sie schon ein Begriff, in Anlehnung an eine Verschwörertruppe in China: die Viererbande.

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