Edgar Wolfrum über die SPD: "Wie die Alten in der Muppet-Show"

Das sagt ein Experte für Zeitgeschichte über die maulenden SPD-Strippenzieher.
| Julia Sextl
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Hinter einer Mitarbeiterin geht Andrea Nahles (M), Fraktionsvorsitzende der SPD und SPD-Parteivorsitzende, zurück zur Sondersitzung der SPD-Bundestagsfraktion.
Michael Kappeler/dpa Hinter einer Mitarbeiterin geht Andrea Nahles (M), Fraktionsvorsitzende der SPD und SPD-Parteivorsitzende, zurück zur Sondersitzung der SPD-Bundestagsfraktion.

Der Münchner Edgar Wolfrum ist Professor für Zeitgeschichte an der Universität Heidelberg. In der AZ spricht er über die SPD und Andrea Nahles.

AZ: Herr Wolfrum, macht es in Ihren Augen Sinn, dass sich Andrea Nahles am Dienstag zur Wahl stellt?
EDGAR WOLFRUM: Nein, denn einerseits ist sie gewählt, sie könnte einfach weitermachen. Auf der anderen Seite will die Mehrheit der Fraktion sie offenbar nicht, sie könnte auch einfach zurücktreten.

Aber es gibt ja bis zu diesem Moment keinen, der zur Verfügung steht. Jedenfalls hat sich bis Freitag kein weiterer Kandidat aufstellen lassen.
Das ist wirklich Feigheit. Und es ist auch ein grundsätzliches Problem der SPD: Dass diejenigen, die immer maulen und meinen, alles besser zu können, sich zurückziehen, wenn’s drauf ankommt.

"Die SPD muss aufpassen"

Vielleicht will man Nahles ja noch als Sündenbock für die nächsten drei Landtagswahlen im Osten behalten?
Die SPD muss jetzt schon aufpassen – sie kann nicht nach allen Wahlen ihre Führungspersönlichkeiten austauschen. Sie müssen sich mal vorstellen: Zwischen 1949 und 1987 hatte die SPD drei Vorsitzende, Kurt Schumacher, Erich Ollenhauer und Willy Brandt. Seit 1988 hatte sie zwölf Vorsitzende sowie drei kommissarische – also insgesamt 15. Allein diese Zahl zeigt doch, dass da was nicht stimmen kann. Und bei Frau Nahles muss man sagen: Im Fraktionsvorsitz ist sie vielleicht, aber im Parteivorsitz auf keinen Fall die Richtige.

Wie kommt jemand wie sie überhaupt an diese Position?
Die SPD vergibt ihre Posten zurzeit immer im Hauruckverfahren. Beim letzten Mal trat Martin Schulz zurück, und man glaubte, jetzt mal eine Frau in dieser Position haben zu müssen. Und da war nur Andrea Nahles in Sicht. Sie war eine sehr, sehr gute Ministerin. Ihr Ressort im Arbeits- und Sozialministerium hat sie wirklich gut geführt, das kann man nicht anders sagen. Aber für den Fraktions- und vor allem für den Parteivorsitz sind andere Qualitäten vonnöten.

"Es gibt gute Leute in der SPD-Fraktion"

Welche?
Derjenige muss letztlich auch eine Art Sympathieträger sein. Jemand, der die Empathie der Menschen anspricht.

Glauben Sie, es wird noch einen Gegenkandidaten geben?
Ich halte es für ziemlich wahrscheinlich, dass nächste Woche noch jemand auftaucht und dann vielleicht plötzlich die Mehrheit bekommt. Es gibt gute Leute in der SPD-Fraktion.

Nahles hat angekündigt, im Fall einer Niederlage auch den Parteivorsitz aufgeben zu wollen. Wer könnte folgen?
Ich sehe da eigentlich nur zwei Leute: einmal Stephan Weil, den niedersächsische Ministerpräsidenten, der scharrt ja schon ein bisschen mit den Hufen, und Malu Dreyer, die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz.

"Die SPD braucht ein großes Mega-Thema"

Könnten denn die älteren SPD-Semester das Ruder noch herumreißen – die sich ja teils recht herablassend über Nahles geäußert haben?
Die Älteren, die maulen wie die Alten in der Muppet-Show, immer von oben herab zu den Jüngeren. Die werden kein Amt mehr übernehmen, das ist klar. Aber sie werden im Hintergrund mächtig die Strippen ziehen und zusehen, dass die Kandidaten, die auf ihrer Linie sind, jetzt zum Zug kommen.

Wie kommt die SPD aus dieser Misere wieder heraus?
Was ihr einfach fehlt, ist das eine, große Mega-Thema – wie es die Grünen plötzlich hatten mit dem Klima. Und das wäre zum Beispiel die Frage, wie sich diese Mega-Frage Klima mit der sozialen Frage verknüpfen lässt. Denn einfach nur zu sagen, "Klima retten", und so zu tun, als würde das Ganze nichts kosten, das ist ja auch nicht aufrichtig.

Lesen Sie auch: Politische Zukunft von Nahles offen

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