Gilles Kepel: Der Ölpreis zeigt die Kriegsgefahr

Droht im Konflikt zwischen den USA und dem Iran die nächste Eskalationsstufe? Einer der renommiertesten Nahost-Experten Europas erklärt in der AZ die Ursachen der aktuellen Auseinandersetzung – und die möglichen Folgen.
| Interview: Natalie Kettinger
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Das Archivfoto zeigt den getöteten General der iranischen Al-Kuds-Brigaden, Ghassem Soleimani.
Uncredited/Office of the Iranian Supreme Leader/AP/dpa/dpa 2 Das Archivfoto zeigt den getöteten General der iranischen Al-Kuds-Brigaden, Ghassem Soleimani.
Ob als Indikator für einen militärischen Konflikt oder als Kriegsgrund – Öl spielt in etlichen Krisen im Nahen Osten eine tragende Rolle. Das Bild zeigt Flammen über einem Förderfeld im Irak, das 2016 vom IS in Brand gesetzt wurde.
Yaser Jawad/imago 2 Ob als Indikator für einen militärischen Konflikt oder als Kriegsgrund – Öl spielt in etlichen Krisen im Nahen Osten eine tragende Rolle. Das Bild zeigt Flammen über einem Förderfeld im Irak, das 2016 vom IS in Brand gesetzt wurde.

Der Autor Gilles Kepel (64) ist Professor am Institut d’Études Politiques de Paris und gilt als einer der bedeutendsten Soziologen Frankreichs sowie als renommierter Kenner der arabischen Welt.

AZ: Herr Kepel, der Iran hat in der Nacht zu gestern Raketen auf Militärstützpunkte im Irak abgefeuert, die auch von US-Soldaten genutzt werden. Ist das der Beginn des dritten Golfkrieges – oder das Ende dieses Kapitels der amerikanisch-iranischen Dauerkrise?
GILLES KEPEL: Der Schlag gegen die US-Basen war die minimalste Reaktion, die für die Islamische Republik möglich war. Hätten die Mullahs nicht reagiert, hätten sie vor ihrem eigenen Volk als die Dummen dagestanden.

Washington sagt, es habe keine Opfer gegeben, Teheran spricht von 90.
Deshalb gilt es zuerst einmal herauszufinden, wer von beiden die Wahrheit erzählt. 90 amerikanische Opfer würden eine Eskalation der Gewalt bedeuten. Wenn es stimmt, dass es keine Opfer gegeben hat – und das ist etwas, was man vorhersagen kann, wenn man heute eine Rakete startet –, bedeutet das, dass dem Iran im Moment nicht an einer signifikanten Eskalation gelegen ist. Ich denke daher, es war eine Art Test. Aber bei Donald Trump ist der Ausgang unvorhersehbar: Auf einen Test kann ein Tweet folgen – und auf einen Tweet ein Krieg.

Mussten die Iraner denn überhaupt militärisch auf die Tötung von Generalmajor Ghassem Soleimani durch die USA antworten?
Das Ausbleiben einer Reaktion wäre von allen Akteuren in der Region und von der eigenen Bevölkerung als Schwäche wahrgenommen worden. Das können sich die Machthaber in Teheran nicht leisten. Sie saßen in einer Zwickmühle: Entweder sie greifen die Amerikaner an und riskieren damit einen gewaltigen Gegenschlag, der möglicherweise ihre Infrastruktur und Städte zerstört – oder sie reagieren aus Angst vor Vergeltung nicht und setzen sich damit aufgrund ihrer Schwäche ebenfalls Attacken aus, gekoppelt mit Protesten der Bevölkerung und Aufruhr im eigenen Land.

Das Archivfoto zeigt den getöteten General der iranischen Al-Kuds-Brigaden, Ghassem Soleimani.
Das Archivfoto zeigt den getöteten General der iranischen Al-Kuds-Brigaden, Ghassem Soleimani. © Uncredited/Office of the Iranian Supreme Leader/AP/dpa/dpa

Gilles Kepel: "Soleimani war das perfekte Ziel für die Amerikaner"

Bisher galt die Ablösung der religiösen Regierung in Teheran als erklärtes Ziel der Trump-Regierung. Doch nach Soleimanis Tod scheint sich das Volk hinter seinen Führern zu sammeln.
Im Moment scheint es so, ja. Aber wenn man genau hinsieht, wird Soleimani nicht nur von den Religiösen beweint, sondern auch von Monarchisten und Exil-Iranern. Das liegt daran, dass er nicht allein als Vertreter der Islamischen Republik wahrgenommen wurde, sondern als jemand, der das persische Reich von Cyrus, dem Großen wiedererschaffen hat – von Beirut bis Afghanistan. Die religiösen Führer profitieren jetzt zwar von der Krise, aber es ist ungewiss, ob das so bleibt. Die wirtschaftlichen Bedingungen im Iran werden sich nicht ändern. Und wenn die US-Regierung den Irak tatsächlich mit Sanktionen belegt, wird von dort auch kein Geld mehr in den Iran fließen.

Für die Iraner mag Ghassem Soleimani eine Art Wiedergeburt Cyrus’, des Großen gewesen sein. Andere bezeichnen ihn schlicht als Terroristen.
Das hört man vor allem aus der sunnitischen Welt, weil Soleimani wohl derjenige gewesen ist, der in Syrien die meisten Rebellen und Dschihadisten getötet hat. Er war ein Held der Schiiten – das hat ihn zum Feind der Sunniten gemacht.

Sie selbst bezeichnen ihn in Ihrem aktuellen Buch "Chaos" als "möglichen Widerpart zur Geistlichkeit" im Iran. Was genau meinen Sie damit?
Er war gewissermaßen die Nummer zwei des Regimes. Er war sehr charismatisch und hätte nach den Mullahs die Macht in einem nationalistischen Iran übernehmen können, der von der religiösen Führung nicht völlig blockiert gewesen wäre. All das zusammen machte aus ihm das perfekte Ziel für Amerika – insbesondere für Außenminister Mike Pompeo, der ihn wiederholt an den Pranger gestellt hat. Nach dem Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen sagte Pompeo, Soleimani habe mit dem vom Westen geschaffenen Reichtum seine Militärkampagnen finanziert, "mit Haushaltsgeld gespielt und es in Blutgeld verwandelt". Das war sein Todesurteil. Seitdem haben die Amerikaner auf den richtigen Moment gewartet.

Was hat den vergangenen Freitag zum richtigen Moment gemacht?
Iran versinkt aufgrund der US-Sanktionen im Chaos. Die daraus folgenden Hunger-Demonstrationen wurden äußerst gewaltsam niedergeschlagen. Das Land hat nur noch sehr geringe Öl-Reserven. Um das zu kompensieren, haben die Iraner begonnen, irakisches Öl-Geld umzuleiten – mit Hilfe der Milizen, die sie dort kontrollieren. Das ist der Grund für die anti-iranischen Demonstrationen im Irak: Das Lebensniveau dort sank, weil so viel Geld in den Iran geflossen ist. Dasselbe war im Libanon der Fall. Dort gab es Demonstrationen, weil die Hisbollah kein Geld mehr hatte, um ihre Truppen zu bezahlen. Um diese Spirale zu beenden, attackierten die Iraner Saudi-Arabien – ohne Effekt – und dann Amerikaner im Irak. Doch als sie die US-Botschaft in Bagdad angriffen, sind sie zu weit gegangen.

Ob als Indikator für einen militärischen Konflikt oder als Kriegsgrund – Öl spielt in etlichen Krisen im Nahen Osten eine tragende Rolle. Das Bild zeigt Flammen über einem Förderfeld im Irak, das 2016 vom IS in Brand gesetzt wurde.
Ob als Indikator für einen militärischen Konflikt oder als Kriegsgrund – Öl spielt in etlichen Krisen im Nahen Osten eine tragende Rolle. Das Bild zeigt Flammen über einem Förderfeld im Irak, das 2016 vom IS in Brand gesetzt wurde. © Yaser Jawad/imago

Warum?
Weil der Angriff die Amerikaner an die Geiselnahme in der US-Botschaft in Teheran vor genau 40 Jahren erinnert hat – ein enormes Trauma. Zudem weiß Präsident Trump sehr genau, dass Jimmy Carter, der damals um seine Wiederwahl kämpfte, diese wegen der Ereignisse im Iran verloren hat. Trump will nicht "carterisiert" werden. Deshalb war es für ihn entscheidend zu zeigen, dass er in der Lage ist, dem Iran einen empfindlichen Schlag zu versetzen – indem er kurz nach dem IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi auch Ghassem Soleimani tötete. Wissen Sie übrigens, warum Trump im Fall einer iranischen Reaktion auf die Tötung damit gedroht hat, genau 52 Ziele im Iran anzugreifen?

Nein.
Weil damals 52 Geiseln in der US-Botschaft festgehalten wurden. Trump gibt den großen Rächer für die Erniedrigung, die das amerikanische Volk damals erlitten hat. Er zieht alle Register, um wiedergewählt zu werden.

Wird ihm all das dabei helfen, über den November hinaus im Weißen Haus zu bleiben?
Da gibt es ein Problem: 2016 hat er gegen Hillary Clinton gewonnen, indem er in den drei Swing States Wisconsin, Michigan und Pennsylvania damit warb, "die Jungs nach Hause" zu bringen. In diesen Staaten ist die Arbeitslosigkeit besonders hoch. Viele junge Weiße sind deshalb zur Armee gegangen – und in Plastiksäcken zurückgekommen. Dieses Versprechen stellt ihn nun vor die Herausforderung, maximalen Druck auszuüben: mit Drohnen, Raketen – aber ohne Truppen. Die Iraner wiederum wollen diese Strategie scheitern lassen, indem sie Geiseln nehmen oder eben die US-Truppen im Irak angreifen. Wenn es dabei Opfer gegeben hat und Trump in eine Kriegsspirale hineingezogen wird, die er nicht beherrschen kann, bringt das seine Wiederwahl in Gefahr. Und das ist exakt, was die Iraner wollen.

Wie wahrscheinlich ist eine weitere Zuspitzung des Konflikts? Einige Beobachter haben schon bei der Tötung Soleimanis von einem zweiten "Sarajevo-Moment" gesprochen.
Im Moment liegen alle Optionen auf dem Tisch. Ich rate dazu, die Ölpreise zu beobachten. Wenn sie sich wieder erholen, bedeutet das, dass die wichtigsten ökonomischen Akteure nicht daran glauben, dass es einen Krieg geben wird. So war es auch bei den Attacken auf die saudischen Raffinerien. Damals gingen die Preise ein bisschen hoch – und bewegten sich dann wieder nach unten. Nimmt die Wahrscheinlichkeit einer militärischen Auseinandersetzung zu, werden die Preise sofort ansteigen.

Donald Trump hat damit gedroht, zur Vergeltung auch kulturelle Stätten zu vernichten – eine Taktik, die man bislang vor allem vom IS und den Taliban kannte. Ist dieser US-Präsident noch der richtige Partner für die Europäer?
Vermutlich hat er selbst nicht verstanden, was er da getwittert hat. Denn das ist natürlich etwas, das selbst solche Leute verärgert, die den Mullahs feindlich gegenüberstehen.

Sollten sich die Europäer also neu orientieren?
Emmanuel Macron dringt beharrlich auf eine eigene Verteidigungseinheit, weil er es für illusorisch hält, zu glauben, dass Amerika irgendein Interesse am Schutz Europas hat. Europa ist den Amerikanern heute gleichgültig – und für seinen Schutz zahlen wollen sie auch nicht mehr. Deshalb sollte Europa seine Verteidigung endlich in die eigenen Hände nehmen und eine gemeinsame Verteidigungspolitik entwickeln. Denn diese Krisen geschehen direkt vor unserer Haustür. Wir waren bereits das Ziel einer riesigen Zahl von Migranten, was das Erstarken der AfD in Deutschland, des Front National in Frankreich und der Lega in Italien nach sich gezogen hat. Also: Wenn wir nicht in der Lage sind, die Grenzen Europas zu kontrollieren, führt das zu ernsthaften Schwierigkeiten innerhalb Europas.

Krisenherde, die neue Fluchtbewegungen auslösen könnten, gibt es derzeit gleich mehrere: Auch in Libyen verschärft sich aktuell die Situation.
Ja, der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan schickt Dschihadisten, die aus Syrien in die Türkei geflüchtet waren, nach Tripolis, um dort gegen Marschall Haftar zu kämpfen. Gleichzeitig bezahlen die Emiratis und die Saudis sudanesische Söldner um Haftar zu unterstützen. Da entsteht, nicht weit von der italienischen Küste entfernt, ein neuer Krisenherd. Die Folge könnte ein noch grauenhafterer Bürgerkrieg sein – vor dem weitere Menschen in Richtung Italien fliehen. Da muss Europa mitreden! Wenn wir das weiterhin allein den Russen und den Türken überlassen, werden wir ein ernstes Problem bekommen.

"Europa muss sich selbst verteidigen und wiederaufbauen"

Was sollten die Europäer also konkret tun?
Europa muss eine militärische Einheit entwickeln, die in der Lage ist, seine Grenzen zu beschützen – mitsamt einer nennenswerten Luftwaffe, Drohnen und einer Marine, die in der Lage ist, das Mittelmeer zu kontrollieren. Sonst werden die Wähler eines Tages diejenigen sanktionieren, die nicht fähig waren, Europas Grenzen zu schützen.

Und welche Möglichkeiten haben die Europäer im Mittleren Osten?
Dort geht es nicht um Interventionen, sondern um den Wiederaufbau der Levante und um Investitionen, wenn sie befriedet ist.


Gilles Kepels aktuelles Buch "Chaos – Die Krisen in Nordafrika und im Nahen Osten verstehen" ist bei Kunstmann erschienen und kostet 28 Euro.

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