Erster Corona-Impfstoff wird am Menschen getestet

"Das ist ein gutes Signal", sagt der Gesundheitsminister. Hinter der Firma, die die Studie durchführen darf, stecken zwei Männer vom Tegernsee.
| ags, vf, K. Wiendl
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Eine Mitarbeiterin von Biontech steht im Labor des Unternehmens. Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) hat der Mainzer Firma erstmals in Deutschland eine Zulassung für die klinische Prüfung eines Impfstoff-Kandidaten gegen das neuartige Coronavirus erteilt.
Biontech/dpa Eine Mitarbeiterin von Biontech steht im Labor des Unternehmens. Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) hat der Mainzer Firma erstmals in Deutschland eine Zulassung für die klinische Prüfung eines Impfstoff-Kandidaten gegen das neuartige Coronavirus erteilt.

Es ist nur ein kleiner Schritt, doch die Hoffnungen dahinter sind riesig: In Deutschland darf erstmals ein Impfstoff-Kandidat gegen das Coronavirus am Menschen getestet werden.

Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) erteilte dem Mainzer Unternehmen Biontech – dessen Mehrheitsaktionär die Familie Strüngmann ist (siehe unten) – die Genehmigung, den Wirkstoff BNT162b1 in einer klinischen Studie an Freiwilligen zu testen, wie es bei einer gemeinsamen Video-Pressekonferenz von PEI und Biontech am Dienstag hieß.

Tests an 200 gesunden Menschen

Laut Biontech soll es zunächst Tests an rund 200 gesunden Menschen zwischen 18 und 55 Jahren geben. Es handelt sich um eine sogenannte Phase-I/II-Studie. Dabei geht es zum einen um Sicherheit und Verträglichkeit des Impfstoffs.

Zum anderen wird untersucht, ob das Mittel beim Geimpften eine spezifische Immunantwort gegen den Erreger auslöst. Diese ist notwendig, um einen Menschen vor einer Infektion mit Sars-CoV-2 zu schützen. Auch die optimale Impfstoff-Dosis soll bei den Tests ermittelt werden.

Die Studie soll Ende April beginnen, erste Daten sollen im Juni vorliegen. Sollten diese ersten Tests positiv verlaufen, sollen mehr Probanden und auch Risikopatienten in die Prüfung einbezogen werden. Die Frage, wann ein Impfstoff für die breite Bevölkerung zur Verfügung stehen könnte, ist laut PEI derzeit nicht zu beantworten. Klar ist nur: Geforscht wird im Turbo-Modus.

Corona-Impfstoff wird noch Monate dauern

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sprach von einem guten Signal. Es werde aber noch Monate dauern, bis tatsächlich ein Impfstoff zur Verfügung stehen könne.

Ein Impfstoff gilt als das zentrale Mittel im Kampf gegen die Corona-Pandemie. RKI-Vizepräsident Lars Schaade hatte erst am Dienstag gesagt, dass die Menschen in Deutschland solange durch ihr Verhalten Neuinfektionen vermeiden müssten, bis ein Impfstoff verfügbar ist.

Die Genehmigung sei das Ergebnis einer sorgfältigen Bewertung des potenziellen Nutzen-Risiko-Profils des Impfstoffkandidaten, hieß es vom PEI. Das Verfahren lief außergewöhnlich zügig ab. Das PEI schreibt dazu: Mit einer "frühen und umfassenden wissenschaftlichen Beratung wird erreicht, dass die Impfstoffentwicklung zielgerichtet beschleunigt wird und trotzdem die notwendigen wissenschaftlichen Anforderungen erfüllt werden." Es werde darauf geachtet, dass die "erforderliche Sorgfalt nicht beeinträchtigt wird".

Das Mainzer Unternehmen kooperiert bei der Entwicklung des Impfstoffs mit dem US-amerikanischen Pharmaunternehmen Pfizer. Eine Studiengenehmigung in den USA werde in Kürze erwartet, hieß es.

Der von Biontech entwickelte Wirkstoff gehört in die Gruppe der genbasierten Impfstoffe – es ist ein sogenannter RNA-Impfstoff. Er enthält genetische Informationen des Erregers. Im Körper werden daraus Viren-Proteine hergestellt, gegen die das Immunsystem Abwehrstoffe bildet. Dadurch ist der Körper auf eine Infektion mit Sars-CoV-2 vorbereitet. Das könne die Infektion oder zumindest die Infektionskrankheit verhindern oder ihren Verlauf abmildern, schreibt das PEI. In dem genehmigten Teil der klinischen Prüfung werden laut PEI verschiedene Varianten des RNA-Impfstoffkandidaten geprüft.

Seit Ausbruch der Covid-19-Epidemie sind nach Angaben des Verbands forschender Arzneimittelhersteller mindestens 80 Impfstoffprojekte angelaufen. In Deutschland werden laut PEI-Präsident Klaus Cichutek heuer wohl vier klinische Studien mit einem Impfstoffkandidaten starten. Dass bereits 2020 ein erster zugelassener Impfstoff für die Bevölkerung bereitsteht, hält Cichutek für unwahrscheinlich.

Die Strüngmann-Zwillinge: Ein Vermögen für die Forschung

Hinter Biontech stehen die Tegernseer Thomas und Andreas Strüngmann. Seit Jahren stecken die 70-jährigen Zwillingsbrüder ihr Vermögen in die Forschung diverser Arzneimittel, ob zur Krebsbekämpfung oder zur Entwicklung eines Corona-Impfstoffs (AZ berichtete).

Durch den Verkauf des Hexal-Pharmaunternehmens in Holzkirchen 2005 ist ihnen dies möglich. 5,6 Milliarden Euro zahlte der Schweizer Pharmakonzern Novartis für das Generika-Unternehmen der Strüngmanns. Seitdem wollen sie in der Biotechnologie Großes schaffen. Gesteuert wird das weltweite Firmenimperium von der Athos Service GmbH am Rosenheimer Platz in München. Von dort reichen auch die Fäden zum Mainzer Unternehmen Biontech. Weitere Standorte in Deutschland sind in Idar-Oberstein, Berlin, sowie Martinsried und Neuried in Bayern. Der amerikanische Standort befindet sich in San Diego, Kalifornien.

"Wir treiben die Entwicklung global voran, also auch in China und den USA", heißt es in Mainz. Dort würden parallel zur Forschung an einem Impfstoff bereits Produktionskapazitäten zur Massenherstellung aufgebaut.

Auch Bill und Melinda Gates haben schon in Biontech investiert, sowie mit 50 Millionen Euro der chinesische Konzern Forsun Pharma. "Die Aktienmehrheit liegt aber weiterhin bei den Brüdern Strüngmann", sagt deren Sprecher Helmut Jeggle der AZ, "es besteht hier kein Risiko der Abwanderung." Die Strüngmanns als Investoren sehen es als ihre Aufgabe, so Jeggle, "ihren Beitrag zur Linderung dieser weltweiten Krise zu leisten"

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