Fußball und Politik eint: Die ganz große Koalition

Fußball und Politik eint mehr, als man denkt: Darauf hoffen jetzt auch Merkel und Löw. Wird die Nationalmannschaft die Kanzlerin aus dem Amt schießen? Oder können ihr die Elf doch noch zu einem Hoch verhelfen?
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In der Sonne der Sieger: Bundeskanzler Helmut Kohl 1990 mit Franz Beckenbauer auf dem Rasen von Rom nach dem WM-Sieg.
imago In der Sonne der Sieger: Bundeskanzler Helmut Kohl 1990 mit Franz Beckenbauer auf dem Rasen von Rom nach dem WM-Sieg.

Fußball und Politik eint mehr, als man denkt: Darauf hoffen jetzt auch Merkel und Löw. Wird die Nationalmannschaft Bundeskanzlerin Angela Merkel aus dem Amt schießen? Oder können ihr die Elf doch noch zu einem Hoch verhelfen?

Die Macht ist rund. Bundeskanzlerin Angela Merkel weiß das. Mit der Fußball-WM beginnt für sie das große Zittern. Wird die Nationalmannschaft Bundeskanzlerin Angela Merkel aus dem Amt schießen? So wie bei der WM 1998, als Deutschland nach dem Desaster erst Bundestrainer Berti Vogts und dann Bundeskanzler Helmut Kohl die rote Karte zeigte. Oder können ihr die Elf doch noch zu einem Hoch verhelfen?

Auch bei Merkel und Jogi Löw gibt es Parallelen. „Beide stehen vor ihrem Finale“, sagt der Soziologe Norbert Seitz. Die Kanzlerin am 30.Juni bei der Bundespräsidentenwahl. Löw das Wochenende davor im Achtel-Finale. Wenn’s nicht klappt, sind sie weg.

„Nichts beeinflusst die politische Stimmungslage mehr als Fußballweltmeisterschaften“, ist Siegfried Frech, Lehrbeauftragter der Universität Tübingen überzeugt. Denn nirgendwo spielt Psychologie schichtenübergreifend eine solche Rolle. Das bewies 1954 das „Wunder von Bern“. Deutschland war wieder wer.

In die Geschichtsbücher ging die WM 1990 ein - mit dem Team- und dem Regierungschef. Kaiser Franz Beckenbauer holte in Rom den Titel, Kanzler Kohl schmiedete die deutsche Einheit.

Ganz den „Ballitikern“ gehörte die WM 2002. Gerhard Schröder und Edmund Stoiber instrumentalisierten sie wie nie zuvor und sprachen nur noch in Fußball-Bildern. Der SPD-Kanzler überraschte im letzten Moment. So wie Rudi Völler mit seiner Truppe, der keiner die Vizeweltmeisterschaft zugetraut hätte.

Bei ihrer Machtübernahme traf Merkel auf Jürgen Klinsmann. Beide wollten radikale Reformen. Klinsmann schaffte 2006 ein Sommermärchen. Merkel zeigte Emotionen, die kaum jemand erwartet hatte.

Klinsmann ging, Merkel blieb, Löw kam und die Reformen dümpeln vor sich hin. Nun haben Kanzlerin und Bundestrainer eine ähnliche Rolle. Er hat bei seinen Vertragsverhandlungen zu hoch gepokert, sie den Wählern zu viel versprochen. Für beide ist es die letzte Chance - mit der jüngsten Mannschaft aller Zeiten. im Kabinett und auf dem Rasen. Beide haben die Quertreiber aus dem Weg geräumt. Merkel: Friedrich Merz und Roland Koch. Löw: Torsten Frings und Kevin Kuranyi. Beiden fehlt der starke Spielführer. Löw muss auf Michael Ballack verzichten. Merkel weint nicht der Großen Koalition nach, aber Peer Steinbrück und Frank Walter Steinmeier.

Jetzt bleibt beiden nur die gewaltige Hoffnung, dass es die elf Jungs auf dem Rasen rausreißen und der Republik eine Neuauflage des Sommermärchens schenken. Denn die Macht des runden Leders könnte mit der WM etwas verändern. Weltmeisterschaften schaffen Mythen und Helden. Die Ethnologin Verena Scheuble und der Politologie Michael Wehner sind sich einig: Die WM ist ein „Seelenkitt“ für die ganze Nation. Den braucht Bundeskanzlerin Angela Merkel derzeit wohl am allerdringendsten für ihre zerstrittene schwarz-gelbe Koalition. Angela Böhm

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